Im Jahre 1869 ging eine Ära der russischen Wirtschaftsgeschichte zu Ende. Als Iwan Mamontow im Morgengrauen starb, hinterließ er ein Handels- und Industrieunternehmen, wie es Russland zuvor noch nie gesehen hatte. Begonnen hatte der Sohn einer sibirischen Kaufmannsfamilie seinen unternehmerischen Aufstieg, als er von Zar Nikolaus I. eine Konzession für den Alkoholhandel erhalten hatte – eine Art Lizenz zum Gelddrucken. Allerdings eine, die Iwan Mamontow nicht verlässlich genug war. Im feudalistischen Russland konnte seine allmächtige Herrlichkeit, der Zar, die Konzessionen ebenso schnell entziehen, wie er sie vergeben hatte. Dem Wunsch des Kaufmanns, seinen blühenden Betrieb weiterzuvererben, stand die Gnade des Herrschers im Wege – so funktionierte die russische Wirtschaft.

Mamontows alte Frage: Wie kann ich die Systemtücke überwinden? Seine moderne Antwort: Er erweiterte seine Geschäftsinteressen oder, wie es im heutigen Managementdeutsch heißen würde, er "diversifizierte". Vier Millionen Rubel steckte Mamontow in das erste privat finanzierte russische Eisenbahnprojekt, eine 60 Kilometer lange Strecke von Moskau nach Sergijew Possad im Nordosten. Die Strecke warf Geld ab, und die erfolgreiche Diversifizierung machte Iwan Mamontow zu Russlands erstem Unternehmer abseits von des Staates Gnaden.

Seinem Sohn Sawwa hinterließ Iwan ein Erbe, für das der Spross überhaupt nicht geschaffen schien. Sawwa war zwar mit dem Charme und der Energie seines Vaters ausgestattet, aber er war ein Schöngeist. Musik und Malerei, Theater und Literatur interessierten ihn, Geldgeschäfte waren ihm unwichtig. Auf Reisen nach Italien, Frankreich und Deutschland sog der junge Sawwa europäische Kultur auf. Er spielte Klavier, nahm Gesangs- und Schauspielunterricht und lernte Bildhauerei. Durch seine Leidenschaft und außergewöhnliche Begabung schien der Lebensweg des Jungen vorgezeichnet: Mit dem üppigen Erbteil seines Vaters würde Sawwa zum müßiggängerischen Ästheten.

Doch es kam anders. In nur 30 Jahren führte Sawwa Iwanowitsch Mamontow die Industrialisierung des gesamten russischen Reiches quasi im Alleingang durch. Als sein Vater starb, war Russland noch ein Bauernstaat; die Landwirtschaft war Russlands soziales und ökonomisches Rückgrat. Um die Jahrhundertwende war das Schienennetz bis an die Pazifikküste ausgebaut, Russland hatte angefangen, seine immensen Bodenschätze zu erschließen und war zur Industrienation aufgestiegen.

Ohne Sawwa Mamontow hätte das riesige Land sich langsamer entwickelt. Allen künstlerischen Neigungen zum Trotz war Sawwa von seinem Vater als Nachfolger auserkoren worden. Mit 14 Jahren schickte er ihn zunächst auf die St. Petersburger Bergwerksakademie, später dann an die juristische Fakultät der Moskauer Universität.

Bei ihm verdienten befreite Arbeiter ihr erstes Geld

Seine ersten Gehversuche in der Geschäftswelt machte Sawwa im Alter von 25 Jahren im Seidenhandel, und sein Erfolg gab Iwans Instinkt Recht. In seinem Sohn steckte ein begabter Unternehmer. Kurz vor seinem Tod berief Iwan ihn in den Vorstand seiner Eisenbahngesellschaft und legte ihm damit die Zukunft der russischen Industrialisierung in die Hände.

Mit der Zeit hatte Sawwa Mamontow seinen Berufsweg innerlich angenommen. Doch er brauchte einen guten Berater und wählte den naheliegendsten Kandidaten. Fjodor Tschishow, Vorsitzender der Mamontowschen Eisenbahnunternehmung und enger Freund des Seniors, hatte das Regelbuch des noch unterentwickelten russischen Unternehmertums geschrieben. In seinem Finanzjournal veröffentlichte er regelmäßig Artikel zu Steuer- und Zollfragen, zum jungen russischen Banksystem und zu modernen Formen der Unternehmensführung. Tschishow nahm Sawwa Mamontow unter seine Fittiche.