Ein Brückenschlag gegen den Hass – Seite 1

Die Wahrheit über Mostar beginnt an einem sonnigen Morgen im Herbst, und dass es sich um die Wahrheit handelt, wird man erst am nächsten Tag vollends begreifen, wenn die Brücke in Stücke gebrochen sein wird. Es ist der 8.November 1993, als der Soldat Nedzad Kasumovic auf das Treppenpodest eines zerschossenen Nachbarhauses steigt und seine Panasonic-Videokamera in Stellung bringt, um seine Wahrheit aufzunehmen über Mostar, Bosnien-Herzegowina.

Ein Panzer der kroatischen Armee feuert Granaten ab, und der Soldat Kasumovic, ein gläubiger Muslim, hat aufgeregt nach einer unbespielten Filmkassette gesucht, keine gefunden, also das Band vom letzten Familienfest in die Kamera gelegt. Er drückt den Aufnahmeknopf, der Kamerasucher zeigt 9.57 Uhr, das Objektiv zielt auf Wolken aus weißem Staub, die von zertrümmerten Steinen übrig bleiben. "Nein", sie tun es, "nein", ruft Kasumovic, weil er es erst nicht glauben will, Kroaten wollen die Brücke von Mostar zerstören, die Alte Brücke, die Stari Most, die alle Kriege überstand. Sie ist 427 Jahre alt, ein Glanzstück osmanischer Baukunst, Symbol einer ehemals friedvollen Stadt, ein Wahrzeichen des Balkans. Der damals 33jährige Kasumovic lässt die Kamera auf die Knie sinken, er fleht und weint, und er erschrickt über sich selbst, als er in seiner lodernden Wut hinüberbrüllt, unhörbar für die kroatischen Soldaten: "Ich ficke die Mutter eures Gottes! Ich ficke die Mutter eures Gottes!"

Die Warnleuchte der Kamera blinkt, Kasumovic rennt nach Hause, aber er findet keine neuen Batterien und erwärmt die alten auf einer Ofenplatte. Für ein paar Aufnahmen wird es noch reichen, Kasumovic stürzt hinaus und dreht, diesmal aus dem Lüftungsloch eines zusammengesackten Klohäuschens. Er zoomt eine geschundene Brücke heran, die im Laufe der Kämpfe gemeinsam von Kroaten und Muslimen, die sich Bosniaken nennen, mit Autoreifen und Holzplanken geflickt worden ist. Zusammen haben Kroaten und Bosniaken ihre Stadt und ihre Brücke gegen Angriffe der Serben verteidigt, im ersten Teil des Krieges. Nun aber, im zweiten Teil, liegen die ehemaligen Verbündeten miteinander im Krieg. West-Mostar gegen Ost-Mostar – und als die Stadt zerreißt, da zerreißt auch die Verbindung aus weißem Stein.

"Die Kamera ist meine gefährlichste Waffe", ahnt Kasumovic. Sie kann eine verlässliche Zeugin sein, wenn es später darum gehen sollte, wer wie viel Schuld auf sich geladen hat. Er filmt zerplatzendes Mauerwerk, solange die Kamera mitmacht. Am nächsten Morgen, als schließlich der Brückenbogen zerbricht, sind seine Batterien leer.

Fast zehn Jahre sind seither vergangen, die Bilder von der beschossenen Brücke längst um die Welt gesendet, längst vergessen. Es herrscht Frieden in Mostar, dem Mittelpunkt der Herzegowina. Kasumovic schaut hinab ins Tal, und dort unten, am Ufer des smaragdgrünen Gebirgsflusses Neretva, wo einst Scharfschützen kauerten, hämmern jetzt Bauarbeiter. Sie meißeln Ornamente in frisch geschnittene Kalksteinquader, und manchmal staksen Kameraleute auswärtiger Fernsehsender durch den Uferschlamm. Dann meißeln die Bauarbeiter besonders hastig. "Vielleicht", hofft Kasumovic, "wird meine Kamera bald benötigt." In einem neuen Museum vielleicht, dort unten. Die Alte Brücke wird neu gemacht, als möglichst perfekte Kopie. So wurde es von der Unesco vor sieben Jahren beschlossen, jetzt geht es in die entscheidende Phase.

Das internationale Komitee begutachtet die Fundamente

Noch immer ist die Stadt geteilt, in eine bosniakische und eine kroatische Hälfte. Der Westen hat Karawanen von Aufbauhelfern geschickt. Noch immer ist Mostar voll von ihnen. Norwegen streicht Fassaden, Frankreich eröffnet Ausstellungen, Deutschland bringt Omnibusse – sie alle probieren ein Tauschgeschäft aus, wie immer, wenn ein Krieg vorüber ist: Geld gegen Frieden, Wiederaufbau gegen Versöhnung. Geht das gut? Die geschenkte Brücke ist ein Lieblingsprojekt der internationalen Gemeinschaft. Die Brücke soll den Anstoß zur Aussöhnung geben. Wird die neue halten? Mostar aushalten? Wird sie halten, was sich der Westen von ihr verspricht?

Die Brücke von Mostar. Der Mythos von Mostar. Als sie noch da war, die "Alte", wie die Alten sie nennen, sprangen im Sommer die Jungs vor den Augen der Mädchen von der Brücke kopfüber gut zwanzig Meter hinab, und als ihre Körper in die kalte Neretva tauchten, glaubten sie, Männer geworden zu sein. Ein paar Jungs verfehlten die tiefste Stelle des Flusses und starben beim Versuch, erwachsen zu werden. Im Schatten der Brücke war viel Platz für Liebe. Unter der Alten, erinnern sich die Alten, schenkten sich junge Liebespaare einen ersten Kuss. Auf der Alten trafen sich die Kinder zum Spielen, die Erwachsenen zum Plausch, die Touristen zum Schwelgen. Die Brücke, sagen die Alten, machte das schläfrige Dorf Mostar zur belebten Stadt. Die Brücke bildete einst das fehlende Stück in einem Handelsweg, von nun an gelangte Salz aus Dubrovnik hinauf in die bosnischen Berge und bosnisches Erz hinab zur Küste von Dubrovnik. Als sie im Granatenhagel starb, sagen die Alten, weinte die Neretva blutige Tränen, denn ihr Wasser färbte sich rot – ja, blutrot, und demütig schauen sie zum Himmel. Aber nein, Wissenschaftler stellten fest: Als die Brücke zerbrach, löste sich nur ihr roter, bauxithaltiger Mörtel im Wasser. Die Brücke von Mostar, sagen Materialforscher, sei stellenweise hohl gewesen.

Ein Brückenschlag gegen den Hass – Seite 2

Das Komitee ist eingetroffen, auf der Baustelle spricht sich die Nachricht schnell herum, das Komitee! Gerade haben die Experten ihre Koffer auf die Hotelzimmer geräumt, sitzen jetzt in geheizten Kleinbussen und fahren gleich vor, um die internationale Baustelle zu inspizieren. Wieder beginnt ein sonniger Tag in Mostar, diesmal jedoch damit, dass das internationale Komitee der Experten, von der Unesco für den Wiederaufbau berufen, wasserumspülte Stützen begutachtet. Die Experten blicken herab von der betongrauen Behelfsbrücke, die bald abgerissen wird, wenn die neue Alte steht. "Wenn sich alle Experten, die daran beteiligt gewesen sind, am Ende auf der neuen Brücke versammeln, wird sie wohl wieder zusammenbrechen", lästert ein Forscher, der dem erlesenen Kreis bis vor kurzem angehörte.

Einen einmaligen Vorgang gilt es zu beraten: die Neuaufführung eines technischen Geniestreichs aus dem 16. Jahrhundert, Nachbau der weltweit größten einbogigen Brücke dieser Art, aus 1088 neuen Quadern, originalgetreu, aber ohne Originalbaupläne. Der türkische Baumeister Hajrudin hatte sich nach der Vollendung der Brücke im Jahr 1566 auf dem Friedhof sein eigenes Grab geschaufelt, weil er fürchtete, sein Werk werde zusammenbrechen und sein Sultan ihn enthaupten. Die Brücke sah so simpel aus, aus der Ferne niedlich klein, mit einem hohen Bogen, frei von Signalen des Triumphs, dabei war die Alte in Wirklichkeit so herrlich kompliziert. Allein die Spannung zwischen den Quadern hielt das Halbrund aus Stein, das schien selbst dem Baumeister beinahe unmöglich.

Wie elastisch muss also der Mörtel sein, um die Spannung des Brückenbogens auszuhalten? Wie viel Wasser muss im Mörtel sein, wie viel Sand, welcher Sand? "Ein Jahr Vorbereitung, ein Jahr Bauen", erfuhr der holländische Orientalist Machiel Kiel aus historischen Schriften, "dann stand die Alte Brücke." Das Komitee tagt zum siebten Mal binnen fünf Jahren. Der Holländer lacht spitz und sagt: "Wir müssen ja auch ständig diskutieren, sogar darüber, ob Steine aus einem kroatischen Steinbruch in eine muslimische Brücke dürfen und so."

Eine türkische Baufirma aus Ankara hat das Rennen gemacht. Ihr Preis war verlockend niedrig. Schon schimpfen Kroaten in Mostar-West: Jetzt errichten ausgerechnet die Türken wieder die Alte Brücke, wie damals, als sie das christliche Abendland eroberten. Eine Firma aus Dubrovnik in Kroatien hat die Bauaufsicht bekommen. Die Kroaten wollen die Aufsicht missbrauchen und die Brücke verhindern, unken Bosniaken in Mostar-Ost. So geht es hin, so geht es her, und zwischen den Fronten des Friedens, die einst Fronten des Krieges waren, spaziert interessiert das Komitee.

Der türkische Generalkonsul von Mostar, ehemals Botschaftssekretär in Ost-Berlin und somit sensibel für geteilte Ansichten, nennt sich grinsend einen "ständigen Beobachter" der Tagung. "Jeder schaut jetzt auf Mostar", verkündet der Unesco-Direktor, während an der Neretva ein Dutzend katholischer Ingenieure vier Dutzend muslimischer Arbeiter beäugt, "jeder schaut auf die Brücke".

Die Welt schaute nicht genau hin, als in Mostar einer der brutalsten Straßenkriege des Balkans tobte, ein Inferno auf einem kargen Hochplateau, weit entfernt von den meisten Fernsehkameras der Welt. Erst als Bilder von der Zerstörung der Alten Brücke in Nachrichtensendungen liefen, erkannten die Westler das Ausflugsziel ihrer Adria-Urlaube und erschraken; Mostar war plötzlich sehr nah.

Der Westen ist zurückgekehrt, nun kommt er mit Kulturinterpreten, die in den Resten der Brückentürme wühlen. Sie haben jetzt etwas Bedeutsames entdeckt: Der Rumpf der beiden Brückentürme stand schon, bevor die muslimischen Eroberer 1469 das christliche Mostar einnahmen. Der Chef des Komitees ist sehr glücklich über diesen Befund: Die steinerne Brücke war ein Werk der Muslime, die Fundamente der Türme allerdings wurden einst von Christen gebaut. "Es ist jetzt wissenschaftlich belegt", sagt der Vorsitzende erleichtert, "das Symbol gehört beiden Seiten." Die Experten wissen schrecklich viel über die Brücke, aber sie wissen erschreckend wenig über die Menschen, die sie bald betreten sollen.

Ein Brückenschlag gegen den Hass – Seite 3

Dracula, Monster’s Ball, Showtime, billige Unterhaltung für die viele Zeit ohne Arbeit verkauft sich in Mostar stapelweise. Der ehemalige Soldat Kasumovic sortiert Filmkassetten in Regale. Er hat eine Videothek an der ehemaligen Frontlinie aufgemacht. Sein Band über den Beschuss der Brücke kann man nicht ausleihen, er hütet es wie einen Schatz. Als er es behutsam aus der Schublade nimmt, funkeln seine Augen, so, als könne er gleich schockierende Bilder vom Schauplatz eines grausamen Verbrechens vorlegen.

Seit in Mostar, der einstigen Modellstadt für das friedliche Miteinander der Kulturen, Kroaten und Bosniaken aufeinander schossen, war der verbindende Geist der Brücke dahin. Von nun an war sie kroatischen Angreifern ein Kriegsziel. Jeder Schuss, der die Brücke traf, sollte ins Herz der Bosniaken treffen.

Der Gestank von Fäulnis wehte durch die Hochhausblocks

Kasumovic fühlte sich erst wie betäubt, dann handelte er. Sein Leben setzte er aufs Spiel, weil er glaubte, der Welt das noch unentdeckte Beweisstück für kroatische Barbarei überbringen zu müssen. Es war schon dunkel, damals, als er sich an einem Seil, das über den tosenden Fluss gespannt war, zum östlichen Ufer hangelte. Er stieß auf ein Rudel verwilderter Hunde, die ihn anknurrten, und Kasumovic rannte atemlos weiter. Sein Band musste zum Kriegssender der Bosniaken, von dort aus nach Sarajevo, von dort aus in die Welt. Als Kasumovic im Studio die Kassette abgab, sah er gemeinsam mit einem Kommandanten der bosniakischen Armee erstmals die frischen Bilder. Wieder begann er zu weinen, der General aber strahlte, schlug ihm auf die Schulter und rief: "Soldat, dieser Film wird dich berühmt machen!"

Kasumovic ist nicht berühmt geworden. Kaum jemand in Mostar kennt seinen Namen. Er lebt zurückgezogen neben einer Moschee, teilt sich zwei Stockwerke mit seiner Frau und seiner alten Mutter. Nach Mekka ist er gepilgert, um sich auf seinen Glauben zu besinnen, den Krieg zu vergessen – und die Brücke. Es tut ihm weh, darüber zu sprechen. Er hustet die Worte hervor, dann stockt der Atem, mit einem Mal richtet er sich auf und schreit in den Luftstrom des surrenden Heizlüfters: "Niemals" habe die Alte Brücke eine religiöse Bedeutung gehabt, "niemals", für ihn nicht, für keinen Muslim. Die heiligen Stätten des Islams lägen nicht in Europa, natürlich nicht. "Was denken Sie!"

"Stari Most". Als Kasumovic diese Worte säuselt, Sekunden später beschwörend brüllt, "Staaari Mooost!", dabei die Arme ausbreitet und sogleich die Hände faltet, glaubt man einen Prediger zu erleben, der seine gescheiterte Mission beweint. Für ein vereintes Mostar hat Kasumovic gekämpft, bekommen hat er es nicht. "Begreifen Sie", Kasumovic lässt nicht los, "die Brücke war unglaublich schön, stolz war sie, grazil." Kroaten aber, sagt er, "haben keinen Sinn für das Schöne. Die geben sich mit trivialem Zeug ab. Die schmuggeln auch Autos." Kroaten, sagt er, hätten in der Brücke ein Symbol der Muslime gesehen, und folglich mussten Kroaten es vernichten, so einfach, ja. Die Brücke verbindet, die Brücke entzweit. Dabei hat sie zu keiner Zeit das Ufer der Christen mit dem Ufer der Muslime verbunden, die Siedlungen der Bosniaken reichen ein paar hundert Meter weit über das Flussufer hinaus in den Westen.

Wie in keiner anderen größeren Stadt des Landes bilden in Mostar zwei Bevölkerungsgruppen zwei gleich große Blöcke – Bosniaken und Kroaten. Zwei Elektrizitätsbetriebe sind vorhanden, einer im Osten, einer im Westen, zwei Telefonnetze, zwei Forstbetriebe, zwei Arbeitsämter, zwei Busbahnhöfe, zwei Universitäten, zwei Schulsysteme, zwei Krankenhäuser, zwei Zivilrechtsordnungen, drei von Bosniaken verwaltete Stadtbezirke, drei von Kroaten verwaltete Stadtbezirke. Der Frieden zwischen Kroaten und Bosniaken hat so begonnen, wie der Krieg zu Ende gegangen war – unentschieden.

Ein Brückenschlag gegen den Hass – Seite 4

Auf den Westen ist Emir Numankadic gut zu sprechen. Die Europäische Union hat jede Menge investiert, damit Mostar sich herausputzen kann. Der Mann, der sich seit 35 Jahren um Mostars Abfall kümmert, fährt hinaus nach Uborak, zur EU-Deponie am Rande der Stadt. An Bergen flatternder Plastiktüten wandert der Verantwortliche für öffentliche Hygiene entlang, berichtet stolz von effizienten Abfallpressen, und wenn man ihn fragt, warum Müll ihn interessiere, dann antwortet der 60-Jährige: "Darin erkennt man den Zustand einer Gesellschaft."

Mit Metallstangen stochern Deponiearbeiter in den Resten, entdecken fast nie etwas, was noch zu gebrauchen wäre. Wenn die Müllsäcke noch auf der Straße stehen, wühlen schon alte Leute, die von ihrer Rente nicht leben können, in den Tüten, finden aber meist nur trockenes Holz für den Ofen. Die Lage auf der Deponie bessert sich hin und wieder, wenn Müll aus der Kaserne am Flugplatz abgekippt wird. Die Tüten von dort sind ordentlich verschnürt. Sie stammen von französischen und deutschen SFor-Soldaten.

Als die Alte Brücke noch stand, Mostars letzte Brücke im Krieg, konnte der Müllfachmann nichts mit ihr anfangen. Eine Brücke für Fußgänger und Handkarren, für Lastwagen viel zu schmal. Der Bosniak gründete einen kleinen Fuhrpark im Osten, kroatischer Müll ging ihn ohnehin nichts mehr an. Wenige Monate bevor die Alte Brücke zerbrach, heuerte er ein paar Fahrer an. Er ließ die Tüten erst am Bahnhof abladen, und wenn es sicher genug schien, schickte er die Wagen los, zur Deponie im Osten, "bloß weg von den Menschen". Später beschaffte er noch mehr Laster und fuhr auch Leichen fort. Dass in Mostar niemals Seuchen ausgebrochen sind, rechnet er sich hoch an. Für ihn besteht eine funktionierende Gesellschaft aus sauberen Straßen, das jugoslawische Mostar hat er geliebt. Als EU-Administrator Hans Koschnick nach dem Krieg die neue Deponie eröffnete, schwärmte der Müllmanager schon: Vielleicht würde Mostar bald wieder eine bezaubernd schöne Stadt sein.

Aber die Kroaten spielen nicht mit, die moderne Müllkippe liegt auf der falschen Seite. Eine eigene Müllabfuhr entsteht im Westteil, der Abfall landet auf wilden Kippen und einem ehemaligen Bergwerksgelände inmitten der Stadt. Giftige Reststoffe versickern im Karst und werden vom Grundwasser fortgespült bis in die Neretva. So wäre es wohl jetzt noch, wenn nicht vor wenigen Monaten die kroatischen Müllwerker gestreikt hätten, weil ihre Firma keinen Lohn mehr zahlte, wenn anschließend die Firma nicht hätte Konkurs anmelden müssen, wenn sich daraufhin der Müll nicht in den Straßen gestapelt hätte, der Gestank von Fäulnis nicht in die Hochhausblocks geweht wäre und Ratten sich nicht durch aufgetürmte Abfalltüten gefressen hätten.

Mostars Außenstelle des Hohen Repräsentanten, verantwortlich für die Kontrolle eines Friedens made in Dayton, hat sich eingemischt. Ein ausgefuchster Plan kam dabei heraus, überbracht von kroatischen Postboten einerseits, bosniakischen Postboten andererseits: Tauschen? Der bosniakische Fußballverein in Mostar-Ost möchte im Stadion spielen, das aber liegt weit im Westen, wird folglich von einem kroatischen Klub verwaltet beziehungsweise okkupiert, je nach Perspektive – nun also: Tauschen? Bosniakische Spiele im kroatischen Stadion und im Gegenzug Abfall der Kroaten auf die Kippe der Bosniaken? Fußball gegen Müll? Was sind schon Abfallsäcke, verglichen mit Fußballpokalen, nein, so nicht. Eine Lösung ohne Gesichtsverlust muss her, ein Geschäft in identischer Währung. Werden jetzt Tüten aus dem Westen auf der Deponie im Osten abgeladen, muss die kroatische Müllabfuhr dafür zahlen, Abfall aus den Vierteln der Bosniaken ist weiterhin gratis. Ein ungleiches Handelsabkommen, aber ein Abkommen, immerhin. Mehr Versöhnung ist bis auf weiteres nicht zu haben. Wer dennoch mehr erzwingen will, spielt mit einem zerbrechlichen Gut. Aus einem komplizierten Krieg ist ein noch komplizierterer Frieden geworden.

Früher als gewöhnlich fällt die Finsternis ins Tal der Neretva. In den verwinkelten Ufergassen von Mostar-Ost, in dessen Souvenirläden zitronengelb und schweinchenrosa kolorierte Ansichten der verschwundenen Brücke feilgeboten werden, gehen plötzlich die Deckenlampen aus. In den HipHop-Kellern und Hochhausbistros von Mostar-West, wo fashion TV junge Models auf römische Laufstege schickt und die kalten Blicke schwarz gekleideter Import-Export-Nachwuchskaufleute fängt, bleiben jetzt die Fernsehschirme dunkel. Stromausfall, bis hinunter zur Küste. Nur ein einziger Lichtstrahl richtet sich empor und lässt den Turm der katholischen Kirche leuchten. Der Franziskaner-Orden hat offenbar ein Notstromaggregat. Schon früher stand an dieser Stelle eine Kirche. Sie wurde im Krieg zerstört, die Franziskaner ließen eine neue bauen, komplett aus Beton, ungleich massiger als die alte, mit einem gewaltigen Kirchenschiff und einem dürren, schmucklosen Turm, der höher ist alles andere in Mostar, höher als die Minarette der Moscheen natürlich, höher noch als der Dom in Zagreb. Einen Meter höher, behaupten Katholiken stolz. Nur 20 Zentimeter höher, widersprechen Muslime zornig. Noch war der Turm nicht errichtet, da ließ der katholische Bischof schon ein riesiges Metallkreuz auf den Berg Hum schaffen, der das Tal überragt. Wo vor fast zehn Jahren das Mündungsfeuer kroatischer Artillerie in die Nacht blitzte, thront jetzt das Kreuz der Christen in einem dunstigen Lichtkranz, hoch über Mostar, einem europäischen Beirut.

In dieser Schlacht geht es um symbolische Herrschaft

Ein Brückenschlag gegen den Hass – Seite 5

Um Landgewinn geht es stets auf diesem Schlachtfeld taktierender Zivilisten, um symbolische Herrschaft im öffentlichen Raum, um Ziele des Krieges mit Mitteln des Friedens. Die Katholiken haben den höchsten Turm der Stadt, also treiben Muslime Geldgeber auf, bauen Moscheen im Akkord und Minarette mit Lautsprecheranlagen, und wenn drüben eine Kirchenglocke erklingt, fahren Hodschas kurz vor den Gebetsrufen die Lautstärkeregler hoch. Wer dieses soziale Gelände auf eine Brücke reduziert, merkt unter Umständen gar nicht, dass die große Idee der kleinen Brücke schon gescheitert ist, bevor die Steine wieder am rechten Fleck stehen. Rund fünfzig Nichtregierungsorganisationen, die meisten aus dem Westen, mühen sich ab in dieser Stadt, die sich nicht mit sich versöhnen will.

Die Obsthändler auf dem Basar hoch über der Neretva klappen ihre Stände zusammen, als Izet Terzic sich auf das Ufergeländer stützt und in das Loch starrt, das heute dort ist, wo früher die Brücke war. "Ein Werk der Vandalen", sagt Imam Terzic, das Oberhaupt der muslimischen Gemeinden von Mostar. "Die Kroaten können unseretwegen sogar behaupten, sie hätten die Brücke aus Liebe zerstört. Wir wissen, wie es war." Einige Kroaten, sagt er, "nennen uns Türken". Er lacht spöttisch. "Sie nennen uns Türken, aber wir kennen die Türkei nicht." Der Imam nimmt einen Zettel, zeichnet darauf einen großen Klumpen, den er Bosnien-Herzegowina nennt, zeichnet kleine Klumpen hinein, die er Muslime, Kroaten und Serben nennt, schreibt Prozentzahlen daneben, kritzelt Striche zwischen Klumpen und Zahlen, spricht von Massakern des Gegners, von Gefangenenlagern und entstellten Gesichtern, und wenn man ihn fragt, wozu er das jetzt berichtet, antwortet er: "Wenn ich mit Bauchschmerzen zum Arzt gehe, muss der wissen, was ich zuletzt gegessen habe." Kann der Islam nicht verzeihen? "O doch", sagt der Imam, "wir sind dazu bereit. Unter zwei Bedingungen: Die anderen sollen ihre Schuld zugeben und uns um Verzeihung bitten."

Die anderen bitten nicht, sie bauen. Das Fundament ist gegossen, der Bischof lässt eine neue, prachtvolle Kathedrale errichten, gleich neben der ehemaligen Frontlinie, gegenüber dem Hotel, in dem EU-Administrator Koschnick einst ein Apartment bewohnte, auf das kroatische Extremisten mit einer Panzerfaust schossen und ihn verfehlten. Jetzt wird mit vergifteten Informationen geschossen. Eine gern verbreitete Legende berichtet, das Fundament der Franziskaner-Kirche sei zu schwer für den karstigen Talgrund, und folglich habe der Turm sich anfangs leicht zur Seite geneigt, und außerdem sei der Betonboden der Kirche drei Meter dick, nein – drei Meter fünfzig, und deshalb sei der Kirchenkeller sicher wie ein Bunker. Vorsorglich hätten die Franziskaner vorgebaut, bald werde es wieder knallen zwischen Christen und Muslimen, zwischen Kroaten und Bosniaken. Schaurige Geschichten von Verschwörungen, Kolportagen vom Ende des brüchigen Friedens erzählt man sich tuschelnd in verrauchten Cafés.

Seit langem ist in Mostar niemand ermordet worden. Aber das Töten ist nicht totzukriegen. Es wird jetzt in Fabeln verkleidet. Katholiken hätten Babys der Muslime auf eiskalte Fußböden gelegt und sie dort erfrieren lassen, damals, im Krieg vor zehn Jahren. Nein, die Muslime hätten Katholiken in die Türme der Brücke gesperrt und sie im Stehen sterben lassen, damals, vor 400 Jahren. So geht es in einem fort. In Gerüchten hält sich die Vergangenheit am Leben und intrigiert gegen die Zukunft, ein aufregendes Gesellschaftsspiel in Zeiten ereignisloser Depression. Nichts behindert die Versöhnung wirksamer als die kroatischen Legenden vom bösen Muslim und die bosniakischen Legenden vom bösen Katholiken.

Viele Akademiker des Westens möchten sich ein Denkmal setzen

Welchen Mörtel? Die Neue im Komitee der Experten versteht nichts von Baumaterial, daheim an der TU Berlin konzentriert sich die Kunsthistorikerin auf "Geschichte und Theorie der Denkmalpflege". An der Brücke in Mostar will sie nun "den Streitwert des Kulturerbes" konservieren. Ein Museum, das auch den Granatenbeschuss zeigen müsse, passe gut dorthin. "Es stellt sich ein didaktisches und ästhetisches Problem bei der Präsentation der Artefakte." Sie spricht hier, wie Professoren in Deutschland schreiben. Das Komitee versteht ihre Botschaft gleich, die örtlichen Beauftragten für den Wiederaufbau der Stari Most ahnen was: Die Fremde will unsere offene Wunde zur Schau stellen. Der Bosniak räuspert sich, der Kroate grummelt. Mit den beherzten Anregungen des akademisch gebildeten Westens haben die beiden leben gelernt. Wer hat sich nicht alles in Mostar ein Denkmal setzen wollen? Zum Beispiel ein italienischer Stararchitekt, der zwischen die Ufer eine durchsichtige Plexiglasbrücke spannen wollte, damit das Loch stets in Erinnerung bleibe.

Anfangs haben die örtlichen Beauftragten immer scharf dagegengehalten, später selten. Höfliche Zustimmung kann man in Mostar kaufen. Die Weltbank hat 15 Millionen Dollar bewilligt. Wer von der neuen Alten lebt, der lebt so lange gut, wie sie noch nicht fertig ist, und bis dahin seinen Frieden mit ihr macht. 15 Millionen Dollar, das sind in Mostar Tausende Jahresgehälter.

Ein Brückenschlag gegen den Hass – Seite 6

300 Meter weiter westlich, in einem der kroatischen Hochhausblocks, ziehen alte Bekannte mit schmalen Lippen an Ronhill-Zigaretten. Der Präsident des Verbandes der Hinterbliebenen gefallener kroatischer Soldaten im Kanton Herzegowina-Neretva empfängt den Präsidenten des Verbandes der kroatischen Kriegsversehrten im Kanton Herzegowina-Neretva. Sie sind sich einig und gießen "Stock"-Weinbrand nach. "Diese Brücke", sagt der Mann vom Verband der Hinterbliebenen, "ist ein Symbol für die türkische Okkupation, den schwärzesten Teil der Geschichte." – "Wir haben uns gefreut, als die Brücke fiel", sagt der Vertreter der Hinterbliebenen. "Wenn Europa hier einen muslimischen Staat will, dann baut Europa ihn gerade mit dieser Brücke auf", meint der Vertreter der Invaliden. Sie haben den Krieg verloren, sagen sie, die Serben haben ihren eigenen Staat mitten in Bosnien-Herzegowina bekommen. Sie aber haben den Friedensvertrag von Dayton bekommen, der die kroatische Kriegsrepublik Herceg Bosna zunichte machte und eine Föderation mit den Muslimen erzwang (siehe Ein ungeliebter Frieden, Seite 17). Sie geben sich nicht zufrieden mit diesem Frieden, sagen sie, sie haben ihr Leben riskiert für Herceg Bosna und für Mostar, das mal Kapitale eines eigenen kroatischen Staates war.

Was verbindet Kroaten und Muslime, fragen sie, was verbindet die Schweiz mit Albanien? Die Teilung sei kein Hindernis, sondern die Lösung aller Probleme. Der Westen aber begreife Mostars Semantik nicht, falle auf die Täuschungsmanöver der Muslime herein, verwechsele Vereinigung mit Frieden. Es sei kein großer Brückenschlag in Sicht, Gott sei Dank, die internationale Baustelle – nichts als Augenwischerei. Das Blutvergießen sei doch erst gestern gewesen, die Zeit noch nicht reif.

"Ihr werdet euch vertragen!"

Miroslav Bem hat diese Anordnung erteilt, in seiner Welt, einer zum Abschließen. Um Menschen, die Anordnungen folgen, hat er sich zu kümmern, sie einzuteilen in Gruppen, je nach Führung. Im Gefängnis von Mostar, das man draußen "Glatze" nennt, ist Bem der Direktor. Er blickt aus dem Büro hinaus auf die hohen, glatten Mauern mit den Stacheldrahtrollen und sagt: "Ein großer Schritt ist gelungen." Vor zwei Jahren gab es noch zwei Gefängnisse in der Stadt, eines im Osten, eines im Westen, beide wurden aufgelöst und die Gefangenen hierher gebracht, in ein renoviertes Haus genau in der Mitte, eine halboffene Anstalt an der früheren Frontlinie. Die Zeit des neuen Direktors beginnt, als die Trennung der Knäste zu Ende geht. Er scheint der Richtige zu sein, gehört keiner nationalistischen Partei an. Er war vorher Lehrer, dann Brandschutz-Inspektor.

Als das Gefängnis im Osten schließt und seine Häftlinge in gepanzerten Wagen bei dem neuen Direktor vorfahren lässt, begrüßt er die Neuen persönlich und zeigt ihnen zunächst das Gebäude, die Wäscherei, die Kantine, die Küche, den Zellentrakt, den Fernsehraum. Die Bosniaken, blass und still, zittern vor Angst, als der Direktor ihnen erklärt: "Hier wird es nur gemeinsame Zellen für alle geben." Viele Angestellte im Gefängnis sind Kroaten, der Direktor allerdings befördert nun bosniakische Angestellte zu Abteilungschefs für Sicherheit und Buchhaltung. Er lässt gerade einen Gebetsraum für die Muslime bauen, die Katholiken haben schon einen.

Häftlinge, die Ärger machen, spüren den Staat. Draußen ist er flüchtig und ohne Kraft, in der "Glatze" erdrückend nah und repressiv. Das Strafrecht ist vereinheitlicht worden, der Staat spricht hier nur eine Sprache. "Wer sich gut führt, darf auf die Ranch." Das sind drei Hektar Landwirtschaft am Rande der Stadt, mit Gewächshäusern und einer Hühnerfarm. Die Ranch ist eine Belohnung, eine Erfindung des Direktors. Er ist in der Lage, Frieden zu diktieren. Ganz Mostar, sagt der Direktor, "kann von uns lernen. Wir sind der einzige Ort, an dem die Vereinigung wirklich stattfindet."

Ein freundlicher Tag neigt sich dem Ende zu, die rote Sonne kriecht hinter das Kreuz auf dem Berg. Kasumovic schließt die Videothek ab und geht heim, in sein Haus neben der Moschee. Eine Mappe voller Schriftstücke trägt er ins Wohnzimmer, breitet Zeitungsausrisse und Protokolle von Gerichtsurteilen vor sich aus. Sein persönlicher Krieg liegt auf dem Teppich, ein Papierkrieg. Er ist eskaliert, als die Alte längst nicht mehr da war.

Ein Brückenschlag gegen den Hass – Seite 7

Die Feuergefechte haben aufgehört, im Sommer 1994 spricht Mostar schon von einem Deutschen namens Koschnick, der die Ruinenstadt bald übernehmen werde, als Kasumovic einige seiner Bilder auf einer großen Leinwand im Osten sieht. Viele Menschen hocken in dem provisorischen Freiluftkino, das jeden Abend denselben Film abspult. Einige Zuschauer stöhnen entsetzt auf, als auf der Leinwand Granaten gegen Steine schlagen. Kasumovic will den Chef sprechen. Man hält ihn auf. "Was willst du? Wer bist du?" – "Ich bin der Mann, der diesen Film gemacht hat." Man glaubt ihm nicht und schickt ihn weg.

"Soldat, dieser Film wird dich berühmt machen", hatte der Kommandant damals gesagt, bevor die Aufnahmen um die Welt gingen. "Der ist verrückt geworden", sagen die Leute nun, als Kasumovic sich einen Anwalt nimmt und Prozesse gegen Filmverleiher und Fernsehsender führt. Erst will er umgerechnet 15000 Euro Schadenersatz, später 50000, außerdem Zinsen. Richter werden bemüht, Kasumovic unterliegt, später obsiegt er in höherer Instanz, die Lage aber bleibt angespannt. "Nichts habe ich bisher bekommen", sagt er, enttäuscht sei er heute auch über falsche Leute auf der richtigen Seite. Gegen einen bosniakischen Sender rennt der Bosniak seither an. So böse ist er darüber inzwischen, dass er sein Material sogar an die Kroaten verkaufen will. Viel Geld brauche er dringend, um eine Operation bei einem Spezialisten bezahlen zu können. Kasumovic ist 43 Jahre alt, seine Frau nicht viel jünger, lange schon wollen sie ein Kind, unbedingt. Das Dokument der Vernichtung könne helfen, dass es noch klappt.

Der hat es getan! Der hat befohlen, sie zu zertrümmern! Der hatte seine Motive. Das sagen alle, die Bosniaken, die Kroaten, ganz Mostar weiß es. Slobodan Praljak war es, ein hochdekorierter General der kroatischen Armee, ein Junge aus dem nahen ∏apljina, der später auf eine höhere Schule in Mostar ging, der von sich behauptete, die Brücke zu lieben, der Elektrotechnik, Soziologie und Philosophie studierte, in Restaurants am Titisee im Schwarzwald fünf Sommer lang Feriengäste bediente, Filmregisseur in Zagreb wurde, sich später mit Hitlers "Blitzkrieg" befasste und als Kommandant der Armee eine "Lebensraum"-Ideologie für das kroatische Volk ersann. Inzwischen 58 Jahre alt, ein schlagfertiger Gast in kroatischen Talkshows, Mitbesitzer einer Zigarettenfabrik nahe Mostar, ein stolzer Mann, der von sich behauptet: "Ich muss mich für nichts in meinem Leben schämen." Sogar zur Eröffnungsfeier auf der neu errichteten Brücke würde Praljak erscheinen – "wenn man mich einlädt".

Der Krieg im Frieden endet erst, wenn alle Wahrheiten verblassen

Slobodan Praljak hat seinen Mantel ausgezogen, den Lederhut an die Garderobe im Zagreber Flughafenrestaurant gehängt und saugt an einem Zigarrenstummel. Er hat sich selbst mit den Worten beschrieben: "1,90 Meter, 110 Kilo." Sein Bart ist weiß, sein Gesicht sehr rot. Der Blutdruck muss hoch sein.

"Um einen einzigen Finger eines meiner Soldaten zu retten, hätte ich drei solcher Brücken zerstört." Mit diesem Satz, den heute jeder in Mostar kennt, ließ sich Praljak nach dem Krieg zitieren. Er spricht sehr laut, bestellt Weißwein und wiederholt diesen Satz, "drei solcher Brücken". Dann sagt er, noch lauter: "Aber ich war es nicht! Ich habe diese Brücke nicht zerstört!" Hunderte, Tausende Kroaten hätten ihm seither gratuliert, Lieder sängen sie ihm zu Ehren auch heute noch, Hymnen auf den Fall der Brücke – "Aber ich war es nicht!" Anfangs habe er noch dementiert, dann aufgegeben.

Die Stari Most war ein militärisches Ziel, und dennoch, sagt Praljak, sei es "Unsinn" gewesen, sie zu zertrümmern. Wozu? Eine Brücke für Fußgänger, zu schmal für schwere Artillerie und für die Kriegsführung ohne Belang. Soldaten ohne Befehlshaber hätten aus dem Panzer geschossen, vereintes Kriegsgesindel.

Ein Brückenschlag gegen den Hass – Seite 8

"Überlegen Sie": Viele Dutzend Granaten feuerte der kroatische Panzer damals auf die Brücke ab, traf erst nur die breiten Seitenteile, schoss weiter, in Intervallen, 24 Stunden lang. "Nur drei Granaten oben in die Mitte", an den wunden Punkt der Brücke, "und sie wäre sofort zusammengebrochen." So viel Kriegshandwerk dürfe man einem kroatischen General bestimmt zutrauen.

"Ich war gar nicht mehr da, als es passierte", behauptet Praljak. Das erklärte er schon dem Richter beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, vor dem er fünf Tage lang aussagen musste – als Zeuge. "Ich war schon abkommandiert." Eine Hand voll Kopien offizieller Dokumente hat er vorzuweisen, die ebendies belegen. Gefälschte Schriftstücke, echte vielleicht oder echte Gefälligkeitsdokumente? Niemand kann das mehr abschließend beurteilen. Noch bevor der Brückenbogen ins Wasser stürzte, sei er, der Kriegsheld Slobodan Praljak, heimgereist – "Hören Sie!" Um an diesem Punkt genau zu sein: ziemlich genau eine Stunde vorher.

Tatsächlich, so könnte es gewesen sein.

Eine neue Wahrheit hat sich losgerissen. Sie wirbelt mit den tausend anderen Wahrheiten durch das Loch über der Neretva, und erst wenn die Wahrheiten verblassen, könnte der Krieg im Frieden vorüber sein.