Um Landgewinn geht es stets auf diesem Schlachtfeld taktierender Zivilisten, um symbolische Herrschaft im öffentlichen Raum, um Ziele des Krieges mit Mitteln des Friedens. Die Katholiken haben den höchsten Turm der Stadt, also treiben Muslime Geldgeber auf, bauen Moscheen im Akkord und Minarette mit Lautsprecheranlagen, und wenn drüben eine Kirchenglocke erklingt, fahren Hodschas kurz vor den Gebetsrufen die Lautstärkeregler hoch. Wer dieses soziale Gelände auf eine Brücke reduziert, merkt unter Umständen gar nicht, dass die große Idee der kleinen Brücke schon gescheitert ist, bevor die Steine wieder am rechten Fleck stehen. Rund fünfzig Nichtregierungsorganisationen, die meisten aus dem Westen, mühen sich ab in dieser Stadt, die sich nicht mit sich versöhnen will.

Die Obsthändler auf dem Basar hoch über der Neretva klappen ihre Stände zusammen, als Izet Terzic sich auf das Ufergeländer stützt und in das Loch starrt, das heute dort ist, wo früher die Brücke war. "Ein Werk der Vandalen", sagt Imam Terzic, das Oberhaupt der muslimischen Gemeinden von Mostar. "Die Kroaten können unseretwegen sogar behaupten, sie hätten die Brücke aus Liebe zerstört. Wir wissen, wie es war." Einige Kroaten, sagt er, "nennen uns Türken". Er lacht spöttisch. "Sie nennen uns Türken, aber wir kennen die Türkei nicht." Der Imam nimmt einen Zettel, zeichnet darauf einen großen Klumpen, den er Bosnien-Herzegowina nennt, zeichnet kleine Klumpen hinein, die er Muslime, Kroaten und Serben nennt, schreibt Prozentzahlen daneben, kritzelt Striche zwischen Klumpen und Zahlen, spricht von Massakern des Gegners, von Gefangenenlagern und entstellten Gesichtern, und wenn man ihn fragt, wozu er das jetzt berichtet, antwortet er: "Wenn ich mit Bauchschmerzen zum Arzt gehe, muss der wissen, was ich zuletzt gegessen habe." Kann der Islam nicht verzeihen? "O doch", sagt der Imam, "wir sind dazu bereit. Unter zwei Bedingungen: Die anderen sollen ihre Schuld zugeben und uns um Verzeihung bitten."

Die anderen bitten nicht, sie bauen. Das Fundament ist gegossen, der Bischof lässt eine neue, prachtvolle Kathedrale errichten, gleich neben der ehemaligen Frontlinie, gegenüber dem Hotel, in dem EU-Administrator Koschnick einst ein Apartment bewohnte, auf das kroatische Extremisten mit einer Panzerfaust schossen und ihn verfehlten. Jetzt wird mit vergifteten Informationen geschossen. Eine gern verbreitete Legende berichtet, das Fundament der Franziskaner-Kirche sei zu schwer für den karstigen Talgrund, und folglich habe der Turm sich anfangs leicht zur Seite geneigt, und außerdem sei der Betonboden der Kirche drei Meter dick, nein – drei Meter fünfzig, und deshalb sei der Kirchenkeller sicher wie ein Bunker. Vorsorglich hätten die Franziskaner vorgebaut, bald werde es wieder knallen zwischen Christen und Muslimen, zwischen Kroaten und Bosniaken. Schaurige Geschichten von Verschwörungen, Kolportagen vom Ende des brüchigen Friedens erzählt man sich tuschelnd in verrauchten Cafés.

Seit langem ist in Mostar niemand ermordet worden. Aber das Töten ist nicht totzukriegen. Es wird jetzt in Fabeln verkleidet. Katholiken hätten Babys der Muslime auf eiskalte Fußböden gelegt und sie dort erfrieren lassen, damals, im Krieg vor zehn Jahren. Nein, die Muslime hätten Katholiken in die Türme der Brücke gesperrt und sie im Stehen sterben lassen, damals, vor 400 Jahren. So geht es in einem fort. In Gerüchten hält sich die Vergangenheit am Leben und intrigiert gegen die Zukunft, ein aufregendes Gesellschaftsspiel in Zeiten ereignisloser Depression. Nichts behindert die Versöhnung wirksamer als die kroatischen Legenden vom bösen Muslim und die bosniakischen Legenden vom bösen Katholiken.

Viele Akademiker des Westens möchten sich ein Denkmal setzen

Welchen Mörtel? Die Neue im Komitee der Experten versteht nichts von Baumaterial, daheim an der TU Berlin konzentriert sich die Kunsthistorikerin auf "Geschichte und Theorie der Denkmalpflege". An der Brücke in Mostar will sie nun "den Streitwert des Kulturerbes" konservieren. Ein Museum, das auch den Granatenbeschuss zeigen müsse, passe gut dorthin. "Es stellt sich ein didaktisches und ästhetisches Problem bei der Präsentation der Artefakte." Sie spricht hier, wie Professoren in Deutschland schreiben. Das Komitee versteht ihre Botschaft gleich, die örtlichen Beauftragten für den Wiederaufbau der Stari Most ahnen was: Die Fremde will unsere offene Wunde zur Schau stellen. Der Bosniak räuspert sich, der Kroate grummelt. Mit den beherzten Anregungen des akademisch gebildeten Westens haben die beiden leben gelernt. Wer hat sich nicht alles in Mostar ein Denkmal setzen wollen? Zum Beispiel ein italienischer Stararchitekt, der zwischen die Ufer eine durchsichtige Plexiglasbrücke spannen wollte, damit das Loch stets in Erinnerung bleibe.

Anfangs haben die örtlichen Beauftragten immer scharf dagegengehalten, später selten. Höfliche Zustimmung kann man in Mostar kaufen. Die Weltbank hat 15 Millionen Dollar bewilligt. Wer von der neuen Alten lebt, der lebt so lange gut, wie sie noch nicht fertig ist, und bis dahin seinen Frieden mit ihr macht. 15 Millionen Dollar, das sind in Mostar Tausende Jahresgehälter.