Burlington, Vermont

Es ist kurz nach Mitternacht, als der Bus auf den verschneiten Parkplatz einbiegt und die entscheidende Phase einer traurigen Flucht aus den Vereinigten Staaten beginnt. Sechs Stunden lang dauerte die Fahrt aus New York City, den Hudson River entlang, immer nach Norden, der kanadischen Grenze entgegen. Letzte Ausfahrt: Plattsburgh.

Die Greyhound-Station liegt hinter einer schmuddeligen Shopping-Mall verborgen. Direkt neben einem deutschen Aldi-Markt hält der Bus. Im Inneren wirft eine rötliche Funzel schwache Schatten. Als sich die Tür öffnet, geht alles ganz schnell. Ein Dutzend Passagiere steigen aus, darunter zwei Männer, wohl Südasiaten, die ein wenig desorientiert unter ihren Kapuzen hervorschauen. Das reicht, um als Beute erkennbar zu sein. Sofort springt einer der wartenden Fahrer von Northern Taxi aus seinem weißen Chevrolet-Straßenkreuzer, greift – ohne zu fragen – die Reisetaschen der beiden Männer und wirft sie in den Kofferraum. Die Fremden wehren sich nicht. Sie glauben offenbar, dass die letzte Teilstrecke ins gelobte Land zwangsläufig etwas teurer werden wird.

Wären sie nur zwei Schritte weiter bis zum Greyhound-Büro gegangen, hätten sie hinter der Scheibe handgeschriebene Zettel sehen können, auf Englisch und auf Arabisch: "Flüchtlinge nach Kanada: Nehmt keine Taxen zur Grenze! Ihr werdet von dort zurückgeschickt. Lieber die Heilsarmee anrufen: 561-2951."

Der weiße Chevrolet ist gerade verschwunden, als Jonathan Knapp zur Mitfahrt in sein Taxi einlädt. Er hat noch nicht den Hof der Shopping-Mall verlassen, da schimpft er schon über die Kollegen. "Beschämend", sagt er, "wie hier alle abzocken. Eine Flut von flüchtenden Muslimen durchquert Plattsburgh, und jeder denkt nur an seinen Profit." 40 Dollar kostet die Fahrt zur Grenze. Manche Fahrer, sagt Knapp, verlangten bis zu 500 Dollar. Auf dem Hof der Greyhound-Station prügelten sie sich bisweilen um die Flüchtlinge.

Ein letztes "I love America"

Die Fahrt zur Grenze, 30 Kilometer, führt anfangs am zugefrorenen Lake Champlain entlang, dann durch Niemandsland. 300 Meter vor der Grenzstation biegt das Taxi in einen Feldweg ein, lässt die beiden Männer aussteigen und fährt davon. Als der Lichtkegel eines weiteren Wagens die Männer erfasst, erstarren sie. Die Einwanderungsbehörde? Nein, bloß der Wagen des Reporters. "Kein Interview, bitte", fleht einer. Nur zwei Worte sind ihm zu entlocken: "Aus Pakistan". Dann geht er auf den Schlagbaum zu. Einige Flüchtlinge, berichtet der Toronto Star, salutierten zum Abschied vor dem Sternenbanner und brächten ein letztes I love America aus.

Und doch wollen sie nichts lieber als nach Kanada einwandern. Südlich der Grenze sind sie Illegale. Was im Einwanderer-Paradies Amerika niemanden störte – bis zum Anschlag vom 11.September 2001. Da begann der Regierung zu dämmern, dass die Kultur der Illegalität Terroristen Schutzraum bieten kann. Seither versuchen die Behörden zu kontrollieren, wer ins Land kommt und wer darin lebt. Nicht durch Einführung von Personalausweisen und Meldebehörden (die gelten als Insignien des autoritären Staates), sondern durch Registrierung von illegalen Einwanderern. Nicht alle sollen sich melden – das wären mindestens sechs, wahrscheinlich neun Millionen Menschen –, sondern allein die "Gefahrengruppe": Männer ohne gültiges Visum und über 16, sofern sie aus Nordkorea oder einem von 24 muslimischen Ländern stammen. Mehr als 32000 Männer sind dem Ruf gefolgt, seit die Verordnung im vergangenen Herbst in Kraft trat. Wer bis zum 21. März nicht bei der Einwanderungsbehörde vorspricht, kann rausfliegen. Und wer sich meldet, vielleicht auch. Fast jeder Zehnte, der erschien, sitzt in Abschiebehaft oder ist schon deportiert – insgesamt 3000 Männer. Seit sich das herumgesprochen hat, will die Fluchtwelle nicht enden. Tausende wollen vor dem Stichtag lieber nach Kanada als zurück in die Heimat. Es ist der erste Exodus von Muslimen aus den Vereinigten Staaten – just in einer Zeit, da die Schmähkritik Amerika ohnehin im Verdacht hat, Krieg gegen Muslime statt Terroristen zu führen.