Der Song klingt neu und doch irgendwie vertraut. Die Stimme ist klasse und erinnert an Nina Hagen, aber der Chor singt ziemlich afrikanisch. Was ist das nur für ein Lied? Wer mit einer solchen Frage in den nächsten Plattenladen geht, wird dort nur mit Glück eine Antwort bekommen. Auch der Radiosender kann nicht weiterhelfen, denn wer erinnert sich ein paar Stunden später noch daran, auf welchem Programm und zu welcher genauen Uhrzeit er das Lied im Café oder im Autoradio gehört hat? Doch jetzt ist technische Abhilfe für das Musik-Dilemma in Sicht.

Wer in Zukunft ein Musikstück erkennen will, drückt einfach einen Knopf am Handy, hält es für ein paar Sekunden in die Nähe des Lautsprechers und bekommt kurz darauf eine SMS-Botschaft mit Angaben über den Titel des Stücks, den Interpreten, das Aufnahmejahr und die CD, auf der es veröffentlicht wurde. Gleich mehrere Softwarefirmen haben die dafür nötige Technik entwickelt, im Testbetrieb funktioniert sie einwandfrei, und auf der Cebit in Hannover präsentieren nun die Firmen net mobile und Vodafone die ersten kommerziellen Anwendungen.

Die Entwicklung, auf der beispielsweise der "Music Scout"-Service von net mobile beruht, stammt vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen. Dort wurde Anfang der neunziger Jahre der MP3-Standard erfunden, der die gewaltigen Datenmengen eines Musikstücks in handliche Computer-Dateien presst. Und dort ist auch eines der Zentren für die Entwicklung des neuen internationalen Standards MPEG-7. Er dient nicht der Speicherung von Musik, sondern ermöglicht die eindeutige Identifizierung von Multimedia-Daten – und macht damit das Finden von Musikaufzeichnungen fast so einfach wie die Textrecherche in den Suchmaschinen des Internet. Jeder Musiktitel – egal, ob Pop, Klassik oder Techno – besteht aus einer charakteristischen Abfolge rauschartiger und tonaler Klänge – also zum Beispiel einem vielstimmigen Chor und dem klaren Ton einer Flöte. Diese Abfolge wird analysiert und als eine Art digitaler "Fingerabdruck" gespeichert. Angaben wie Interpret, Titel und Aufnahmedatum kommen als Text dazu. Trotzdem umfasst ein solcher Fingerabdruck nur etwa ein Tausendstel der Datenmenge des Musiktitels, der damit eindeutig identifiziert wird.

Rund 15000 Audio-Fingerabdrücke haben die Fraunhofer-Forscher bereits in einer Datenbank gespeichert. Kommt nun der Handyanruf aus dem Café oder dem fahrenden Auto, wird von den übermittelten zehn Sekunden Musik ebenfalls der "Audio-Fingerabdruck" erstellt. Ein Suchprogramm liefert dann aus der Datenbank den Eintrag mit der größten Übereinstimmung. Dabei handelt es sich in weit über 90 Prozent der Fälle tatsächlich um den gesuchten Titel – und das auch dann, wenn das Handy nicht am Anfang, sondern irgendwo in der Mitte oder am Ende des Musikstücks angeschaltet wurde und Nebengeräusche den Empfang stören. Das System kann sogar die verschiedenen Versionen eines Titels von derselben Sängerin unterscheiden. Die afrikanische Rockröhre mit dem merkwürdig vertrauten Song zum Beispiel hieß Angelique Kidjo. So steht es in der SMS-Rückmeldung. Sie stammt aus Benin und hat den Jimmy-Hendrix-Klassiker Voodoo Child neu interpretiert. Zu finden ist er auf der 1998 erschienenen Universal-CD Oremi.

"So ein Dienst würde sicher sehr gut angenommen", sagt René Bresgen, Sprecher des Handy-Riesen T-mobile. Und er passt auch genau ins Konzept individualisierter mobiler Dienstleistungen, die in der Kombination mit mobilem Shopping zu weiteren Einnahmen führen sollen. Technisch ist es schließlich kein Problem, dem Musikinteressierten mit der SMS auch gleich ein Kaufangebot zu unterbreiten. Wer den Antwortknopf drückt, bekommt die CD ein paar Tage später vom einschlägigen Versandhandel ins Haus geliefert, abgebucht wird über die Handy-Rechnung.

Den Service bietet net mobile zunächst über eine eigene Telefonnummer an, bald soll es ihn aber auch direkt über die Netzbetreiber geben. Eplus wird den Music Scout einführen, mit anderen Anbietern wird noch verhandelt. Der Fraunhofer-Konkurrent Philips erwartet in diesem Sommer die ersten Kunden für sein System in Spanien. Noch ist allerdings nicht klar, wie sich die Musik-Suchmaschinen unter der Last des Echtbetriebs bewähren werden. Grobe Schätzungen gehen nämlich davon aus, dass weltweit zwischen fünf und 50 Millionen verschiedener Musiktitel auf CDs und Schallplatten veröffentlicht worden sind, und jeden Tag kommen neue dazu. Digitale Fingerabdrücke gibt es erst von 1,2 Millionen Titeln, und Philips hat nur ein Viertel davon archiviert. Je mehr Titel in der Datenbank stehen, desto aufwändiger wird die Suche. Denn dann werden zur eindeutigen Unterscheidung längere Passagen der Musik benötigt, und das erhöht die zu verarbeitende Datenmenge enorm.

Trotzdem wird schon über weitere Anwendungen nachgedacht. So könnten Werbeagenturen mit Audio-Fingerabdrücken überprüfen, ob die von ihnen geschaltete Reklame in Hörfunk und TV tatsächlich wie gebucht ausgestrahlt wird. Radiostationen könnten ihre Playlists für die Abrechnung mit den Plattenfirmen automatisch erstellen lassen, und die stolzen Besitzer großer Musiksammlungen bekämen ein elektronisches Archiv.

Und was kann man tun, wenn man unterwegs eine schöne Musik hört und gerade kein Handy zur Hand hat? Auch für dieses Problem gibt es erste Lösungen. Das Verfahren heißt "Query by Humming", "Suche durch Summen", und soll auch Bestandteil des Music-Scout-Dienstes werden. Hat man sich die Melodie einigermaßen gemerkt, trällert man sie ins Handy und lässt eine zentrale Datenbank nach Musik mit möglichst großer Ähnlichkeit in der Tonfolge suchen. Das soll sogar dann funktionieren, wenn der Suchende völlig unmusikalisch ist. Um die Handy-Rechnung zu schonen, unterbricht der Service allerdings nach 30 Sekunden automatisch die Verbindung – egal, ob das Gesumme des Anrufers erkannt worden ist oder nicht.