Berlin

Dass SPD-Generalsekretär Olaf Scholz eine interessante Figur sein soll, mag dem normalen Fernsehzuschauer und Politikkonsumenten nicht ganz selbstverständlich vorkommen. In den wenigen Monaten seiner Berliner Prominenz hat Scholz viel dazu beigetragen, den fast vergessenen Begriff des Funktionärs wieder anschaulich und gegenwärtig zu machen

dazu kam der unvergessliche Spruch von der "Lufthoheit über den Kinderbetten", die seine Partei erringen wolle. Die geläufige Floskel vom sozialdemokratischen "Beton" allerdings trifft Scholz' Erscheinungsbild und Auftreten nur ungenau. Grau, starr und schwer wirkt er nicht, sondern eher wie programmiert. Tritt der Generalsekretär nach einer Gremiensitzung vor die Öffentlichkeit, kann man den Eindruck haben, nun werde der Scholzomat angeschaltet.

Trotzdem ist er interessant. Zunächst einfach, weil der 44-Jährige zwangsläufig noch ein gutes Stück wichtiger werden wird, schon mangels Konkurrenz unter den Sozialdemokraten seiner Generation. Im vergangenen Jahr sah es so aus, als werde die mittlere Zukunft der SPD von zwei Leuten bestimmt: von Matthias Platzeck und Sigmar Gabriel, den Ministerpräsidenten von Brandenburg und Niedersachsen. Gabriel ist mit seiner Abwahl vorerst aus dem Spiel. Jetzt sind Platzeck und Scholz die Führungsreserve. Wer solche Fantasien liebt, kann sie sich sogar schon als "Doppelspitze" vorstellen: Der einnehmende Platzeck würde einen guten Kanzlerkandidaten abgeben, während Scholz besser als Parteichef zu verwenden wäre, weil er, nun ja, eben so wirkt, wie er wirkt.

Es ist keine Frage, dass Scholz sich dergleichen zutraut. Er ist ehrgeizig und versucht durchaus nicht, diese Tatsache zu verschleiern. Es gilt als gewiss, dass er in seiner Heimatstadt Hamburg bei der nächsten Gelegenheit Erster Bürgermeister werden will. Scholz hat Rudolf Scharping mit festem Griff die Zuständigkeit für die Programmarbeit der SPD entrissen. Als Generalsekretärsvorbild nennt er Heiner Geißler und signalisiert damit den politischen und intellektuellen Anspruch, den er mit dem Amt verbindet. Und das Erstaunlichste ist die Selbstgewissheit, mit der er das alles vorträgt - in einem Augenblick, da es seiner Partei übel ergeht und sein persönliches Image beim Publikum keine weitgreifenden Zukunftshoffnungen nahe legt.

Zur Beschreibung und Einordnung sozialdemokratischer Politik genügen der Öffentlichkeit zwei Kategorien, und so galt Olaf Scholz bei seinem Amtsantritt im vergangenen Herbst als Modernisierer, während seines Apologetentums für den verunglückten Regierungsstart als Traditionalist und nun, da er den Boden bereitet hat für die Kanzlerrede an diesem Freitag, wieder als Modernisierer. Insgesamt denkt er weniger wohlfahrtsstaatlich, weniger gewerkschaftsnah, weniger umverteilungsfroh, als man es sich von einem Sozialdemokraten gemeinhin vorstellt, und so mag er denn ein Modernisierer sein. Aber gerade an seinem Beispiel lässt sich erkennen, wie wenig diese Etiketten besagen. Sie sind der SPD von außen aufgeklebt, und wie in der Partei heute gedacht wird, hängt viel stärker mit ihrem Eigenleben und ihrer Geschichte zusammen.

Olaf Scholz stand als Jungsozialist weit links