er gehörte zum doktrinären Stamokap-Flügel der Jusos. Das taten viele, und fast alle haben, wie Scholz auch, diese Position geräumt. Was ihn von den meisten unterscheidet, sind die Bewusstheit, mit der er sich von seinen Anfängen abgekehrt hat, und die Offenheit, mit der er darüber spricht. Für ihn war es irgendwann klar, dass die mittel- und nordeuropäische Sozialdemokratie die modernste Politikvariante im historischen Angebot war und ein orthodoxerer Sozialismus letztlich autoritäre Dunkelmännerei. Das musste man dann auch zugeben und die Konsequenzen daraus ziehen.

Man bemerkt sofort, was hier in allem Umdenken ungebrochen geblieben ist: der Fortschrittsglaube. Das ist eine andere geistige Welt als bei den Achtundsechzigern, die in ihren Revolutionsgesinnungen spielerischer waren, nicht so linientreu wie der frühe Scholz, und deren Pragmatismus heute stückwerkhafter wirkt, wie beim Ausprobierer und Stimmungsmenschen Schröder.

In seiner Progressivität, in seinen Emanzipationsvorstellungen ist Olaf Scholz unverändert "links"

er ist frei von jener Werte- und Bindungsnostalgie, die sich bei den Grünen stark, aber auch in der SPD häufiger bemerkbar macht. Wenn er die Haltung der Bundesregierung in der Irak-Frage gegen den Populismusvorwurf verteidigt, kommt gleich noch eine kleine Sozial- und Geschichtsphilosophie mit zum Vorschein: "Man darf auch beim Reden über Außenpolitik nicht vergessen, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft leben. Es gibt hier keine Kabinettspolitik mehr wie vielleicht noch in Frankreich und Großbritannien. Krieg oder Frieden? -

das ist eine plebiszitäre Frage par excellence." Die egalitäre Bundesrepublik als historische Avantgarde.

Scholz hält unverändert viel von New Labour und auch einiges von den amerikanischen Demokraten

freilich empfiehlt es sich derzeit in der SPD nicht, auf angelsächsische Modelle Bezug zu nehmen. Die Mitte-links-Parteien in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten verkörpern immerhin Fortschrittlichkeit ohne Sozialismusballast, sie sind wirtschaftsfreundlich, ihr Konflikt mit den Konservativen hat sich in die Gesellschaftspolitik verlagert, wo sie gegen Spießertum und Minderheitenfeindlichkeit stehen. So, als Partei ohne Ressentiments, sieht Scholz auch die SPD, und nichts wäre ihm lieber, als wenn die Union zu den deutschen Tories würde, zu einer Nostalgiebewegung für Sitte, Anstand, eine martialische Außenpolitik und die Wiederherstellung patriarchalischer Unternehmerherrlichkeit im Betrieb. Am Ende lebt Scholz in einer Zwei-Lager-Welt: "Konservative und Sozialdemokraten wird es immer geben. Wenn wir alle Parteien auflösen und neu gründen würden - SPD und Union wären wieder dabei. Bei der FDP oder den Grünen kann man da nicht so sicher sein."