Den Westen plagen Rezessionsängste. Kein Land aber stört das weniger als China, die Volksrepublik setzt ihren Wachstumskurs fort. Acht Prozent Wachstum konnte die Chinesen in der jüngsten Quartalsstatistik vorweisen. In diesem Jahr wird eine Steigerung des Bruttosozialprodukts von mindestens sieben Prozent erwartet. Vielleicht sind die Zahlen etwas geschönt, aber der Wirtschaftsboom wird sich weder von Börsenkurs- noch von Ölpreisschwankungen aufhalten lassen. Schon heute ist China nach Frankreich und vor Italien die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt. Und sie steht erst am Anfang ihrer Entwicklung.

Das scheinen gute Ausgangsbedingungen für den neuen Regierungschef Wen Jiabao zu sein, der diese Woche Premierminister Zhu Rongji ablöste. Zhu machte vieles anders, als es die Ökonomen im Westen rieten, zog die schweren Lösungen den leichten stets vor. So vermeidet Peking bislang die Öffnung der chinesischen Kapitalmärkte für ausländische Investoren und betreibt den Aufbau einer Marktwirtschaft aus eigenen Kräften, an der sich ausländische Unternehmen nur über direkte Investitionen beteiligen können. Noch geht das Rezept prächtig auf. Allein im vergangenen Jahr investierten Firmen aus Übersee 53 Milliarden Dollar in China. Damit stieg die Volksrepublik auf Platz eins der Empfängerliste für ausländische Direktinvestitionen. Ein Beweis dafür, dass viele Manager im Westen der chinesischen Entwicklung auch langfristig vertrauen.

Grund dafür gibt es genug. Siemens-Chef Heinrich von Pierer bezeichnet China als "globale Fabrik" für sein Unternehmen. Hier werden ihm chinesische Tüchtigkeit und proletarische Opferbereitschaft für Fabriklöhne ab 60 Cent pro Stunde geboten. Und so, wie es aussieht, wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Das ist der große Unterschied zwischen China und seinen vielen Vorbildern, von Japan über Singapur bis Südkorea: Diese Länder setzten vor Jahren auch einmal auf Disziplin, Tüchtigkeit und niedrige Löhne. Doch kaum hatten sie die ersten wirtschaftlichen Erfolge erzielt, wollten sie auch die sozialen Errungenschaften der Industriegesellschaften nachahmen. Die fleißigen Arbeiter forderten mehr Geld.

Darauf werden die Chinesen lange warten können. Im Reich der Mitte haben Lohndrücker noch auf Jahrzehnte beste Aussichten, denn die industrielle Reservearmee des Landes verspricht einen unbegrenzten Nachschub an Arbeitskräften. 400 Millionen Chinesen werden in den nächsten zehn Jahren versuchen, dem harten Leben auf dem Lande zu entkommen und einen Arbeitsplatz in der Stadt zu finden. Mit ihnen kann ein Siemens-Chef auch im Jahr 2010 noch rechnen, die Löhne dürften kaum steigen.

Nicht umsonst wird China eine Zukunft als "Weltwerkstatt" vorausgesagt. Schon heute stammen 60 Prozent aller neuen Fahrräder und die Hälfte aller Schuhe rund um den Globus aus der Volksrepublik. Bis zum Jahr 2005 wird China laut Weltbank seinen Anteil an den weltweiten Textilexporten von 20 auf 50 Prozent steigern können. Bald wird das Land auch noch Halbleiter und Computer exportieren.

Doch trotz der Leistungen der vergangenen Jahre und der glorreichen Zukunftsprognosen steht Wen Jiabao, der neue Premier, vor einem riesigen Berg von Problemen.

Verantwortlich ist dafür in erster Linie die schiere Größe seines Landes und seiner Bevölkerung. In China wollen in den nächsten Jahren ebenso viele Menschen reich werden, wie heute Menschen in den wohlhabenden Industrieländern leben. Alle Chinesen träumen vom Wohlstand des Westens, vom Kühlschrank und Fernseher, vom Auto und der eigenen Wohnung. Bei der Oberschicht in den großen Städten, in Peking oder Shanghai, sind diese Insignien des materiellen Aufstiegs längst verbreitet. Handys sind für viele extrovertierte Städter ein Muss. Der große Rest, die chinesischen Massen, haben das Ziel also schon dicht vor Augen. Doch die meisten Bewohner der Volksrepublik werden noch lange warten müssen, um es selbst zu erreichen.

Es gereicht dem neuen Regierungschef zur Ehre, dass er seine Volk nicht darüber im Unklaren ließ, wie weit der Weg zum besseren Leben noch ist. Er tat es, indem er die nackten Zahlen der Arbeitslosigkeit veröffentlichen ließ. Seine Regierung zählt heute acht Millionen registrierte Arbeitslose. Dazu kommen vier Millionen beschäftigungslose Arbeiter in den Staatsbetrieben. Zusätzlich drängen jedes Jahr acht Millionen junge Menschen neu auf den Arbeitsmarkt. Es gibt schon jetzt 90 Millionen unregelmäßig beschäftige Wanderarbeiter und 150 Millionen überschüssige Arbeitskräfte auf dem Land. Das macht insgesamt 260 Millionen Menschen, die nach einem festen Job suchen – zum Beispiel in einem Siemens-Werk. Doch so viele Fabriken, dass alle Arbeitssuchenden Arbeit finden, wird China selbst mit ausländischer Hilfe nicht bauen können.