Krabbeln gen Harvard

Sie warten vor der Tür auf ihr Vorstellungsgespräch. Sie haben die besten Zeugnisse, die eindrucksvollsten Empfehlungsschreiben, die einflussreichsten Beziehungen. Sie haben alles, was einen nach Harvard bringt. Und sie haben ihren Schnuller, falls sie zwischendurch heulen. Sie sind zwei Jahre alt.

Sophia hat es geschafft. Sie ist in jene Krabbelgruppe aufgenommen worden, in die alle wollen. Sie ist in der 92nd Street Hebrew Association for Young Men and Young Women Nursery School, kurz "Y" genannt. Das Y liegt in der Upper East Side von Manhattan, in der Nachbarschaft von Central Park und Fifth Avenue. Hierher schicken Woody Allen und Michael J. Fox ihre Kinder. Mit Sophia und all den anderen sollen sie direkt Richtung Harvard krabbeln, das Y ist eine Kaderschmiede für Kleinkinder. Jeden Morgen wird Sophia von ihrer Mutter in einer Limousine vorgefahren, wie die meisten anderen Kinder auch. Ab halb neun stauen sich vor dem Y die schwarzen Wagen mit den abgedunkelten Scheiben, wie man sie von Filmpremieren in Hollywood kennt. Allerdings steigen hier Kinder aus. Und wer noch nicht laufen kann, wird vom Chauffeur in den Kindergarten getragen.

Für zehn Kinder drei Betreuer

Nursery Schools gibt es in fast allen Bundesstaaten der USA, auch wenn nur wenige mit dem Y mithalten können. Statt allerdings die Kleinen spielen zu lassen, wie in Deutschland, lässt man sie in den USA lieber lernen. Die amerikanischen Kids malen Buchstaben statt Bäume und lernen beim Spielen die spanischen Wörter für Ball und Puppe. Dafür müssen die Eltern meist selbst zahlen, der Großteil der US-Kindergärten ist privatwirtschaftlich organisiert. Mehr als zwei Drittel der amerikanischen Eltern schicken ihre Kinder in eine Nursery School, doch wohl nur in New York tun sie das mit der Limousine. Und nur in New York gelten Kindergartenplätze als Eintrittskarten für Eliteuniversitäten. Es gibt ein gutes Dutzend der hippen Krippen, und sie sind heiß umkämpft, denn in Manhattan steigen Geburtenrate und Wohlstand stetig an.

Sophias Mutter zahlt für das Y jährlich 14 000 Dollar Gebühren und ist "überglücklich". Dass die Schule "großartig" ist, kann man nachvollziehen: Das Y ist ein riesiger Sport- und Kulturkomplex samt Konzerthalle, Sportstudio, koscherem Restaurant und Bibliothek. Hier wird alles unterrichtet, von Tanzen bis Goldschmieden. 175 zwei- bis vierjährige Kinder lernen im Y, wie man mit Fingerfarbe malt und Fremdsprachen spricht. Sophia mag am liebsten Theater. Gespielt werden keine Märchen, sondern das Broadway-Musical König der Löwen. Sophia spielt nicht mit, "ich führe Regie". Die Klassen des Y sind winzig, zehn Kinder haben drei Kindergärtner. Die Dachterrasse des Hochhauses ist ein Spielplatz, und wenn es regnet, muss keiner nass werden: Ein ausfahrbares Dach schützt vor Unannehmlichkeiten. Das Y ist "exklusiv", wie das der Elternratgeber The Manhattan Directory of Private Nursery Schools nennt. So exklusiv, dass für alle, die nicht zur Krabbelgruppe gehören, in der Lobby Schluss ist. Man muss dem Manhattan Directory glauben, dass das Y über "extrem große, repräsentative und einladende Räume" verfügt.

Das Y hat eine Pressesprecherin, die alle Türen verschlossen hält, und auch Sophias Mutter möchte nicht viel mehr sagen, als dass die Schule "wunderbar" ist. Andere Eltern sind noch schweigsamer und verhalten sich wie Politiker: "Kein Kommentar" zum Kindergarten. Dabei gäbe es viele schöne Fragen zum Y, seit die Krabbelgruppe auch ein Thema für die Börsenaufsicht und schließlich für die örtliche Presse geworden ist. Das kam so:

Ein Börsenanalyst wollte für seine Zwillinge nur das Beste: das Y. Das sei zwar – so schreibt er in einer E-Mail – "schwerer, als nach Harvard zu kommen". Aber schließlich gebe es "keine Grenzen bei dem, was man für seine Kinder tut". Deshalb bittet der Vater einen Freund um ein Empfehlungsschreiben für das Y. Der Freund arbeitet in der Chefetage der Telefongesellschaft AT&T und hilft gern. Dafür hilft der Vater wiederum seinem Freund und bewertet die Aktien von AT&T ein bisschen besser. Um ganz sicher zu gehen, spendet sein Unternehmen zusätzlich eine Million Dollar an das Y – für wohltätige Zwecke. Die E-Mail, die verflixte, landet in der Zeitung, und so haben der Vater, der Kindergarten, AT&T, die Börsenaufsicht und am Ende die ganze Stadt ihren Skandal.

Aber der Börsenanalyst hat Recht: Es ist tatsächlich schwer, ins Y zu kommen. Denn Bewerben kann sich nur, wer den Kindergarten besichtigt. Und besichtigen kann nur, wer eine der 300 Karten bekommt, die am ersten Dienstag im September ab neun Uhr morgens telefonisch verteilt werden. New Yorker Eltern stellen an diesem Tag ihre Mobiltelefone auf automatische Wahlwiederholung und geben die Nummer an Verwandte und Freunde weiter. Wer durchkommt, hat noch nicht gewonnen. Von den glücklichen Kindern, die mit ihren Eltern an einer Besichtigung teilnehmen, werden 65 genommen – jene, die am besten mit anderen Kindern spielen und am wenigsten weinen. 65 mit den "ausgeprägtesten motorischen und sprachlichen Fähigkeiten", wie es die Pressesprecherin des Y formuliert.

Krabbeln gen Harvard

Madonnas Kleine blitzte ab

Nicht alle Eltern fühlen sich für diese Prüfung gewappnet. Deshalb gibt es Consulting-Firmen. Zum Beispiel Ivy Wise, deren Name verspricht, dass auf den Kindergarten die Eliteuniversitäten der Ivy League folgen. Bei der Beratung allerdings wird nicht mit den Kindern, sondern hauptsächlich an den Eltern gearbeitet. Denn diese "müssen eine gute Partie" abgeben, wie die selbstständige Erziehungsberaterin Emily Glickman formuliert. Das Manhattan Directory bemerkt dazu: "Manche Schulen haben sich entschieden, eine bestimmte Elternschaft zu kultivieren."

Und wie wird man eine gute Partie? Nicht unbedingt mit Vermögen. Erziehungsberater warnen, dass Millionenspenden auch Türen verschließen können, wenn sie wie Bestechungsgeld wirken – "vor allem in diesen Zeiten", in denen der Finanzskandal um das Y Gesprächsthema auf New Yorker Partys ist. Immerhin aber kann man mit entsprechender Brieftasche die Kindergartengebühren bezahlen und die Berater, die bis zu 4000 Dollar für ihre Hilfe berechnen.

Nicht zu vergessen sind die zehnmal 50 Dollar Bewerbungsgebühr; denn um eine Chance zu haben, sollten Eltern es am besten bei zehn exklusiven Schulen gleichzeitig versuchen. Warum aber muss es für manche unbedingt eine Krabbelgruppe wie Y sein? "Snobismus", sagt ein Erziehungsberater. Plätze in den elitären Kindergärten von Manhattan sind so wertvoll wie seltene Oldtimer: Sie sind Statussymbole. Damit kann man im Country Club noch Menschen neidisch machen. Dass es die Kleine von Madonna nicht ins Y geschafft hat, erhöht den Reiz nur noch.

Wer es schafft, für den gilt: If you can make it there, you can make it anywhere. Zumindest anywhere in der Grundschule, wie eine Studie der Yale University belegt. Kinder, die früh und gut gefördert wurden, haben es in der Grundschule viel leichter. Das kann einen Entwicklungsunterschied von bis zu einem Jahr ausmachen, sagt Wolfgang Tietze, Professor für Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin. Ein Vierjähriger in einer guten Nursery School überholt mit seinen sprachlichen Fähigkeiten Fünfjährige in schlechteren Gruppen.

Spitzenkindergärten wie das Y nennt Tietze daher auch "Hochleistungszentren", was nicht klingt wie der ideale Ort zum Aufwachsen. Er sagt aber auch, dass solche frühe Förderung keine "Kindesmisshandlung" sein müsse, wie man in Deutschland oft denkt. Im Y wollen Eltern nicht nur das Beste für ihre Kinder, sie wollen auch, dass ihre Kinder die Besten sind.

Sonst droht, was Woody Allen so beschreibt: "Sie hat es nicht in die richtige Krabbelgruppe geschafft, was heißt, dass sie nicht auf eine gute private Schule gehen wird, was heißt, dass sie es niemals in eine Eliteuniversität schaffen wird, was heißt, dass sie niemals einen guten Job haben wird." Gut findet er das nicht: "Ich meine, sie ist drei Jahre alt, und ihr Leben ist schon vorbei." Leider erzählt Woody Allen nicht, wie es seiner eigenen Tochter im Y gefällt. Mit Sophia und den anderen spielt sie dort Theater, stapelt Bauklötze, malt Bilder. Und bereitet sich vor. Denn in einer Welt, in der Krabbelgruppen Pressesprecher haben und Consulting-Firmen Kleinkinder betreuen, winkt schon die nächste Hürde: die Aufnahme in die Vorschule. Der Weg nach Harvard ist noch weit.

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