Teheran

Bevor man Ajatollah Bakr al-Hakim sprechen kann, muss man die Toten sehen. Das gehört zum Pflichtprogramm, wenn man den Vorsitzenden des Obersten Rates für die Islamische Revolution im Irak in seinem Teheraner Büro aufsucht. Die Bilder der Dahingeschiedenen sind an der Wand eines großen, mit Teppichen ausgelegten Raumes angebracht. Es sind Brüder, Onkel und Vettern al-Hakims, 28 insgesamt. Saddam Hussein hat sie umbringen lassen.

Wenn Saddam seine Schergen ausschickt, tut er das nicht aus einer Laune heraus; er verbindet damit eine politische Botschaft. Im Fall al-Hakims ging das so: Saddam Hussein ließ auf einen Schlag sechs Angehörige al-Hakims verhaften und exekutieren. Ein Zeuge, ebenfalls ein Verwandter, wohnte der Hinrichtung bei. Danach schickte man ihn zu al-Hakim ins Teheraner Exil mit der Nachricht: Wenn er nicht seine politische Tätigkeit beende, würden weitere Mitglieder seiner Familie ins Gras beißen.

Al-Hakim gab nicht nach – und Saddam Hussein ließ weitere sechs Familienmitglieder exekutieren. Al-Hakim beugte sich nicht. Noch heute sitzt er in Teheran und plant den Sturz des irakischen Diktators. Seit 1980. Damals war er aus dem Irak nach Teheran gekommen. In der für die Schiiten heiligen Stadt Najaf hatte sich al-Hakim einen Namen als hervorragender schiitischer Geistlicher erworben. Ein Gelehrter, der bald auch in den politischen Kampf der irakischen Schiiten eingriff. Die Schiiten stellen im Irak zwar die Bevölkerungsmehrheit, aber sie waren seit jeher von den Privilegien des Systems ausgeschlossen; nicht nur unter Saddam Hussein. Politische Macht hatten im Irak stets die Sunniten.

1980 standen die Dinge gut für al-Hakims Pläne. Er hatte einen mächtigen Verbündeten: Ajatollah Ruhollah Chomeini. Der hatte ein Jahr zuvor im Iran die Macht ergriffen und den Gottestaat ausgerufen. Chomeini sandte Hasstiraden gegen den "Schlächter und Gegner des Islams" Saddam Hussein. Die Schiiten im Irak rief er zum Aufstand auf: "Wir sind durch Rasse, Tradition und Religion verbunden. Keine andere Regierung oder Nation außer Iran hat das Recht, sich um die Zukunft des Irak Sorgen zu machen." Wenig später brach der Krieg zwischen Irak und Iran aus. Er dauerte acht Jahre und kostete mindestens einer Million Menschen das Leben. Al-Hakim bildete in Teheran eine Schattenregierung und rekrutierte irakische Schiiten. Er formte die Badr-Brigaden, eine Guerillatruppe, die noch heute existiert und rund 15000 Kämpfer umfassen soll.

Heute, mehr als 20 Jahre später, sind wesentliche Pfeiler für al-Hakims Politik verschwunden: Chomeini ist seit 13 Jahren tot. Die Islamische Republik, al-Hakims einstiges Modell, befindet sich seit geraumer Zeit im Prozess der Demokratisierung, der ihre theokratische Begründung aushöhlt. Nur eines ist gleich geblieben: Saddam Hussein ist weiter an der Macht. Al-Hakim, so schien es lange, hat das Spiel verloren.

Aber ein anderer ist an die Stelle des Protegisten Chomeini getreten, einer, der noch viel mächtiger ist: US-Präsident George W. Bush. Auch er nennt Saddam Hussein einen "Schlächter", auch er möchte ihn stürzen. Die Motive sind andere, aber für al-Hakim bedeutet Bushs Feldzug zunächst einmal dasselbe: Der Führer der irakischen Schiiten ist wieder im Spiel.

Ein schwieriges allerdings, denn in Teheran gelten die USA noch immer als "großer Satan", als "kolonialistische" Macht, wie Irans oberster Führer, Revolutionsführer Ali Chamenei, erst dieser Tage wetterte.