Die "Church of Ben" witzeln seine Mitmusiker, wenn der Songwriter mit den Rastalocken sein Publikum fast routinemäßig in pfingstliche Stimmung versetzt. Ben Harper hat es raus, wie man Dylan, Hendrix und Marley in die Postmoderne übersetzt. Wie man die universale Message des Folk aus den Zeiten der großen Depression evoziert, ohne sich gleich mit Woody Guthrie zu messen.

Vor allem aber, wie man als Nachgeborener im popmessianischen Steinbruch klaut - nicht etwa mit der Großspurigkeit eines Predigers oder dem Sendungsbewusstsein eines Revolutionärs: Nein, die Ausstrahlung des Poeten mit den afroamerikanisch-indianischen Wurzeln besteht gerade im Gestus des Ehrlich-Schülerhaften.

Harper ist einer, der uns teilhaben lässt an seinen Tagebucheinträgen, der ewigen Suche nach dem Guten im Schlechten, dem Folk im Rock, dem Protest im Reggae und der Religion im Soul. "I killed a snake with a bible / I was living a Johnny Cash song / I'm afraid for this I may be liable/ so it's best I be moving along ..." Zeilen aus Temporary Remedy, einem der lyrisch stärkeren Songs von Harpers neuem Album Diamonds On The Inside (Virgin 7243 5826 6320).

Da bekennt einer sich ausdrücklich zu Johnny Cash und Hank Williams.

Gelegentlich suhlt er sich auch im Gitarrenbombast der siebziger Jahre. Und er kann tatsächlich religiöse Songs schreiben, die wie Outtakes aus Dylans Bekehrungsphase wirken. Nur: Der 33-jährige Shooting-Star der alternativen Rockszene hat ein Problem, er kann alles gut, aber nichts brillant.

Alles Wesentliche ist bereits gesagt, möchte man ihm zurufen. Warum also nicht gleich die gesammelten Werke seiner Vorbilder kaufen anstatt Ben Harpers Müsli-Mix? Offensichtlich verkörpert der Mann eine Verstörung, die ihn mit seinen Fans verbindet. Da ist der gut aussehende All-American MTV guy, der mit Gitarre und Skateboard um die Welt reist, sich Retroklamotten zusammenkauft und eine nackte Frau im Sandsturm auf sein Album-Cover hievt.

Ein Hedonist, denkt man, risse Harper nicht selbst immer wieder die Kulissen ein. "Ich bete jeden Tag", hat er einmal gesagt, "wenn du nicht betest, kannst du nicht demütig sein." Auch wenn er auf seinem Album bisweilen mit elektrischer Wut oder libidinösem Funk tändelt - er bleibt der sanfte Außenseiter, der Optimist unter Zynikern. Die "Church of Ben" bietet Zuflucht vor den amoralischen Auswüchsen des Hit-Zirkus. Und das gleich in einem Dutzend Geschmacksrichtungen.