die zeit: Sind Sie ein nutzloser Schriftsteller?

Ermanno Cavazzoni: Oh ja, absolut.

zeit: Einige der von Ihnen beschriebenen nutzlosen Schriftsteller versklaven andere Schriftsteller, andere werden von Verlagen in dunklen Verliesen gehalten oder sterben so jung, dass sie nur unbeschriebene Seiten hinterlassen. Eine sehr deprimierende Lage.

Cavazzoni: Betrachten Sie das Buch als meine Autobiografie. Es ging mir darum, mich selbst und meine Arbeit infrage zu stellen. Es hat mich immer verblüfft, wenn jemand von sich behauptet, Schriftsteller zu sein. Man kann ebenso gut davon überzeugt sein, ein Heiliger zu sein. Tja. Erst in ein paar Jahrhunderten werden wir sehen, ob er heilig gesprochen wird. Die Heiligen lebten auch nicht mit der Absicht, heilig gesprochen.

zeit: Wenn es nutzlose Schriftsteller gibt, dann muss es auch nützliche geben.

Cavazzoni: Das ist die große Frage. Vor Jahren gab es Debatten, Gruppendiskussionen, in Deutschland gab es davon reichlich, in Italien vielleicht weniger, da gab es die Gruppe 63, in Deutschland die Gruppe 47. Nützlich sein bedeutete, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Diese Überzeugung ist überhaupt weit verbreitet: dass der Schriftsteller eine Art Fachjournalist ist, der einfach nur etwas besser schreibt. Literatur hingegen ist, jedenfalls was mich betrifft, an Nutzlosigkeit gebunden. Um ein Beispiel aus Italien zu geben: Ludovico Ariosto ist völlig nutzlos. Abgesehen vom Vergnügen gibt es keinerlei praktischen Grund, ihn zu lesen.

zeit: Hat Ihnen ein nützlicher Schriftsteller jemals Ihre Nutzlosigkeit vorgeworfen?

Cavazzoni: Weniger Schriftsteller, eher Kritiker.

zeit: Der Kritiker des Corriere della Sera schrieb, dass Sie ein nutzloses Buch geschrieben hätten.

Cavazzoni: Die Kritik ist Teil der Verlagspropaganda. Die Presseabteilungen der Verlage sollen dafür sorgen, dass Rezensionen geschrieben werden. Egal, ob gut oder schlecht geschrieben wird – alles ist Teil dieses Werbegeschwätzes.

zeit: Sie schreiben: "Einen Kritiker braucht man, damit ein Schriftsteller sich einen Augenblick lang einbildet, er würde existieren." Existieren Sie dank der Kritik?

Cavazzoni: Die Kritik ist mir völlig gleichgültig. Ich lese sie höchstens aus Zufall. Es ist fast immer deprimierend. Auch wenn ich gelobt werde.

zeit: Was deprimiert Sie?

Cavazzoni: Die Kritiker ähneln der Jury eines Schönheitswettbewerbs. Sie bewerten Maße, den Hüftumfang. Urteile, die nichts mit dem Körper zu tun haben, den sie bewerten.

zeit: Ihr Buch ist als Handbuch für zukünftige nutzlose Schriftsteller gedacht. Sie schreiben: "Wer ein nutzloser Schriftsteller werden will, braucht nur zu üben. Es empfehlen sich Übungen in den Todsünden, deren es sieben gibt." Aber diese Übungen allein reichten nicht aus, um völlig nutzlos zu werden. Wichtig sei auch das Leben mit seinen Gegebenheiten. Zum Beispiel die Schulen, die man besucht. Welche Schulausbildung war Ihrer Nutzlosigkeit besonders förderlich?

Cavazzoni: Ich habe ein humanistisches Gymnasium besucht. In Reggio Emilia. Im Mittelalter meines Lebens. Mathematik und Physik waren meine Lieblingsfächer. Der Rest hat mich nicht interessiert. Die Schule ist immer ein surrealer Ort. Bevölkert von hormonstrotzenden Schülern, die über nichts anderes als über Geschlechtsorgane nachdenken, und von Lehrern, deren Hirn sich im Laufe der Jahre zurückentwickelt hat, bis sie eine Maschine geworden sind.

zeit: Ebenfalls von Belang sei die Familie, die den zukünftigen Schriftsteller "adoptiert".

Cavazzoni: Man ist immer ein Findelkind, denn man tritt bei der Geburt in eine bereits bestehende Familie ein, die ihre Gewohnheiten und Dynamiken hat. Ich hatte immer den Eindruck, dass ich mich nicht nur an die Sitten und Gebräuche der Menschheit, sondern auch an die meiner Familie anzupassen hätte. Dabei hat mich das Gefühl nie verlassen, ein Außenstehender zu sein.

zeit: Bei der Lektion in Unkeuschheit wird der zukünftige nutzlose Schriftsteller aufgefordert, an dem noch warmen Fahrradsattel zu schnüffeln, auf dem ein junges Mädchen gesessen hat. "Unter allen Gerüchen, die dort zusammenkommen, musst du den warmen, leicht sexuellen herausriechen. Dazu gehört eine Nase, sonst wirst du nie Schriftsteller werden, nie und nimmer!" Wenn das die Lektion für den Anfänger ist, worin besteht dann die für den fortgeschrittenen nutzlosen Schriftsteller?

Cavazzoni: Die Dinge, welche die Sexualität betreffen, sind sehr delikat. Wenn sie geschrieben sind, sind sie da, draußen. Dann haben sie die Form, die sie haben sollen. Mündlich ist das schwierig.

zeit: Oh. Dann sollten wir vielleicht zur Völlerei übergehen. Sie empfehlen dem nutzlosen Schriftsteller den Genuss von schwer im Magen liegenden Frikadellen. Warum?

Cavazzoni: Weil die Frikadelle auf Italienisch polpetta heißt, was ein wunderbares musikalisches Wort ist. Es klingt rund und schwer verdaulich. Dieses doppelte p, das wie Blei im Magen liegt.

zeit: Der Unterricht im Geiz empfiehlt dem Schüler zu schweigen: "Denn die Wörter haben keine lange Dauer, einmal ausgesprochen, schmelzen sie, vertrocknen sie, binnen kurzem bedeuten sie nichts mehr, sind wie Staub, der keine Bedeutung hat." Sind Sie nie redselig?

Cavazzoni: Wenn einer viel spricht, hat er keinen Vorrat mehr an Wörtern. Wenn ich über meine Vorhaben spreche, über meine Pläne, Wünsche, löst sich das alles in Rauch auf. Es ist, als ob man Dinge verbrennen würde. Das Schreiben hingegen hat immer etwas Geiziges. Jemand hält etwas geheim, er häuft Wörter an, wie der Geizige Geld. Leider werden diese schrecklichen Fragen auch an mich gerichtet: Was für Pläne haben Sie? An welcher Baustelle arbeiten Sie gerade? Ich weiß nie, was ich darauf antworten soll, das gesprochene Wort hat immer etwas Ungefähres, es hat etwas von Weggeworfensein, von Müll.

zeit: In der Übung zum Erlernen der Trägheit empfehlen Sie dem zukünftigen nutzlosen Schriftsteller, bei dem Besuch eines bewunderten Schriftstellers einfach einzuschlafen. "Du betrittst sein Arbeitszimmer, setzt dich in einen Sessel, und während er dir eine Zusammenfassung seiner theoretischen Meinung unterbreitet, schläfst du, augenblicklich, ohne etwas zu sagen, ohne aufzuhören, höflich zu sein; er redet zu dir, und du schließt die Augen und schläfst; wenn er zögert und schweigt, schläfst du weiter und bleibst den halben Nachmittag sitzen." Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich jetzt einschliefe?

Cavazzoni: Ich habe bei Konferenzen oft Leute gesehen, die eingenickt sind. Sie dabei zu beobachten war für mich immer sehr erheiternd. Man nimmt nur als Hülle an einer Debatte teil. Trägheit hat auch immer etwas mit Brüten zu tun. Zeit zu verbrauchen und vielleicht darüber zu brüten, was man eines Tages schreiben wird. Keine Pläne zu haben, einfach nur vertrauensvoll zu warten.

zeit: Fällt es Ihnen leicht, zu warten?

Cavazzoni: Es gefällt mir, einfach nur in einer Bar zu stehen, nichts zu tun, allein. Ob es etwas genützt hat? Ich weiß es nicht. Wenn ich ein Geschäftsmann wäre, der von seiner Arbeit beansprucht wird, hätte ich sicher keine einzige Zeile geschrieben. Schreiben entsteht aus dem Nichtstun heraus.

zeit: Schreiben Sie also selten?

Cavazzoni: Nicht jeden Tag. Nur während gewisser Perioden. Manchmal versuche ich es. Und es geht nicht.

zeit: Im Zug klappt es offenbar besser. Ein Teil der Nutzlosen Schriftsteller entstand im Zug Rom–Bologna.

Cavazzoni: Ja, das ist etwas ganz Wunderbares. Aber ich brauche zum Schreiben spezielle Züge.

zeit: Intercity-Züge?

Cavazzoni: Wichtig ist die Länge der Reise. Zwei, drei Stunden. Nicht viele Halts. Man wird von einem Punkt zum anderen gebracht, die Zeit steht still, man sitzt nicht da, um zu schreiben. Denn wenn man sich hinsetzt, um zu schreiben, befindet man sich oft in der misslichen Lage, nichts hinzukriegen. Das ist so wie mit Erektionsproblemen von zur Impotenz neigenden Männern.

zeit: Wie sind Sie angezogen, wenn Sie schreiben? Können Sie auch im Schlafanzug schreiben?

Cavazzoni: Nein, nein, nein. Ich bin immer gut angezogen, wenn ich schreibe. Wenn ich einen Smoking hätte, würde ich im Smoking schreiben. Es ist wichtig, gut angezogen zu sein, um die Würde des Geistes zu bewahren. Ich würde mich sogar gern parfümieren, all das sind Umstände, die das Schreiben begünstigen. Das ist es, was ein Schreibkurs zukünftigen Schriftstellern beibringen sollte: wie man sich beim Schreiben zu kleiden hat.

zeit: Sie haben mit Fellini zusammengearbeitet, der Ihr Buch Der Gesang der Mondköpfe als Vorlage für Die Stimme des Mondes verwendet hat. Aber es entstand kein wirkliches Drehbuch.

Cavazzoni: Nein, manchmal wussten die Schauspieler bis zu dem Augenblick, in dem gedreht wurde, nicht, was sie sagen sollten. Ich fand Fellinis Art zu arbeiten sehr faszinierend. Als würde man anfangen, etwas zu schreiben, von dem man noch nicht weiß, wohin es führt. Es war mir wesensverwandt. Es war, als hätte ich Gelegenheit gehabt, einem Renaissancekünstler beim Freskenmalen zuzuschauen. Fellini hatte diesen ausgeprägten Sinn für Komik, sowohl im Film als auch im Leben. Er hatte eine Distanz zur Welt, die es ihm erlaubte, ihre Eigentümlichkeiten zu dokumentieren.

zeit: Stimmt es, dass Krankenakten der Irrenanstalt von Reggio Emilia Sie für Ihr Buch Kurze Lebensläufe der Idioten inspiriert haben?

Cavazzoni: Ja, zwei oder drei der Idioten-Episoden sind von tatsächlich existierenden Krankenakten inspiriert. Ich hatte mich mit Foucaults Histoire de la Folie beschäftigt und forschte in den Archiven von Irrenhäusern, in Parma, Reggio Emilia, Bologna, Imola, Venedig. Krankenakten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei las ich sehr viele Gutachten, Diagnosen. Dieses geordnete, normierte Schreiben der Psychiater hat mich fasziniert. In objektiv-nüchternem Ton schreiben sie über die abwegigsten Dinge, über Delirien. So entsteht eine unglaubliche Komik.

zeit: Was ist der Unterschied zwischen einem Idioten und einem Schriftsteller?

Cavazzoni: Es gibt keinen großen Unterschied. Ich habe den Begriff "Idiot" wie im Griechischen verwendet, wo er denjenigen bezeichnet, der nicht an der Politik, am öffentlichen Leben, teilnimmt. Das Gleiche gilt für den Schriftsteller.

Das Gespräch führte Petra Reski

Ermanno Cavazonni wurde 1947 in Reggio Emilia geboren und lebt in Bologna. Bekannt wurde er mit seinem wunderbar skurrilen Buch "Kurze Lebensläufe der Idioten". In diesen Tagen erscheint im Wagenbach Verlag, Berlin sein neues Buch "Die nutzlosen Schriftsteller" (aus dem Ital. v. M. Schneider, 186 S., 19,50 Euro)