In was geraten wir da hinein, wenn wir uns auf diese 160 Seiten Prosa einlassen: in eine sanft gedehnte Erzählung, in einen kleinen, verschwiegenen Roman, in ein autobiografisches Intermezzo? Der Autor verweigert uns jede Gattungsbezeichnung. Aber auch Genazinos letztjährige Lieferung von 170 Seiten erzählender Prosa haben wir nicht für einen Roman gehalten, obwohl das damals brav auf Titelseite und Umschlag stand. Wir lesen auch diesmal nicht mehr, nicht weniger als einen neuen Genazino, und das ist seit Jahr und Tag ein verlässliches Markenzeichen, eine Garantie für ein paar Stunden spröden Entzückens.

Wir werden auf eine Zeitreise zurückgeschickt an die Schnittstelle zwischen den vergangenen fünfziger und sechziger Jahren, schmecken den letzten Zauber und Mief der Adenauer-Jahre und hören und sehen einem 17-jährigen Ich-Erzähler zu, der als Alter Ego seines Autors spricht und agiert, ein Ich hinter dem Spiegel. Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman, in so schlichter Reihung wird im Titel das Erzählprogramm definiert. Auch von Romanschreibern und vom Romanschreiben wird hier also erzählt, beziehungsweise, in echt Genazinoscher Reduktion: zunächst eher vom Nichtromanschreiben, aber Romanschreibenwollen.

"Doppelleben" – dieses Stichwort fällt gleich im ersten Satz, in den auch ein zweites Leitmotiv gesetzt wird: "ohne besondere Absicht". Der junge Unheld lässt sich durchs Leben treiben, ihm fällt alles nur zu und einiges dann offenbar ebenso leicht wieder von ihm ab. Er scheint auf hoch empfindliche Weise unempfindlich. Eben von der Schule geflogen, sucht er mit der Mama eine Lehrstelle, findet einen grauen Posten im Büro, dann im Lager einer Spedition, beginnt aber nebenbei als Abendreporter für ein Lokalblättchen zu schreiben. Wenn wir zu diesem Doppelleben noch eine Freundin mit Namen Gudrun notieren und verraten, dass die größte Vertrautheit der beiden darin besteht, dass sie ein gemeinsames Sparkonto führen, aber eine "Bauchhochzeit" und also vorehelichen Verkehr vermeiden wollen, dann ist die Erstausstattung der Genazinoschen Erzählung und ihres Protagonisten schon fast komplett benannt.

Und damit ist auch schon das Wunder angedeutet, dass aus so wenig Material und mit so wenig Aufwand wieder eine Prosa von realistischer und musikalischer Dichte, ein Stillleben mit Menschen, ja eine Welt entstehen kann. Späteste fünfziger Jahre also, eine Industriestadt an einem Fluss, die zu groß ist für eine Kleinstadt, zu klein als Großstadt, tief provinziell und auch beschwert mit der tristen Ahnung, es zu sein – sagen wir: ein Ort wie Ludwigshafen. Betriebsausflug und 1. Mai, die Lords in der Stadthalle, Autogrammstunde mit Rex Gildo, italienische Woche bei Hertie, und noch berichten drei Zeitungen in trauter Konkurrenz über jedes lokale Geschehnis. Zu später Stunde treffen sich im Grünen Baum bittere Literaten, den noch immer nicht begonnenen oder immer noch unfertigen Roman und jede Menge verkannter Lyrik dräuend im Kopf.

Unser Gewährsmann, die 17-jährige Doppelexistenz aus Speditionslehrling und Kleinreporter, durchwandert diese Szenerie mit dem Flaneurgemüt, den tief geistesabwesenden und doch hellwach registrierenden und kombinierenden Blicken, mit denen Genazino alle seine Erzähler begabt hat. Natürlich ist auch er wieder ein Sammler von Unscheinbarkeiten, ein Spezialist für Epiphanien. Aus der schlichten Wahrnehmung, dass in einem Café jeder aufstehende Gast das Tischtuch verzieht, das dann Kellnerin oder Küchenhilfe wieder eilig zurechtzieht, entwickelt er eine grüblerische Phänomenologie und Poetik des UNAUFHÖRLICHEN: "Oder produzierte ich das UNAUFHÖRLICHE nur in meinem Kopf oder vielleicht nur in meinem Blick?"

Auf jeden Fall führt hier auch alles Wahrgenommene ein Doppelleben, verwandelt sich "unaufhörlich" in den ruhigen Fluss von Erzählung: Eben noch "einfach nur da", ist es nun Wortlaut geworden, Text, Literatur. Und in dieser Partitur steht alles wie gleichberechtigt nebeneinander, was der junge Beobachter zusammensieht, seine Tagelöhner im Lager der Spedition und ihr hoffnungslos geduldiges Wesen, Brotkrümel auf einer Schwimmbaddecke oder Mutter mit Kind im Café. Und immer wieder trainiert er vor unseren Augen Blick und Sprache in Schreibübungen und fragt sich: Sind seine Sätze "vielleicht nur schön, aber nicht aufrichtig; oder intelligent, aber traurig; oder vielleicht schön und traurig, aber leider nicht wahr; oder…"?

Doppelleben heißt hier nämlich auch, dass der Junge zwar als Lokalreporter die Herstellung von dreißig oder vierzig Zeilen Zweckprosa für den nächsten Tag übt, dass aber auch in seinem Kopf längst das Phantasma eines großen literarischen Gegenentwurfs zur kleinteiligen Welt gärt. Einen Roman will er, wird er schreiben, genau wie die traurigen Angeber im Grünen Baum. Erst in seiner allerletzten Zeile ist es endlich so weit, da sehen wir ihn warten "auf das Aufzucken des ersten Wortes". Wie großartig sie klingen, diese letzten sechs auf das erste Wort lauernden Worte. Doch damit aus ihnen ein Genazino-Satz wird, muss man die vorangegangenen dazulesen: "Ich sah auf mein Frühstück herunter und wartete auf…"

Immer wieder wird hier das Großartige neben das Gemeine und Unscheinbare gesetzt, dem einen dadurch die Aura entzogen, dem anderen zugespielt. Der alltägliche Frühstücksteller und das Lauern auf den Augenblick der Inspiration sind sehr aufeinander angewiesen. Jeder neue Anlauf zu seelischem Aufschwung ist demütig dankbar, wenn ihm schon vor dem Absprung die Luft ausgeht. Man merkt also erst nach einer Weile, dass Genazino hier tatsächlich seinen Stephen Daedalus, seinen Tonio Kröger und Malte Laurids Brigge erzählt, das Porträt des Poeten als junger Mann und junger Hund, die allmähliche Verfertigung des Schreibens beim Leben. Und dazu noch einen Abschied von den Eltern, durch den Auszug in die erste eigene Wohnung.

Was für ein mit Anspielungen an die Weltliteraturgeschichte aufgeladenes Pensum, und wie sanft und unscheinbar, fast beiläufig wird es erledigt. So auch die Erfahrung einer ersten, nicht erklärten, nur erhofften großen Liebe, die natürlich auch ins Repertoire dieser Jünglingswelt gehört. Um ihr Platz zu machen, wird Gudrun langsam abgeräumt vom Spielfeld, das gemeinsame Sparkonto aufgelöst. Nachdem ein halbherziger Beischlafversuch der beiden gescheitert ist, weil ein übers Sofa tönendes Radiogespräch zwischen Horst Bienek und Heinrich Böll den Liebhaber leider ablenkt vom erotischen Vollzug. Genazino ist ja auch ein trister Meister hilfloser Paarungsszenen.

Doch da ist diese Kollegin Linda aus Ostfriesland aufgetaucht, auch beschäftigt mit Lokalreportagen, auch Gast im Grünen Baum, auch aufgewühlt von ihrem ungeschriebenen Roman, eine junge Frau in einer scharfen, undeutlichen Aura von Wut und Trauer. Die beiden sprechen, statt über sich, lieber über Literatur, sie leidenschaftlich, er zögerlich tastend; doch auch in dieser begeisterten Metasprache rücken sie nah aneinander. Man muss Linda nur zuhören, wie sie "Pflicht" und "Meer" und "die pure und entsetzliche Unüberblickbarkeit" bei Joseph Conrad in Beziehung zueinander setzt, um zu ahnen, wie sie sich dabei offenbart und verbirgt, um auch zu begreifen, dass und wie ihr 17-jähriger Zuhörer ihr verfällt, ihr und ihrer emphatischen Undeutlichkeit .

Diese Linda, immer wieder auftauchend und abtauchend, setzt in Genazinos still vor sich hintreibende Prosa etwas, womit sie und wir Leser gar nicht rechnen: Spannung – die simple, bange Frage, wie es denn nun wohl weitergehen wird mit diesen beiden und ihrer Geschichte. Es geht, um nur so viel zu verraten, eben gar nicht weiter, es bricht jäh ab. Lindas Verschwinden reißt ein großes, wehes Loch ins Buch und auch in dessen Protagonisten. Und wieder staunt man, wie gefasst und sanft sie beide auch mit Trauer umzugehen wissen: "Die Nachricht verlangsamte mein Denken" – so fast stumm wird hier der Verlust bedacht.

Nein, zu Orpheus-Klagen, Joyce-Ekstasen oder Rilke-Schmelz wird sich einer wie Genazino in seinem Jungliteratenporträt nicht hinreißen lassen, nicht einmal zu Thomas Mannscher Wehmutsironie. Obwohl auch er hier diese alte "Aus meinen großen Schmerzen mach ich die kleinen Lieder"- Melodie noch einmal intoniert. Aber der vollkommene Flaneur verliert, auch wenn er unterwegs ist in seinem Innern, nie die Fassung, gestattet sich keinem Ausbruch. Er bleibt gelassen, aufmerksam und – untröstlich. Und wartet dann doch am Ende auf das alte, fragwürdige Wunder, die Verwandlung von Schmerz und Mädchenopfer in Klage und Literatur, "auf das Aufzucken des ersten Wortes".

Wilhelm Genazino: Eine Frau, eine Wohung, ein Roman
Carl Hanser Verlag, München 2003; 160 S., 15,90 Euro