Welches war eigentlich mein allerschlimmstes Kindheitserlebnis? Wenn Sie dieser Frage bisher erfolgreich ausgewichen sind, dann fassen Sie Mut und stellen sie sich versuchshalber einmal. Sie werden merken, dass es gar nicht einfach ist, sich unter schmerzlichen, fürchterlichen und vor allem peinlichen Momenten für den schlimmsten zu entscheiden. War es jener Morgen, als man tränenüberströmt in einem Bus voll wildfremder Kinder saß, unterwegs zu einem vierwöchigen Kuraufenthalt? Oder jene Nacht, als man todesmutig im Garten zu campieren beschlossen hatte, aber dann doch, heimlich, still und leise, durchs Badfenster die Flucht zurück ins Bett ergriff?

Scham, Furcht und gelinde Verzweiflung: Das sind die wesentlichen Gefühlslagen, zwischen denen sich die Hauptfigur in Roswitha Harings literarischem Debüt bewegt. Sie hat keine schlimmste Kindheitserinnerung, sondern viele schlimme. Denn das Kind, wie Roswitha Haring in ihrer Novelle mit dem kühlen, halb Furcht einflößenden, halb poetischen Titel Ein Bett aus Schnee es sieht, steuert nicht auf ein großes läuterndes Initiationsdesaster zu, sondern klettert von einer kleinen Peripetie zur nächsten: keine lebensgefährliche Reise, aber eine, von der niemand unbeschadet zurückkehrt. Die Ich-Erzählerin durchlebt ihre Kindheit als nicht endenwollende Folge mittlerer Katastrophen, wie sie bösartiger seit Robert Musils Zögling Törleß selten geschildert, wie sie subtiler seit Frank Wedekinds Frühlings Erwachen selten inszeniert und lakonischer seit Ödön von Horvaths Jugend ohne Gott kaum kommentiert worden sind.

Eine Couch, eine Obsttorte, ein paar alte Skier

Scham, Furcht und gelinde Verzweiflung – aus diesen Grundfarben bestehen alle Kindheitsmuster, nur vergessen die meisten Menschen nach Verlassen des psychoanalytischen Grundseminars, dass auch das leuchtendste Erwachsenenglück von den alten Farben grundiert wird. Roswitha Haring erinnert ihren Leser daran, indem sie ihn in eine merkwürdig schwankende Stimmung versetzt: Schauder des Wiedererkennens neben Erleichterung, dem Schlimmsten entronnen zu sein. Zunächst wird der an Abenteuern arme, jedoch an allerlei Ereignissen reiche Alltag einer namenlosen Familie in einer namenlosen Stadt beschrieben: Wo es Bockwurst zum Abendbrot gibt, und wo man sich im Flur die Schuhe auszieht, wo die halbwüchsigen Mädchen sich ihre Zehennägel rot lackieren und der Vater sonntagabends schweigend auf der Couch liegt, wo man den Sommer im Schrebergarten verbringt und im Winter die jüngste Tochter zu den Verwandten ins Gebirge schickt. Ein Skiausflug, der als Stadtflucht beginnt und dann doch zurück in die Sackgasse, in den unentrinnbaren Schrecken namens Familie führt, dient Roswitha Haring als Vorwand, die kleinbürgerliche Durchschnittssippe mit ihren schlechten Angewohnheiten und charmanten Eigentümlichkeiten, mit ihren Hoffnungen und Frustrationen zu porträtieren.

Vater, Mutter, Kinder. Onkel, Tante und ein paar Cousinen. Eine durchgesessene Couch, eine Obsttorte, ein paar alte Skier. Die Schriftstellerin reduziert zuerst die mit Wohlstandsmüll vollgerümpelte Gegenwart auf ihre substanziellen Elemente und entwickelt dann die kompliziertesten psychologischen Befunde in ganz schlichten Bildern. Die Hauptfigur, das kleine Mädchen mit seiner Abneigung gegen die Kälte und seinem Hang zur Stubenhockerei, ist ein Schlag ins Gesicht aller postaufklärerischen Bildungsenthusiasten, die noch an das Ideal der Selbstbestimmung, an die Utopie der Mündigkeit glauben.

Roswitha Haring beschreibt ein ganz normales Kind aus der Gegenwart, das sich gegen die ganz durchschnittliche emotionale Verwahrlosung wehrt, indem es sich zurückzieht. Es wartet auf Liebe wie der Bittsteller in Kafkas Erzählung Vor dem Gesetz auf Einlass. Es wartet auf die nächsten Ferien wie der Fatalist in Max Frischs Winterparabel Der Mensch erscheint im Holozän auf das Tauwetter. Kurzzeitig vermag das Kind Gefallen am Schlittenfahren zu finden, aber am liebsten bliebe es im Bett und schliefe. Ein Frühlingserwachen, eine tragisch ausgehende Rebellion gegen die bestehenden Konventionen, ein offener Generationenkonflikt findet nicht statt. Die Familie als brutale Kampfzone ist hier nur am Rande von Interesse, interessanter ist ihre Tendenz zur unterschwelligen Gewalt.

Wie die Wahlverwandtschaft unweigerlich zur Zwangsgemeinschaft wird, das beschreibt Roswitha Haring in kargen Sätzen und dürren, frostigen Metaphern. Wenn die Autorin ihre beiläufigen Pointen setzt, wenn sie ihre Anspielungen auf vergangene und künftige Heimsuchungen streut, erweist sie sich als eine Meisterin in der Kunst des Weglassens. Selbst das Schlimmste, das Unerhörte geschieht in dieser Novelle nur indirekt. Ein Onkel, der nie auftaucht, hat eine ebenfalls nie persönlich in Erscheinung tretende Schwester der Hauptfigur missbraucht. Die Vergewaltigung wird nicht als Vorgang, sondern als Wirkung beschrieben, als das verschwiegene Desaster, das es in jeder Familienchronik gibt und das, je hartnäckiger es überspielt wird, desto sicherer ins große Verstummen, in einen nie mehr endenden Winter des Missvergnügens führt. Es ist, als stürben alle Beteiligten einen langsamen Erfrierungstod, als lägen sie schließlich erschöpft in einem Bett aus Schnee.