Leipzig

Man könnte sie naiv nennen. Blauäugig. Weltfremd. Wie sie da jeden Montag über den Ring durch die Leipziger Innenstadt ziehen. Aber seit Januar werden es von Woche zu Woche mehr, die glauben, dass ihr Marsch etwas nutzt. Immerhin 30000 Leipziger liefen am 17. März mit freundlichem Trotz los, um gegen den drohenden Irak-Krieg zu demonstrieren. Naive, Blauäuigige und Weltfremde waren auch dabei. Vor allem aber das Leipziger Bürgertum. Das hatte mit seinen Demonstrationen über den Ring schon einmal eine Wende herbeigeführt, genauer: die Wende, die das Ende der DDR bedeutete.

Heidemarie und Bernd-Michael Gräfe – sie Altistin im Chor des MDR, er Verfahrensingenieur in einem Forschungsinstitut – gehörten damals zu den Demonstranten und sind es heute wieder: "Das ist die Erfahrung aus den 89er Demos", sagen sie. "Dass man mit friedlichen Mitteln doch etwas erreichen, Einfluss nehmen kann."

1989 waren Gräfes nicht von Anfang an dabei. Sie haben ihren beiden halbwüchsigen Söhnen zuerst sogar verboten, in die Innenstadt zu gehen. Die waren trotzdem dort. Sebastian, der Jüngere, damals 14 Jahre alt, besuchte an der Universität die "Schülerakademie" für besonders Begabte. Sie endete montags gegen 17 Uhr. "Auf dem Nachhauseweg musste ich am Nikolaikirchhof vorbei. Damals führte die Demonstration schon über den Ring. Ich sah die Lastwagen voller Armisten oder Volkspolizisten. Die Hosen und die schwarzen Stiefel erinnerten mich ungeheuer an Naziuniformen. Es wurde in dieser Zeit auch darüber geredet, dass die Krankenhäuser zusätzliche Blutkonserven lagerten und in den Kasernen scharfe Munition ausgeteilt worden sei."

Die Angst der Eltern speiste sich damals auch aus Erinnerungen, die ihre Kinder nicht hatten: aus Bildern vom 17. Juni 1953 und den Ereignissen nach dem Prager Frühling 1968.

Als aber nach den brutalen "Zuführungen" von Demonstranten durch Staatssicherheit und Volkspolizei der Aufruf "Keine Gewalt!" über die lokalen Sender lief, "war klar: Da darf keine Luft mehr dazwischen." Von jetzt an waren Gräfes immer dabei.

Leipzig sieht anders aus, seitdem. Keine verrußten Fassaden mehr, kein Grau-in-Grau, das Heidemarie Gräfe immer krank gemacht hatte, wenn sie von ihren Auslandsgastspielen zurückkam. Die Montagsdemonstration führt heute durch eine prächtige Innenstadt. Verändert sind auch die Losungen. Sie lauten nicht mehr: Wir sind das Volk!, sondern: Kein Krieg!

Wie damals, begann auch diesmal alles in der Nikolaikirche, in der sich – ebenfalls eine Wiederholung – zuerst eine Hand voll Leute zum Friedensgebet traf. Die Kirche ist heute eine Baustelle; Gerüste versperren die Sicht auf Altar und Decke. Statt, wie früher, 2000 Menschen fasst sie heute nur noch knapp die Hälfte. Die ersten Plätze auf den Kirchenbänken sind deshalb schon eine Stunde vor Beginn des montäglichen Friedensgebetes besetzt. Nikolai-Pfarrer Christian Führer wird von einem holländischen Fernsehteam interviewt. Warum die Proteste gegen einen Krieg gerade hier so heftig seien, will man wissen. Wenn die Deutschen vor einem Krieg warnen, antwortet er, müssten die Amerikaner das ernst nehmen. Die Deutschen hätten viel Erfahrung damit. "Die älteren Leute hier haben die Bombennächte noch in Erinnerung." Ihr kategorisches "Nie wieder Krieg!" bringe die Leute zur Kirche. "Wir sind eine kleine Gemeinde", sagt Christian Führer – "wie in allen Innenstädten, in denen es mehr Büros als Wohnungen gibt". Doch die Gemeinde, die sich montags in der Kirche zusammenfindet, ist groß. Darunter sind viele, die nicht an Gott glauben. Und trotzdem kommen. Montag für Montag.

Gräfes warten im Freien auf den Beginn der Demonstration. Das Friedensgebet wird nach draußen übertragen. Bernd-Michael Gräfe hat als Kind die Bombenangriffe erlebt. "Die Junkers-Werke hatten einen Teil der Produktion in die Messehallen verlegt. Wir wohnten in der Nähe. Die Hallen wurden kaum getroffen. Von den sechzehn umliegenden Wohnhäusern aber standen danach noch ganze zwei."

Zweifeln Sie nicht manchmal am Zweck Ihrer Bemühungen?, wird Christian Führer gefragt. Nein, sagt der Pfarrer mit Bestimmtheit. Aber die großen Entscheidungen würden doch anderswo getroffen; nicht hier, in der Nikolaikirche. "Das hat Honecker 1989 auch gedacht", antwortet Führer. "Es ist die Wende noch möglich", sagt der Pfarrer, "das Wunder!" Warum zweifeln, wenn Gott es doch schon einmal ermöglicht hat? Und wenn die Bomben fallen, was wird aus der Friedensbewegung? "Wir werden weitermachen."

Bernd-Michael Gräfe sagt Ähnliches, nur nüchterner. Er ist Ingenieur. "Gerade, wenn es zum Krieg kommt, müssen die Demonstrationen weitergehen!" Als später ein Transparent am Rande des Zuges hochgehalten wird, auf dem steht: "Gegen den anti-amerikanischen Konsens!", erntet die Zeile Stirnrunzeln. Auch bei Gräfes. "Das ist keine antiamerikanische Demonstration. Im Gegenteil: Sie ist proamerikanisch. Wir wollen die Amerikaner vor einem Fehler bewahren."

Gräfes jüngerer Sohn Sebastian beobachtet das Geschehen in seiner Heimatstadt derweil aus der Distanz, aus Brüssel. Der Politikwissenschaftler hat ein Postgraduierten-Stipendium der Robert Bosch Stiftung bekommen und will demnächst für drei Monate in den Iran. Dass sich seine Eltern gegen den Irak-Krieg engagieren, wundert den Sohn nicht. "Sie haben sich nach der Wende immer politisch engagiert." Er selbst sehe die Antikriegsdemonstrationen in Europa jedoch "mit gemischten Gefühlen". Neben amerikanischen hätten schließlich auch deutsche und französische Firmen maßgeblich an der nuklearen Aufrüstung des Iraks verdient. "Aber ich sehe keine Demonstranten vor Elf Total oder Degussa." Die Welt mit Entwicklungshilfe zu befrieden, diesen Glauben könne er nicht teilen. Dem Terrorismus werde man so schon gar nicht Herr werden.

In der Leipziger Nikolaikirche spricht derweil Christian Führer: "Frieden ist der Ernstfall, nicht der Krieg." Der Pfarrer erinnert an den Tag vor 15 Jahren, als Saddam Hussein irakische Kurden mit Giftgas umbringen ließ. "Damals hat er die Welt schon einmal wissen lassen, dass er sie mit Krieg überziehen will. Warum jetzt aufhören mit den Inspektionen, wo die Entwaffnung des Iraks so gut vorangeht?" Draußen sagen Gräfes ganz schlicht: "Was jetzt geschieht – das müssen wir in aller Freundschaft zu den USA sagen –, das können wir nicht mittragen."