Gräfes warten im Freien auf den Beginn der Demonstration. Das Friedensgebet wird nach draußen übertragen. Bernd-Michael Gräfe hat als Kind die Bombenangriffe erlebt. "Die Junkers-Werke hatten einen Teil der Produktion in die Messehallen verlegt. Wir wohnten in der Nähe. Die Hallen wurden kaum getroffen. Von den sechzehn umliegenden Wohnhäusern aber standen danach noch ganze zwei."

Zweifeln Sie nicht manchmal am Zweck Ihrer Bemühungen?, wird Christian Führer gefragt. Nein, sagt der Pfarrer mit Bestimmtheit. Aber die großen Entscheidungen würden doch anderswo getroffen; nicht hier, in der Nikolaikirche. "Das hat Honecker 1989 auch gedacht", antwortet Führer. "Es ist die Wende noch möglich", sagt der Pfarrer, "das Wunder!" Warum zweifeln, wenn Gott es doch schon einmal ermöglicht hat? Und wenn die Bomben fallen, was wird aus der Friedensbewegung? "Wir werden weitermachen."

Bernd-Michael Gräfe sagt Ähnliches, nur nüchterner. Er ist Ingenieur. "Gerade, wenn es zum Krieg kommt, müssen die Demonstrationen weitergehen!" Als später ein Transparent am Rande des Zuges hochgehalten wird, auf dem steht: "Gegen den anti-amerikanischen Konsens!", erntet die Zeile Stirnrunzeln. Auch bei Gräfes. "Das ist keine antiamerikanische Demonstration. Im Gegenteil: Sie ist proamerikanisch. Wir wollen die Amerikaner vor einem Fehler bewahren."

Gräfes jüngerer Sohn Sebastian beobachtet das Geschehen in seiner Heimatstadt derweil aus der Distanz, aus Brüssel. Der Politikwissenschaftler hat ein Postgraduierten-Stipendium der Robert Bosch Stiftung bekommen und will demnächst für drei Monate in den Iran. Dass sich seine Eltern gegen den Irak-Krieg engagieren, wundert den Sohn nicht. "Sie haben sich nach der Wende immer politisch engagiert." Er selbst sehe die Antikriegsdemonstrationen in Europa jedoch "mit gemischten Gefühlen". Neben amerikanischen hätten schließlich auch deutsche und französische Firmen maßgeblich an der nuklearen Aufrüstung des Iraks verdient. "Aber ich sehe keine Demonstranten vor Elf Total oder Degussa." Die Welt mit Entwicklungshilfe zu befrieden, diesen Glauben könne er nicht teilen. Dem Terrorismus werde man so schon gar nicht Herr werden.

In der Leipziger Nikolaikirche spricht derweil Christian Führer: "Frieden ist der Ernstfall, nicht der Krieg." Der Pfarrer erinnert an den Tag vor 15 Jahren, als Saddam Hussein irakische Kurden mit Giftgas umbringen ließ. "Damals hat er die Welt schon einmal wissen lassen, dass er sie mit Krieg überziehen will. Warum jetzt aufhören mit den Inspektionen, wo die Entwaffnung des Iraks so gut vorangeht?" Draußen sagen Gräfes ganz schlicht: "Was jetzt geschieht – das müssen wir in aller Freundschaft zu den USA sagen –, das können wir nicht mittragen."