Jens Thomas ist einer, mit dem man leicht ins Gespräch kommt. Er glaubt an neue Möglichkeiten in der Begegnung, im Leben, in der Musik. Gerade trägt ihn eine Woge nach oben. Pure Joy heißt sein in diesen Tagen erscheinendes Album, was mit "reines Vergnügen" nur oberflächlich übersetzt wäre. Seine Freude wurzelt tiefer, unten im Ich. Wo es bei anderen dunkel oder trüb ist, scheint ihm ein Licht. Das brannte nicht immer. Endlich allein, Shadows In The Rain – die Titel früherer Alben klingen verhaltener. Da hat sich etwas verändert. Aber nach wie vor gilt: Neben seinem Glück wohnt die Melancholie, sonst wäre er kein Jazzmusiker mehr.

Zur Welt kam er in Braunschweig, er wuchs auf in Hannover, ins Klavier vertiefte er sich in Hamburg. Das Studium, die ersten Bands, 150 Konzerte in zwei Jahren in jedem Club für fast gar nichts – das alles liegt nun hinter ihm. Jetzt ist er 32, erfolgreich unterwegs von Asien bis Amerika. Derzeit probt er in München den Othello – als Pianist. Am 29. März ist Premiere zur Wiedereröffnung der Kammerspiele. Das neue Album ist wieder ein Duo mit dem Saxofonisten Christof Lauer. Da entfalten sie elastische Kompositionen, die ihre Vorbilder weder leugnen noch imitieren. Der Keith-Jarrett-Vergleich taucht gelegentlich auf, mit Chick Corea soll auch was sein. Und erinnert das zweite Stück der CD nicht sehr an blaue Stimmungen der Beatles? Es sind Lieder ohne Worte, Hymnen auf das Empfinden. Sie jubilieren, sie swingen und lassen nicht los, sie driften nicht ab ins Ungewisse. Sie sind ein Tirilieren, das an grauen Tagen gut tun kann, an anderen Tagen vielleicht des Guten zu viel ist. Oft kommen die Melodien tanzend daher; dann hält sie feuriger Rhythmus in Schwung, bis einem schwindlig wird. Ja, das wäre ein Risiko dieser Musik: zu bunt, zu schön, zu virtuos zu sein. Sie will dem Hörer unbedingt gefallen. Daran kann man sich stören.

Im Studium Schönberg, Ligeti, Alban Berg, das Düstere, Intellektuelle, Schwierige – und heute? Hingabe an die Harmonie. Die Grenze zum Kitsch scheut Jens Thomas nicht, wenn er bloß das Gefühl hat, es stimmt so. In Hannover-Döhren unterm Dach ist der Teppich knallblau und die Wand knallgelb. Er sitzt auf dem Sofa, selbstbewusst und locker, blondes, wehendes Haar, Koteletten, Jeans, weiches Gesicht mit harten Kanten. Wenn die Hände nicht Klavier spielen, argumentieren sie. Da draußen in der Welt läuft einiges schief, da muss man von drinnen gegenhalten, gerade jetzt. Der Pianist der überschönen Musik kann dem großen Ganzen nicht ausweichen. In Ho-Tschi-Minh-City, wo er für das Goethe-Institut spielte, sah er im Kriegsmuseum Verbrechen der Amerikaner. In San Francisco sah er hunderttausend Menschen für den Frieden demonstrieren. Was Deutschland und Frankreich tun, findet er gut: wie sie ihren Wunsch nach Verzicht auf Gewalt wieder und wieder wiederholen – wie ein Mantra. Dem, was sich anbahnt, etwas entgegenzusetzen, das ist auch sein Wunsch: anderen Ideen Energie zu verleihen.

So kommt das Gespräch scheinbar ab von seinem Weg zur Musik, wie war das mit der Familie? Der Vater hatte Gesangsunterricht, Ambitionen, liebte die Oper, dann leitete er die Müllabfuhr im Landkreis Hannover. Die Mutter lernte erst im Alter ein Instrument, Blockflöte. Der fünfjährige Jens genießt musikalische Früherziehung, später quält ihn der Klavierlehrer mit Bachs Inventionen, Ab- und Ausbruchsversuche, zwischen 18 und 21 dann das Wissenwollen: sechs, sieben Stunden Üben jeden Tag. In Hannover fällt er durch die Aufnahmeprüfung, 1990 nimmt ihn die Musikhochschule in Hamburg. Dort eine Wohnung zu finden ist schwierig nach dem Mauerfall. Im Stadtteil Hamm hat er schließlich Glück, in der Smidtstraße. Dieser Zufall verändert sein Leben. Denn wie er feststellt, sind eine Straße weiter seine Urgroßeltern im Bombenhagel umgekommen, im Juli 1943 beim "Unternehmen Gomorrha", als Amerikaner und Briten das zivile Hamburg zerstörten und 37 000 Menschen töteten. Was Krieg bedeutet, das erfährt Jens Thomas erst in Hamburg-Hamm. Es setzt ihm zu. In einer psychotherapeutischen Familienaufstellung lebt er den in seiner Verwandtschaft jahrzehntelang unterdrückten Schmerz aus.

"Nach dem Trauern kommt eine tiefe Liebe ans Licht", hat er auf das Cover der neuen Platte geschrieben. "Und mit etwas Glück: Frieden. So ist diese Platte meinen Familien und Vorfahren gewidmet."