Kenneth Suslick sorgt sich. Es stehe schlecht um das ursprünglichste Sinnesorgan des Menschengeschlechts, fürchtet der Forscher von der University of Illinois. Im Vergleich mit den Leistungen tierischer Nasen sei das menschliche Riechorgan ein Krüppel. Noch allerdings sei nicht alles verloren, verkündete Suslick unlängst. "Selbst unsere schwer riechbehinderte Spezies kann noch 10000 Gerüche wahrnehmen."

Der klägliche Rest allerdings ist akut gefährdet. Diese betrübliche Nachricht erreicht den Riechfachmann Suslick und seine Fachkollegen dieser Tage aus Leipzig. Das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie stellte in Zusammenarbeit mit dem israelischen Weizmann-Institut in Rehovot fest: Der Mensch hat seine Nasenfunktion im Lauf der Evolution nicht nur weithin eingebüßt, der Schwund geht weiter.

Einst verfügte der Mensch wie andere Säugetiere über knapp 1000 intakte Riechgene in seinem Erbgut. Jedes war für die Wahrnehmung bestimmter Odorantien zuständig. Doch die einstige Vielfalt in der Nasenschleimhaut ist dahin. Rund zwei Drittel dieser Gene sind durch Mutationen funktionsunfähig geworden – Pseudogene nennen die Forscher solche Ruinen, die nun nutzlos im Erbgut sitzen. Und auch der intakte Rest ist bedroht. Die Evolution scheint den Totalzusammenbruch unserer olfaktorischen Infrastruktur beschlossen zu haben.

Grand Cru statt Pennerglück

Im Überlebenskampf habe der chemische Sinn für den Menschen offenbar keine so wichtige Rolle gespielt wie bei anderen Säugetieren, lautet Yoav Gilads Erklärung für den Niedergang im Riechepithel. Belege dafür fand der israelische Molekulargenetiker beim Vergleich der Riechgenfamilien von Menschen, Affen und Mäusen. Bei den Nagern sind mindestens 80 Prozent der Genfamilie funktionsfähig, doch bei den Primaten setzte im Verlauf der Evolution ein Schwund ein. Ihnen fehlt bereits ein Drittel der Riechfunktion.

Die eigentliche Überraschung erlebten die Forscher, als sie die Verlustrate im Menschenerbgut untersuchten. Rund 60 Prozent der Riechgene sind bei Homo sapiens defekt. Mehr als viermal so schnell wie bei Schimpansen, Orang-Utans oder anderen Affen kam der Menschheit in den vergangenen Jahrhunderttausenden Riechgen um Riechgen abhanden.

Die schwindenden Erbanlagen sind zuständig für die Bildung olfaktorischer Rezeptoren in den Riechzellen der Nasenschleimhaut. Es handelt sich dabei um spezielle Antenneneiweiße, die jeweils bestimmte riechbare Substanzen an sich binden können. Jede Riechsinneszelle bildet nur einen Rezeptor auf ihrer Oberfläche, doch die vielen chemischen Verbindungen, die von der Nase wahrgenommen werden, können mit verschiedenen Rezeptoren reagieren. So erzeugt jeder Geruch ein charakteristisches Aktivitätsmuster in der Nase. Selbst die knapp 400 intakten Gene, die dem Menschen geblieben sind, reichen daher aus, um viele tausend verschiedene Gerüche wahrzunehmen.

Doch sollte der Genschwund im Riechsinn weitergehen, wie die deutsch-israelische Forschergruppe fürchtet, dürfte in Zukunft als Erstes die Kochkunst leiden. Denn in Wahrheit ist auch der größe Teil des Geschmackssinnes in der Nase angesiedelt. Die Zunge unterscheidet nur zwischen scharf, bitter, süß und salzig – schon der Unterschied zwischen Fußschweiß und Gorgonzolasoße erschließt sich nur bei intaktem Nasenrepertoire. Sogar die Zweiliterflasche Pennerglück zu 1,99 Euro wäre uns ebenso lieb wie ein Grand Cru, würde nicht die Nase ihr Veto einlegen.