So konnte es nicht weitergehen. Am 1. August trat der bayerische Innenminister vor die Presse und forderte "eine Rechts- und Sicherheitspolitik, die alle Möglichkeiten der Prävention und der Repression ausschöpft". In Bayern werde bereits nach dieser Prämisse gehandelt, sagte Günther Beckstein. Von der Bundesregierung verlangte er, in Karlsruhe ein Verbot der NPD zu beantragen. Anders als noch im Frühjahr war jetzt der Boden für eine hektische Debatte bereitet.

Unverzüglich unterstützte Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel die bayerische Initiative. Sein Innenministerium hatte schon im März die Chancen für ein Verbot geprüft – und für gut befunden. Auch Bundesumweltminister Jürgen Trittin und Saarlands Ministerpräsident Peter Müller äußerten sich zustimmend. Ansonsten aber hagelte es Ablehnung. Grünen-Chefin Renate Künast nannte die Idee "juristisch unsinnig". Becksteins nordrhein-westfälischer Kollege Fritz Behrens sagte, er sehe für eine Verbotsklage keine Aussicht auf Erfolg. So gut wie alle Verfassungsschützer rieten von dem Schritt ab. Berlins Innensenator Eckart Werthebach erklärte: "Wenn ich heute die NPD verbiete, dann wird morgen eine neue Organisation entstehen." Für das Bundesinnenministerium gab Staatssekretärin Cornelie Sonntag-Wolgast zu Protokoll, ein Verbot sei "nicht ratsam". Und Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye mahnte, die Verbotsdebatte dürfe "nicht von der eigentlichen Aufgabe ablenken, den gesellschaftlichen Widerstand gegen rechtsextremistische Gewalt zu organisieren". Vergeblich. Die NPD-Frage dominierte in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus.

Die Bundesregierung war kalt erwischt worden. Gerhard Schröder erholte sich auf Mallorca, Otto Schily weilte in der Toskana. Günther Beckstein verschob seinen Urlaubsbeginn, als er sah, welche Kreise sein Vorstoß zog. Er stand nun als schärfster Kämpfer gegen den Rechtsextremismus da und trieb fortan die Skeptiker vor sich her.

Gemeinsam mit seinem Ressortkollegen aus Baden-Württemberg forderte Beckstein am 3. August eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Prüfung des Verbots. Das Haus Schily bezeichnete ein solches Gremium als "überflüssig". Die Nachrichtenagenturen schrieben zwar noch, ein Verbot werde "immer unwahrscheinlicher", weil der Bund und eine Mehrzahl der Länder dagegen seien. Doch die Kritiker fielen um wie Dominosteine. Am 3. August war Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe noch dagegen, am Tag darauf plötzlich dafür. Thüringens Innenminister Köckert, der im April ein NPD-Verbot gefordert hatte, lehnte es Anfang August ab und wurde dann doch wieder zum Unterstützer. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Von Mallorca aus musste der Bundeskanzler mit ansehen, wie die CSU ihm im Kampf gegen die Neonazis den Rang ablief. Die ablehnende Haltung der Bundesregierung gegenüber der Beckstein-Initiative wurde im Ausland als unsensibel empfunden. Der Kanzler führte ein lautstarkes Telefonat mit seinem Regierungssprecher Heye. Am Nachmittag des 4. August folgte die überraschende Pressemitteilung: Der Bund wolle, dass eine Arbeitsgruppe "schnellstmöglich zusammentreten und ihre Arbeit aufnehmen kann".

Im Prinzip war das NPD-Verbotsverfahren damit schon nicht mehr aufzuhalten. Zwar sollten die Fachleute erst einmal bloß die Argumente und Erfolgsaussichten prüfen. Zwei Unter-AGs wurden gebildet: Die eine sammelte Belege für die Verfassungswidrigkeit der NPD, die andere prüfte die Erfolgsaussichten einer Klage. Diese zweite Untergruppe warnte bis zuletzt vor dem Risiko eines Gangs nach Karlsruhe und bezweifelte die Verhältnismäßigkeit eines Parteiverbots. Aber darum ging es längst nicht mehr. Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin erklärte: "Wenn das Verbot möglich ist, machen wir es." Im aufgeregten Sommer 2000 wäre es wohl bereits als "Persilschein" für die NPD aufgefasst worden, hätte eine Regierungskommission erklärt, die Verfassungswidrigkeit der Partei lasse sich nicht zweifelsfrei belegen. Am 11. August traf sich die Arbeitsgruppe erstmals.