In der folgenden Woche ging Gerhard Schröder – gerade aus Mallorca zurückgekehrt – in die Offensive und gab Bild am Sonntag ein energisches Interview. Das NPD-Verbot sei "ein Stück politischer Hygiene", sagte er und schlug vor, Bundesregierung, Bundesrat und Bundestag sollten das Verfahren gemeinsam auf den Weg bringen. So demonstriere man Einigkeit. Genauso wichtig dürfte dem Kanzler gewesen sein, bei einem eventuellen Schiffbruch alle Parteien im sinkenden Boot zu haben.

Koch und Stoiber brüllten sich an

Obwohl Otto Schily noch immer Vorbehalte gegen den Verbotsantrag hatte, setzte er ihn in den folgenden Wochen gemeinsam mit Beckstein und dem niedersächsischen Innenminister Heiner Bartling durch. Die FDP war als einzige Partei geschlossen dagegen, CSU und PDS votierten ebenso geschlossen dafür. CDU, SPD und Grüne waren gespalten, wobei unter den Christdemokraten die Skepsis zu-, unter den Sozialdemokraten abnahm. In der Union argumentierte Roland Koch prinzipiell gegen das Verbot. Er und Edmund Stoiber brüllten sich bei einem "Kamingespräch" der Ministerpräsidenten Ende Oktober im Schweriner Schloss regelrecht an.

Der September verlief ruhig. Die Politik diskutierte wieder andere Themen: etwa, ob Spendensünder Helmut Kohl beim Staatsakt zum zehnten Jahrestag der Wiedervereinigung reden dürfe. In der Nacht zum 3. Oktober aber wurde in Düsseldorf ein Brandanschlag auf eine Synagoge verübt – von zwei arabischen Jugendlichen, wie sich Monate später herausstellen sollte. Doch zunächst wurde die Tat Neonazis zugeschrieben. Das Entsetzen war groß. Gerhard Schröder eilte in die Synagoge, blickte betroffen auf die verrußte Eingangstür, sprach eine Stunde lang mit Paul Spiegel, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden. Spiegel hatte direkt nach dem Anschlag öffentlich infrage gestellt, ob Juden weiterhin in Deutschland leben könnten. Schröder war klar: Es musste etwas geschehen. Gegenüber Paul Spiegel gelobte er, das NPD-Verbot durchzuziehen. Hinterher rief er die Deutschen zum "Aufstand der Anständigen" auf.

Nur zwei Tage später – die Bund-Länder-Arbeitsgruppe hatte ihre Prüfungen noch nicht beendet – verkündete Otto Schily: Die Entscheidung für das Verbotsverfahren sei gefallen. Mit "Detailfragen" wie der Unterwanderung der NPD durch V-Leute beschäftigten er und seine Länderkollegen sich nicht. Am 31. Januar 2001 reichte die Bundesregierung ihren Antrag in Karlsruhe ein. Ein Misserfolg, sagte Schily, sei "sehr unwahrscheinlich".