Autoren sind nicht gefeit gegen die Untertitel ihrer Verlage. Mit einem "deutschen Wesen", was auch immer das sein soll, haben die Miniaturen dieses Bandes nichts gemein. Sie zeigen vielmehr Überzeugungstäter, Kontinuitäten des Denkens und beharrliche Weigerungen, sich mit der verbrecherischen Vergangenheit zu konfrontieren.

Es handelt sich um kleinere Artikel, Rezensionen, Vorträge aus den Jahren 1999 bis 2002, überwiegend in der Berliner Zeitung veröffentlicht, deren Redaktion Götz Aly fünf Jahre lang angehörte. Der Historiker und Publizist Aly, der im vergangenen Jahr für sein essayistisches Werk mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet wurde, ist immer wieder durch Anstoß erregende wie Ideen anstoßende wissenschaftliche Studien zu Euthanasie, den Vordenkern der Vernichtung oder der "Endlösung" bekannt geworden. Und auch diese Sammlung, die nahtlos an den Artikelband Macht, Geist, Wahn aus dem Jahr 1997 anschließt, enthält keine Stücke, die für die beschauliche Hauslektüre gedacht sind. Aly schreibt gegen die Gewissheiten der "Bescheidwisser" an, ob in der "westlich verweichlichten Variante", wie er sie als taz- Redakteur kennen lernte, oder in Gestalt des antifaschistischen, "vom Wohlstand weniger verformten Phänotypus des treudeutschen Linkshabers", mit dem er in der Berliner Zeitung zu tun hatte.

"Hitlers Volksstaat" als Zustimmungsdiktatur

Gegen den allseits beliebten Karl-Heinz Gerstner zum Beispiel, allen Ostdeutschen bestens bekannt durch seine jahrzehntelange Sonntägliche Wirtschaftsbetrachtung, die stets mit der Formel "Sachlich, kritisch und optimistisch wie immer" endete. Dass Gerstner seine journalistische Erfahrung 1940 als Mitarbeiter der Abteilung Rundfunkpropaganda des Auswärtigen Amtes, seine wirtschaftliche Kompetenz als Angehöriger der deutschen Besatzungsverwaltung in Paris erwarb und in der DDR als "informeller Mitarbeiter mit Feindberührung" für die Stasi spitzelte, stieß über zehn Jahre nach der Wende in der Berliner Zeitung immer noch auf indignierte Abwehr. Gerstner setzte einen "besonderen Leserbrief" durch und konnte sich als Opfer stilisieren.

Alys Plädoyer für den Fürsten Putbus, der im Februar 1945 im KZ Sachsenhausen starb und 1997 dennoch nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurde, weil, so lässt sich spekulieren, dann die riesigen, von der DDR enteigneten Güter auf Rügen an die Erben hätten zurückgegeben werden müssen, eckte ebenso an wie sein Eintreten für eine kleine Ausstellung zur "Arisierung", die in der Humboldt-Universität nicht gezeigt werden durfte, da sie, so der Geschichtsprofessor Ludolf Herbst, angeblich keinen wissenschaftlichen Zweck verfolge, sondern nur eine "einseitige und so nicht akzeptable Aufklärungsabsicht" verfolge.

Eine besondere Dichte erhalten diese Miniaturen dann, wenn sie quer zu solchen eher zu erwartenden Ressentiments und Widerständen liegen. So stellt Alys Habilitationsvortrag über ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert eine glänzende Skizze zu einem der gewalttätigsten Kapitel europäischer Geschichte dar, das – über Jahrzehnte hinweg tabuisiert beziehungsweise einseitig instrumentalisiert – erst jetzt im Kontext und unabhängig von den politischen Lagern des Kalten Krieges aufgearbeitet wird. Die deutsch-deutsche Geschichte von Rudolf Schottlaender, der als so genannter "Volljude" das NS-Regime nur durch seine Ehe mit einer Nichtjüdin überlebt hatte, 1949 wegen seiner kritischen Meinungen aus der DDR vertrieben und im Westen erneut aufgrund seines Engagements für Einheit und Abrüstung verfemt und aus dem Schuldienst entlassen wurde, gerät geradewegs zu einer Parabel über den Nonkonformismus und die ständige Bedrohung der Unbotmäßigen durch die Mehrheit.

Das bereitwillige Mitmachen von vielen, ob Intellektuellen, Wissenschaftlern oder Arbeitern, bildet das Grundthema von Alys Arbeiten. "Hitlers Volksstaat" erscheint als Zustimmungsdiktatur, die der großen Mehrheit der Deutschen sozialen Aufstieg, materiellen Gewinn und eine große Zukunft im Osten versprach. Mit der ihm eigenen Lust an der Zuspitzung stellt Aly den Nationalsozialismus bewusst in einen Zusammenhang der egalitären Bewegungen und Utopien im 20. Jahrhundert. Aber Vorsicht: Wer in Aly nur den Provokateur sieht, verkennt in ihm den Moralisten. Es gibt in diesem Buch einen Satz, der hinter dem Sarkasmus die Empfindsamkeit zu erkennen gibt: "Geschichte erfordert Demut und hält nur die eine Lehre bereit: Niemand steht auf der sicheren Seite."