Eingemummt in Windjacke und Wollschal, steht der 37-jährige Arzt am Ufer des Flusses, der den Nordirak von der Türkei trennt. Er beobachtet, wie eine Gruppe Männer auf der anderen Seite ihre Patronengurte und ihre Waffen ablegen, dann ein längliches Stoffbündel schultern. Sie stemmen sich durch das reißende Wasser, und als sie näher kommen, erkennt der Arzt zwischen den Stofffalten das schmerzverzerrte Gesicht eines Jungen.

Er ist ausgetrocknet und fiebrig. Eine Kugel ist durch seine Leiste eingedrungen, hat Blutgefäße, Darm und Muskeln durchschlagen. Die klaffende Wunde im Gesäß, die sie beim Austritt hinterlassen hat, ist mit Lumpen ausgestopft, um das Blut zu stoppen. Am nächsten Tag wird der Arzt um das Leben des Jungen kämpfen, vergeblich. Auf der Segeltuchtrage, die als Operationstisch am Flussufer dient, wird er ihm unter den Händen verbluten.

Der Arzt, der das erlebt hat, ist heute 49 Jahre alt. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in Highbury, im Norden Londons. Wobei Wohnzimmer eine Übertreibung ist, denn andere Zimmer gibt es in dem ausgebauten Dachboden nicht. In den Ecken stehen hinter einem Bambusrollo das Bett, ein mit Papieren übersäter Schreibtisch und ein grünes, zerknautschtes Sofa. Jonathan Kaplan legt nicht viel Wert auf Gemütlichkeit. Der kleine Elektroofen heizt kaum, der Kaffee wird auf einem Gaskocher gebrüht und der Wein in Wassergläsern serviert. Zurzeit arbeitet Kaplan in einem Londoner Krankenhaus als Chirurg, schneidet hier einen Hautkrebs weg, entfernt dort einen verdächtigen Klumpen aus der Brust.

Dank Krieg das Leben im Griff

Doch für den Krieg im Irak hat er sich beurlauben lassen, um an Ort und Stelle seiner Berufung nachzugehen: als Arzt in Krisengebieten weltweit Leben zu retten. Mit seiner vollen Haartolle, die er immer wieder schwungvoll aus der Stirn streicht, und dem breiten Grinsen, mal warm, mal ironisch, sieht Kaplan gut zehn Jahre jünger aus. Die schmalrandige Brille, die schlanken Hände lassen eher an einen trendigen Architekten denken als an einen Chirurgen, der sein Leben riskiert, um Verletzte zu versorgen.

Ein Blick an die Wände seines Zimmers korrigiert den Eindruck: Dort hängen neben einem bunten afrikanischen Kriegsbild ein Säbel aus Myanmar und ein armlanger Spaten, der einem unschuldigen Gartengerät gleicht, jedoch von einem Schlachtfeld in Eritrea stammt, wo er dazu diente, Schützengräben auszuheben. "Der neue Krieg im Irak, sogar ein kurzer, könnte noch schlimmer sein als der letzte Golfkrieg", sagt Kaplan und rührt in dem Espresso, den er auf den Knien balanciert.

1991 war er mit zwei französischen Kollegen einer der wenigen, die mitten im Kurdenaufstand, direkt an der Front, medizinische Hilfe leisteten. Die Kurden waren mit den nach Norden vorrückenden Regierungstruppen Saddam Husseins allein, die Alliierten hatten sich zurückgezogen. In den Bergen des irakisch-türkischen Grenzgebiets kam es zur humanitären Katastrophe. Die Menschen in den Flüchtlingslagern starben an Erschöpfung, Hunger und Seuchen.

Diesmal droht den Kurden nicht nur Gefahr aus Bagdad, sondern möglicherweise auch von der Türkei, die einen Kurdenstaat im Nachbarland fürchtet. Und schon jetzt liefern sich im Nordosten, nahe der iranischen Grenze, die Peschmerga-Kämpfer der Patriotischen Union Kurdistans blutige Gefechte mit der islamistischen Gruppierung Ansar al-Islam. Da wieder hinzugehen ist für Kaplan eine Notwendigkeit. Nicht nur wegen der Menschen, denen er zu helfen hofft, auch seinetwegen. "Ich bin nicht Mutter Teresa. Es ist eine Art krankhafte Symbiose, die ich mit dem Leiden habe", sagt er. "In dem Chaos komme ich zu kraftvollen Einsichten über das Leben. Den Tod fürchte ich viel weniger, seit ich so viele Menschen habe sterben sehen."