Wer das historische Italien liebt – und solche Liebe hat in Deutschland Tradition –, der bewundert Venedigs Markusplatz und den Mailänder Dom, das Medici-Florenz und das Castel del Monte, den faszinierenden Michelangelo, die Malatesta und Mazzini, entschieden weniger schon De Gasperi und Togliatti und sicher nicht Andreotti oder Berlusconi. Und mag man sich hierzulande in eine Gesamtgeschichte Italiens "von der Spätantike bis heute" vertiefen, um endlich die historischen Wurzeln von Forza Italia und Alleanza Nazionale zu erfassen?

Wohl kaum. Mit dem Ansatz, vorrangig "Verständnis der Gegenwart durch deren Ableitung aus der Geschichte" wecken zu wollen, hat Volker Reinhardt das Ziel seines Buches wohl modern, doch eher publikumsfern erklärt. Was bietet sie denn, Italiens erweiterte Gegenwart im 20. Jahrhundert? Gewiss, die Nachkriegsdemokratie hat sicheren Bestand. Doch von der degoutanten Entscheidung, aufseiten der meistbietenden Alliierten (und somit gegen die älteren Bündnispartner) in den Ersten Weltkrieg einzutreten bis hin zu Mussolinis pompösem Faschismus: Die Darstellung des Autors verhehlt streckenweise nicht einen leicht geringschätzigen Unterton. Von den Korruptionsskandalen unserer Jahre, dem Neofaschismus und der anhaltenden Macht der Mafia gar nicht zu reden.

Volker Reinhardt ist ein exzellenter Kenner der Italiener, ihrer Geschichte und Kultur. Das hat er mit einem Führer durch die Geschichte Roms (1999) und mit der Darstellung Die Renaissance in Italien (2002) bewiesen . Nicht die Neugier auf die historischen Hintergründe gegenwärtiger Politik wird die Leser nun auch zu dieser Geschichte Italiens ziehen, sondern das Interesse an der Genesis all der Großartigkeiten, der Stadtbilder, Villenlandschaften und Kunstschätze aus Mittelalter, Renaissance und Neuzeit. Wie es kam, will man begreifen, dass Italien über fünf Jahrhunderte das "Ursprungsland unvergleichlich innovativer Kultur" in Europa sein konnte.

Die Fülle der Geschehnisse und Tendenzen im polyzentrischen Bild der Geschichte Italiens machen es dem Historiker schwer, Konstanten in der komplexen Entwicklung aufzuspüren. Immerhin, die Dominanz des Kommunalen, der Stadt, der Signorie, "die Vereinbarkeit von adligem Status und kommerzieller Erwerbstätigkeit", besonders in Venedig, "die Aufsplitterung von Herrschaftsgebieten, Interessen, Ansprüchen" lassen sich als Grundformen herausschälen. Reinhardt zeigt, wie dieser ebenso vitalen wie verwirrend zentrifugalen Vielfalt schon früh und stetig zunehmend Manifestationen eines italienischen Nationalgefühls mit einem Geflecht patriotischer Mythen von Petrarca bis Mazzini und Verdi begegnen; besonders in Frontstellung zu kaiserlichen Ansprüchen aus dem Norden.

Zerrissenheit und Einheit bilden ein langwieriges Spannungsverhältnis, das dann mit dem Risorgimento des 19.Jahrhunderts – und dem erfolgreichen Gegensatzpaar Cavour und Garibaldi – in die schwierige Einigungpolitik mündet: in Italiens "Erlösung durch die Nation". Bis heute freilich haben manche Züge des eigenwilligen italienischen campanilismo überlebt.

Reinhardt schafft es überzeugend, die Komplexität dieser gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen in gewandter Verschränkung von Bericht und Interpretation vorzuführen. Der weitgehende Verzicht auf das übliche Nach- und Nebeneinander des Faktischen bedingt eine essayistische Durchformung, die das Buch zu einer durchweg flüssigen, doch auch anspruchsvollen Lektüre macht. Hervorzuheben bleibt schließlich, dass es eine glänzende, klug differenzierende Darstellung des italienischen Faschismus enthält, die dem deutschen Leser aufschlussreiche Vergleiche zum Nationalsozialismus nahe legt.

π Volker Reinhardt: Geschichte Italiens

Von der Spätantike bis zur Gegenwart; C. H. Beck Verlag, München 2003; 348 S., 29,90 ¤