Den Tausenden von größeren und kleineren Arbeiten zur Geschichte des Ersten Weltkrieges eine weitere, bisherige Erkenntnisse weiterführende, hinzuzufügen ist gewiss keine einfache Aufgabe – zumal in einer Zeit, in der die Forschungen international einen bemerkenswerten Aufschwung erfahren haben. Der Kieler Historiker Michael Salewski war sich solcher Schwierigkeit offenbar bewusst, als er sich entschloss, eine akademische Vorlesung aus dem Wintersemester 2000/2001 drucken zu lassen. Er wolle anregen, aus der Vergangenheit heraus über Gegenwart und Zukunft nachzudenken, schreibt er und sagt von seinem Produkt, es sei keine "rudimentäre Monographie, sondern eine eigenständige Textsorte". Was sich unter der kryptischen Bezeichnung verbirgt, kann nicht überzeugen.

Wie kommt Kohls Tagebuch in die Rubrik "Quellen"?

Kritik muss zunächst herausfordern, wie unbekümmert der Autor, der seine Studenten nachdrücklich ermahnt, Geschichte "gründlich zu betreiben", mit einfachen Tatsachen umgeht. Da schreibt er die Losung aus Büchners Hessischem Landboten "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" mit denunziatorischem Unterton als "berühmt-berüchtigtes Motto" der Neuen Rheinischen Zeitung von Marx und Engels zu, nennt Namen von fünf Kritikern der Zustimmung zu den Kriegskrediten in der sozialdemokratischen Fraktionssitzung am 3. August 1914, von denen nur einer, Liebknecht, stimmt, während alle anderen, Mehring, Luxemburg, Pieck und Zetkin, aus dem einfachen Grunde an der Sitzung gar nicht teilgenommen hatten, weil sie keine Reichstagsabgeordnete waren.

Dass einer von drei deutschen Soldaten persönlich die Hölle von Verdun erlebt habe, was bei den insgesamt über 13 Millionen Mobilisierten mehr als 4 Millionen gewesen wären, ist eine unsinnige Übertreibung. Nicht Walther Rathenau war während des Krieges Gesandter in Kopenhagen und 1917 aktiv beteiligt an den Vorbereitungen für die Durchreise Lenins nach Russland, sondern Brockdorff-Rantzau. Der am 7. Mai 1918 unterzeichnete Friedensvertrag von Bukarest wurde geschlossen von den Mittelmächten und dem geschlagenen Rumänien. Die Ukraine, die wiederholt bei Salewski, sogar in einem irrig datierten Foto, als Unterzeichner des Bukarester Friedens vorkommt, war an ihm nicht beteiligt. Mit ihr hatten die Mittelmächte in Brest-Litowsk am 9. Februar 1918 Frieden geschlossen. Es war dieser Vertrag, der als "Brotfrieden" bezeichnet wurde, und nicht der mit Rumänien, wie Salewski ganz unüberlegt schreibt. Nicht Erzberger, sondern Scheidemann prägte 1919 das Wort von der Hand, die verdorren solle, unterzeichne sie den "Schandvertrag".

Mit einem Literaturverzeichnis zu rechten, ist bei einem Thema wie diesem eigentlich müßig. So schludrig zusammengestoppelt wie dieses braucht es aber nicht zu sein, und man darf sich doch wohl wundern, wie Helmut Kohls Tagebuch 1998–2000 in die Rubrik "Quellen" geraten ist, in der Standardwerke wie die vorzügliche Edition der Protokolle der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion 1914 bis 1918 oder die Dokumentation von Scherer und Grunewald L’Allemagne et les Problèmes de la Paix pendant la Première Guerre mondiale fehlen.

Irreführend ist der Titel des Buches. Nicht der Erste Weltkrieg ist Gegenstand der Darstellung, sondern, auch dies höchst lückenhaft, Politik und Kriegführung Deutschlands in diesem Krieg. Es ist ein schwer verständlicher Rückschritt gegenüber Haupttendenzen der jüngeren Weltkriegsforschung, die zum einen etwa in den strikt international ausgerichteten Aktivitäten des Mémorial de la Grande Guerre in Péronne die alte, national beschränkte Sicht auf den Krieg eindrucksvoll überwunden und zum anderen das frühere Bild vom Ersten Weltkrieg durch facettenreiche kultur- und gesellschaftsgeschichtliche Untersuchungen ganz wesentlich bereichert hat. Von alledem ist bei Salewski nur andeutungsweise die Rede. Was er bietet, ist ein vielfach unscharfes, in sich häufig widersprüchliches Räsonnement über die Interpretation des Krieges, gewürzt durch vergleichende Hinweise auf spätere Ereignisse, vor allem des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges.

So wendet er gegen die Kritik "besserwisserischer Historiker" an der Unfähigkeit der Verantwortlichen zu kühl-rationaler Krisenstrategie in der Julikrise 1914 ein, dass es mit der Krisenreaktionfähigkeit der USA in der Kubakrise 1962 kein Deut besser bestellt gewesen sei, ein törichter Vergleich zwischen unvergleichbaren, weil durch ganz verschiedene Umstände bedingten Situationen – ganz abgesehen davon, dass der Vergleich in der Hauptsache ja nicht trifft. Denn was 1914 nicht gelang, gelang eben 1962, die Abwendung des Krieges, was von Salewski simpel damit erklärt wird, Kennedy hätte eben Glück gehabt, Bethmann und der Kaiser nicht. "Gründliche Geschichtsschreibung" ist etwas anderes.