Jeder Mensch muss sein Lebensthema haben, sonst ist er übel dran, wenn es ans Variieren geht, denn bekanntlich lebt Kultur von ihren Variationen. In einer Autobiografie kommt dann mehr die Mutter oder der Vater zum Vorschein. Julius Schoeps hat mit diesem Buch auch eine Hommage an den Vater geschrieben. Die mütterliche Abstammung aus der Familie des Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn über Friedländer-Busch überliefert dem Nachkommen mehr den Lebensstil des preußischen Großbürgertums. Dessen aristokratischer Zuschnitt konnte die protestantisch-jüdische Melange bis in die Nazikatastrophe retten.

Es mag im Frühjahr 1946 oder 1947 gewesen sein, dass ich auf der Jugendburg Ludwigstein in einen Zirkel ehemaliger Jugendführer hineingeriet, die etwa zwanzig Jahre älter waren, Bruno Seidel, Achim Oster, Hans Raupach. Den wichtigsten nannten sie Jochen. Der etwas untersetzte Herr in kurzen Hosen war Hans-Joachim Schoeps. Er hatte in den ersten Nazijahren den "Vortrupp – Gefolgschaft deutscher Juden" (1933 bis 1935) gegründet und geführt, dann sich 1938 nach Schweden gerettet. Der Heimkehrer habilitierte an der Universität Marburg und erhielt einen Lehrstuhl für Religions- und Geistesgeschichte an der Universität Erlangen (1947 bis 1980). Den reichen Nachlass des Vaters, der sich als "Preuße, Konservativer, Jude" definierte, hat Sohn Julius 1990 ediert.

Schon in Kinderjahren hat der Vater den Sohn Fahrtenschweiß, Lagerfeuer und Erbswurstsuppe schnuppern lassen. Ein Erlanger Fahrtenkamerad isolierte den Zwölfjährigen zum ersten Mal mit dem Schimpfwort "Jud". Es hat ihn hart getroffen, doch nicht ausgeschlossen. 1964, zur Zeit als Picht und andere über die "deutsche Bildungskatastrophe" nachdachten, siedelte Erstsemester Julius Schoeps von Erlangen an die FU Berlin über. Die sommerlichen Parkanlagen von Dahlem, die Szenenkneipen in der Nacht sammelten die studentische Opposition. Schoeps spielt in der Studiobühne mit, lernt beim remigrierten Adolf Leschnitzer, den heutige Schnodderschnauzen einen "Gutmenschen" nennen würden, dass jüdische Studien vernachlässigt wurden, fliegt eines Tages aus einer Diskussion über Israel und Palästina mit dem Lyriker Erich Fried hinaus, weil er die imperialistische Sache des Zionismus vertrete. Vermutlich hat es sich eher um eine Inszenierung gegen den im eleganten Schoeps leicht erkennbaren "Klassenfeind" gehandelt als um Antisemitismus.

Zur Promotion über ein Preußenthema ging der Studiosus nach Erlangen zurück. Von Kindesbeinen an ein literarischer Spurensucher, machte er danach kuriose Erfahrungen mit der Macht des Marketings und der Juristen im Verlagsgeschäft: Pressefreiheit ist, was diese Kontrollinstanzen übrig lassen. Beinahe hätte er den Jüdischen Verlag von 1902 weiterführen dürfen. Dort arbeitete er sich mit der vortrefflichen Annalisa Viviani ein, aber dann ging der Athenäum Verlag Pleite, und Suhrkamp kaufte die Rechte. Es folgte ein Ruf an die Pädagogische Hochschule in Duisburg, wo man Erweiterungspläne hatte. Am Ende stand die Gründung des Salomon Steinheim-Instituts.

"Duisburger Verwerfungen" bestätigen wohl Nietzsches Vermutung, dass die Deutschen ihren Antisemitismus dem nationalen Nervenfieber zuschreiben müssen, leiden zu wollen. Der kranke Poet in Sils Maria nannte die Historiker Sybel und Treitschke in diesem Zusammenhang. Wie erst manche Zunftgenossen, die nach dem deutschen Völkermord an den europäischen Juden nicht wissen mochten, in welchen Wind ihr Fähnchen hängen? "Man muß es in Kauf nehmen!", schrieb Nietzsche; aber wo soll sich Widerspruch regen, gäbe es keine publicityträchtigen "Historikerstreite", keine unpassenden Worte in der Paulskirche, nicht erhitzte Leidenschaften, wie monumental ein Mahnmal der alten Verbrechen sein muss, um die alte/neue Metropole Berlin zu ehren?

Schoeps ging engagiert und distanziert zugleich der Vorgeschichte des Staates Israel nach, indem er mit Alex Bein, dem Judaisten Hermann Greive und dessen Schüler Johannes Wachten aus DFG-Mitteln eine siebenbändige Herzl-Edition anlegte. Der Verleger Axel Springer sorgte für die Edition in seinem Propyläen-Verlag. Die weiteren organisatorischen Leistungen Schoepsscher Ausstrahlungskraft datieren nach dem militärischen Rückzug Sowjetrusslands 1990 aus Zentraleuropa. Der 1942 im schwedischen Exil geborene jüdische Preußensohn durfte fortan seine regionale Identität genießen. Er konnte an der Universität Potsdam einen interdisziplinären Studiengang für Jüdische Studien einrichten, nachdem zum 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz (1942) das brandenburgische Kabinett unter Manfred Stolpe das Moses Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien als positives Symbol gegründet hatte.

Dessen Erfolg brachte dem Direktor Schoeps den Auftrag, dem Jüdischen Museum der Stadt Wien auf die Beine zu helfen. Genug zu tun. Wien nahm das Museum an, doch nicht die hilfreichen "Piefkes". So kehrte der Professor nach 44 Ausstellungen zwischen 1993 und 1997 wieder in die Stallungen akademischer Sprachverwirrung von Ossis und Wessis zurück, wie überhaupt der Leser viel über politische Ideomatik erfahren kann, eher Komisches, doch auch Empörendes im Prozess der Erbengemeinschaft seiner Mutter um ein enteignetes Rittergut. Die Umstände der Landreform der SBZ sind verwirrt, doch widerspricht Gorbatschow eidesstattlich der Behauptung des Bundeskanzlers Kohl, ein Rückgabeverbot sei eine Vorbedingung des Einigungsvertrages gewesen. Die deutsche Rechtsprechung hält sich an Kohls Version. Schoeps nennt das Kapitel Die dritte Enteignung.