Die beiden Angeklagten stehen nebeneinander auf der Wiese am Waldrand. Richter, Anwälte und die Angehörigen der Opfer haben einen Halbkreis um die Männer gebildet. Zwei Kühe grasen im Schatten der Bananenbäume. Es ist heiß in Kaguli, diesem verlorenen Nest im Herzen von Ruanda, gleich neben der heruntergekommenen ehemaligen Königsstadt Nyanza. Richter Muhizi wischt sich den Schweiß von der Stirn: "Nsanganira soll uns nun sagen, wie er und seine Bande hier das Verbrechen begangen haben." Der kleine untersetzte Angeklagte erzählt mit stoischer Miene. Irgendwo im Wald schlägt einer Holz. In monotonem Takt hallen die Geräusche herüber.

"Am Morgen des 22. April 1994 führte man die gefangenen Tutsi hier herunter zum Waldrand." – "Waren Sie dabei?" – "Ja." – "Dann sagen Sie bitte ,wir!‘" – "Wir zwangen die Tutsi, sich dort drüben flach auf den Boden zu legen. Unser Anführer nahm seine Keule und erschlug sie einen nach dem anderen." Nsanganira und acht weitere Männer seiner Bande sahen zu, wie ein Mann, acht Frauen und drei Kinder starben. "Dann wurde unser Anführer müde und befahl mir, ihm zu helfen. Eine lebte noch. Er drohte, mich umzubringen, wenn ich die alte Frau nicht töte."

Die Tochter jener alten Frau sitzt jetzt neben den Angeklagten im Gras: Eugénie Musayidire lebt seit fast 30 Jahren in Deutschland. Mehrfach hat die Mutter sie in Europa besucht. Im September 1994 erfuhr Eugénie von Augenzeugen den Namen des Mörders. Sie kannte den Mann. Ein Nachbar vom Stamm der Hutu. Als Kind hatte sie mit ihm gespielt.

"Ich nahm meine Axt", sagt der Täter. – "Eine zum Holzfällen?" – "Ja! Mit zwei Hieben schlug ich ihr den Schädel ein." Eugénie bricht zusammen. Von Weinkrämpfen geschüttelt, verbirgt sie ihren Kopf im Schoß einer Freundin. Dabei hört sie die grausame Geschichte heute nicht zum ersten Mal. Lange vor dem Prozess hatte sie Nsanganira im Gefängnis ihrer Heimatstadt Nyanza aufgespürt und ihn zur Rede gestellt. Mit kühlem Kopf und ohne eine Träne zu vergießen (ZEIT Nr. 35/01, Dossier: Warum hast du sie getötet? ).

Nun sieht sie den Täter am Tatort. Dort, wo ihre Mutter starb. Heute kommen die Toten aus der Erde, wo sie verscharrt wurden. Und alles geschieht noch einmal.

Doch der Mörder ist noch nicht fertig. "Bevor wir die Opfer hierher gebracht haben, schickten wir einen Boten zu unserem Dorfbürgermeister Emmanuel Ntezilyayo. Wir ließen fragen, was wir mit den Leuten tun sollten. Emmanuel befahl uns: Tötet sie alle!" Der, von dem die Rede ist, steht neben Nsanganira. Die Männer würdigen einander keines Blickes. Emmanuel ist ein schlanker Herr, Anfang 50, die Hände hat er hinter dem Rücken verschränkt. Sein gelassener Auftritt wird durch den albernen Sträflingsanzug allerdings empfindlich gestört. Kurzes Hemd und kurze Hosen, in zartem hellrosa. Ruandischer Einheitslook für 100000 Gefangene in den überfüllten Dorfkarzern. Ein mildes Lächeln gleitet über Emmanuels Lippen, als die Richter ihn auffordern zu antworten. "Was dieser Mann erzählt, ist gelogen. Er sollte Beweise für seine Anschuldigungen vorbringen. Ich habe mit den Verbrechen von Nsanganiras Bande nichts zu tun." Zum ersten Mal kommt so etwas wie Regung in die ausdruckslose, dunkle Miene Nsanganiras. Er bebt vor Zorn, hebt zitternd den Arm. Er möchte noch etwas sagen. Doch die Richter haben für heute genug gehört.

Warten auf den Prozess – Eine Woche zuvor. Das Gerichtsgebäude von Nyanza ist ein schmuckloser, lang gezogener Bungalow. Im rechten Trakt die Büros der Staatsanwaltschaft und Justizangestellten. Links ein kleiner Saal, in dem gerade Tische und Bänke zurechtgerückt werden für die Verhandlung. Im Schatten vor der Tür sitzen die Angeklagten Nsanganira und Emmanuel und plaudern mit Passanten. Ein alter Wachmann mit einer noch älteren Flinte auf dem Schoß hockt gelangweilt daneben. Greise aus dem Dorf treffen ein, Frauen mit kleinen Kindern auf dem Rücken. Ein Häftling fegt den Boden und pfeift dabei vor sich hin. Ein anderer Sträfling streichelt einem Säugling liebkosend über den Kopf. Man scherzt, man lacht. Beinahe vergisst man, wo man ist.