An einem Donnerstagabend kurz vor Weihnachten war es im Sport- und Erholungszentrum in Berlin noch einmal so, wie es zu DDR-Zeiten oft gewesen sein muss. Unten im Wellenbad schlug alle halbe Stunde die Brandung gegen die Beckenwand, nebenan im Café Wellentreff wurden die übrig gebliebenen Buletten für den nächsten Tag wieder in den Kühlschrank gelegt. Und oben, im Café Kaskade, feierte der Seniorenklub des Kombinats Kraftwerkanlagenbau (K.A.B.) seine Jahresabschlussfeier. Die Rentner tanzten unter dem orangefarbenen Leuchter, umgeben von den Resten des kalten Buffets: illustrierte Eier, Schinkenröllchen, Canapés. Nachmittags um drei waren sie gekommen, jetzt, gegen neun, spielte der Musiker die letzten Takte. Der K.A.B. feierte in diesem Jahr zum ersten Mal im SEZ, und es sah so aus, als sei es gleichzeitig das letzte Mal: Es ist eine eigenartige Geschichte mit den Jahresabschlussfesten dieses Vereins. Die ersten Feiern nach der Wende fanden in der Kantine auf dem Betriebsgelände in Marzahn statt, dann wurde sie abgerissen. Seitdem mussten sich die Senioren jedes Jahr einen neuen Ort für ihr Treffen suchen. Das Hotel in Hohenschönhausen, wo zuletzt gefeiert wurde, ist im Jahr darauf eingegangen. Wilfried Schneider, der Vorsitzende, sagt über den Abend im SEZ: "Die Bedienung war tadellos, und das kalte Büfett hat auch große Zustimmung gefunden, mit allem Drum und Dran. Wir würden gerne wiederkommen, es hat uns gut gefallen." Aber natürlich ist die Jahresabschlussfeier des Kombinats Kraftwerkanlagenbau kein gutes Omen für das gastgebende Haus.

Nur wenige Tage später wurde das SEZ geschlossen – bis auf weiteres. Dem Senat waren 4,7 Millionen Euro Zuschüsse pro Jahr zu viel geworden, die Berliner Bäder-Betriebe konnten das nicht mehr finanzieren. Zuerst hieß es noch, dass ein Investor aus Leipzig das riesige Gebäude wieder aufmöbeln wolle, dann war von einem Unternehmen aus Hamburg die Rede, das an die Stelle des SEZ eine so genannte Wellness-Oase setzten wollte. (Was sich aber möglicherweise verzögern wird: Vorige Woche wurde bekannt, dass auf dem Grundstück Restitutionsansprüche liegen, da dessen ursprüngliche Eigentümer jüdische NS-Opfer waren.)

Der Liegenschaftsfonds Berlin, der sich um die Vermarktung der Immobilie kümmert, hat das Wasser vorsorglich in den Becken gelassen. Damit in den Schwimmbecken nicht die Fliesen von den Wänden fielen, hieß es. Und dann könne das SEZ schneller wiedereröffnet werden. Aber irgendwie sieht es nicht danach aus. Es sieht eher so aus, als könnte sich die DDR-Berühmtheit wirklich nicht mehr lange über Wasser halten. Es wäre das Ende einer Zeit, in der sich ein Schwimmbad es sich erlauben konnte, seinen Badegäste unter der Dusche Befehle zu erteilen: "Badebekleidung ausziehen und gründlich waschen!" oder "Privatfön benutzen verboten!", das steht da immer noch.

Günter Fasel, der vor der Wende technischer Leiter des SEZ war und heute Personalratsvorsitzender der Bäder-Betriebe ist, sagt: "Mir hat 1992 schon einer von der Senatssportverwaltung gesagt: ›Ach, hätten wir das SEZ bloß gleich nach der Wende geschlossen.‹"

Und ein Kellner, der an jenem Donnerstag vor Weihnachten untätig im Restaurant Kristall saß, weil nur ein paar Gäste gekommen waren, sagte: "Es fing nach der Wende an, als sie nach Asbest gesucht haben. Sie brauchten einen Grund, um dichtzumachen, wie beim Palast der Republik." Er sah müde aus, die Haare glänzten ungewaschen, sein Atem roch nach Alkohol. "Zum Schluss war es ein Durchschleppen. Es gab immer mal wieder Hoffnung, aber das kenne ich seit Jahren."

Es war der 20. März 1981, als an der Kreuzung der damaligen Leninallee mit der damaligen Dimitroffstraße das erste Spaßbad der DDR eröffnet wurde. Der Vorplatz war mit Fahnen geschmückt, die Zeitungen beschrieben in langen Artikeln, wie der Brigadier des VEB Stuck und Naturstein Berlin, ein Herr Wolfgang Schmidt, dem Vorsitzenden des Staatsrates, Erich Honecker, den Schlüssel übergibt. Das Neue Deutschland jubelte, das "in rund zweieinvierteljähriger Bauzeit im Herzen Berlins eine großzügige Stätte der aktiven Erholung und der gesunden Lebensweise für die Bevölkerung und die Besucher der Hauptstadt geschaffen wurde". Eine konsequente Fortsetzung der auf das Wohl des Volkes gerichteten Politik sei das, sagte Honecker.

Das Konzept war einfach: alles unter einem Dach. Im Polarium gab es eine Eis- und eine Rollschuhbahn, es wurden Mal-, Töpfer- und Bastelkurse angeboten, es gab eine Schwimmhalle mit dem ersten Wellenbad der DDR, einem stilisierten Wasserfall und einem Außenbecken. Es gab eine Sporthalle, Saunen und eine Bowlingbahn, das Parkrestaurant Kristall, das Café Kaskade und die Bierkneipe Zur Molle. In der Schwimmhalle konnte man einen Imbiss im Wellentreff nehmen. In Badekleidung. Das war auch neu in der DDR.

Ecke Leninallee und Dimitroffstraße: Hier planschte die DDR