Zwei Reichsmark kostete 1946 Beate Uhses erster Versandartikel. Diskret nannte sie ihn Schrift X. Diesen Leitfaden zur Empfängnisverhütung auf der Grundlage der Knaus-Ogino-Methode hatte sie selbst verfasst. Er wurde ein Bestseller – 32000 verkaufte Exemplare allein im Jahre 1947. In den ersten Nachkriegsjahren zählte Empfängnisverhütung zu den dringendsten Problemen junger Paare, die sich erst einmal eine Existenz aufbauen wollten, bevor sie ihre Familien vergrößerten. Mit ihrer Schrift X war Beate Uhse unverhofft in eine Marktlücke gestoßen. Entschlossen ergriff sie die Chance. ©

Gelernt hatte die junge Frau, die als Beate Köstlin am 25. Oktober 1919 auf dem väterlichen Gut Wargenau bei Cranz in Ostpreußen geboren wurde, etwas ganz anderes: Pilotin. Nach der üblichen Ausbildung einer Tochter aus gutbürgerlicher Familie – Landschulheim, Sprachaufenthalt in England und Hauswirtschaft – erfüllte sie sich ihren Mädchentraum und begann 1937 mit der Flugausbildung auf dem kleinen Flughafen Rangsdorf bei Berlin. Ihre Eltern hatten gegen den Herzenswunsch ihres dritten und jüngsten Kindes, fliegen zu lernen, keinen Einwand erhoben, zumal weibliche Emanzipation bereits Familientradition hatte. Beates Großmutter mütterlicherseits hatte nach dem frühen Tod ihres Mannes dessen Brauerei weitergeführt, ihre Mutter war Kinderärztin. Kaum 18 Jahre alt, erwarb Beate den Pilotenschein. Bald testete sie als "Einfliegerin" für die Flugzeugwerke Friedrich in Strausberg fabrikneue Maschinen.

Wenige Wochen nach Kriegsbeginn, Ende September 1939, heiratete sie ihren Kunstfluglehrer Hans-Jürgen Uhse, im Sommer 1943 wurde Sohn Klaus geboren. Kurz darauf nahm sie das Angebot der Luftwaffe an, Jagdflugzeuge wie die Messerschmitt 109 an ihre Einsatzorte zu überführen. Bis kurz vor Kriegsende flog sie Kampfflugzeuge an die Front; selbst der Tod ihres Mannes, der im Mai 1944 als Staffelkapitän eines Nachtfluggeschwaders verunglückte, hielt sie nicht vom Fliegen ab. Ende April 1945 rettete der jungen Witwe ihr fliegerisches Können sogar das Leben. Eine halbe Stunde bevor die sowjetischen Truppen den Flughafen Gatow erreichten, kaperte sie dort eine herrenlose zweimotorige Maschine. Mit ihrem kleinen Sohn Klaus, dem Kindermädchen, einem Bordmonteur und zwei Verwundeten gelang es Hauptmann Uhse, mit waghalsigen Flugmanövern dem sowjetischen Geschützfeuer zu entkommen. Auf dem Flugfeld der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Leck endete die Flucht – und die Pilotenkarriere der Beate Uhse. Nach dem Krieg war den Deutschen das Fliegen 15 Jahre lang verboten.

Nach sechs Wochen in britischer Kriegsgefangenschaft wurde Beate Uhse in das 300-Seelen-Dorf Braderup bei Niebüll entlassen. Um sich und ihren kleinen Sohn über Wasser zu halten, verdingte sie sich zunächst als Landarbeiterin, dann zog sie mit einem Wandergewerbeschein als Handelsreisende für Plastikspielzeug umher. Ihre Kundinnen, junge Landfrauen, fassten schnell Vertrauen zu der gleichaltrigen Kriegerwitwe, die ihr Leben so energisch in die eigene Hand nahm. Ein Thema, das alle bewegte, waren ungewollte Schwangerschaften – wusste Beate Uhse aus der Großstadt Berlin Rat? Sie erinnerte sich an die für die damalige Zeit ungewöhnlich freimütige Aufklärung durch ihre Mutter und die Knaus-Ogino-Methode, die war zwar nicht hundertprozentig sicher, aber besser als gar keine Verhütung. In der öffentlichen Bücherhalle im nahen Niebüll informierte sie sich genauer, schrieb das Wichtigste zusammen und erstellte eine Tabelle zur Berechnung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage einer Frau. Die Frauen aus Braderup rissen ihr die kostenlosen Papiere regelrecht aus den Händen.

Butter gegen Aufklärung

In diesem Moment erwachte Beate Uhses Geschäftssinn. Wenn es schon im kleinen Braderup Interessentinnen gab, wie viele mochten es dann wohl in Niebüll oder gar in Flensburg und Hamburg sein? Sie beschloss, eine kleine Broschüre auszuarbeiten und drucken zu lassen. Per Postwurfsendung würde sie für ihre Schrift X werben. In Flensburg fand sie eine Druckerei, die ihr 10000 Werbezettel und 2000 Exemplare der Schrift X für Lebensmittelmarken im Gegenwert von fünf Pfund Butter druckte. Kaum waren die Postwurfsendungen in Heide und Husum verteilt, gingen die Bestellungen ein, bis zu 20 Stück am Tag. Offenbar waren die zwei Reichsmark ein angemessener Preis – eine Zigarette kostete neun Reichsmark.

Als die Käuferinnen der Schrift X weitere Aufklärungsliteratur wünschten und vorsichtig nach Kondomen und Anregungsmitteln fragten, begriff Beate Uhse, welches Wachstumsgeschäft sie betrieb. Sie prüfte den Markt und stellte fest: Alles, was ihre Kundinnen wünschten, gab es (und noch viel mehr), aber es wurde schamhaft über Chiffreanzeigen oder unter der Ladentheke angeboten. Diese Artikel mussten aus der "Schmuddelecke" herausgeholt werden. Nicht mit verschleiernden Bezeichnungen aus der Antike, wie zum Beispiel der Eros-Versand eines Konkurrenten, wollte sie ihre Waren anbieten, sondern unter eigenem Namen. Ihr persönliches Auftreten und nicht zuletzt ihre solide Erscheinung zählten zu den erfolgreichsten Verkaufsargumenten. Ihr Foto prangte deshalb später auf jedem ihrer Kataloge: eine junge, burschikose Frau, Mutter eines kleinen Sohnes, mit kurz geschnittenen Haaren und adretter Kleidung – alles andere als ein Sexsymbol.

In den Anfangsjahren war Kapitalknappheit das größte Problem der Eine-Frau-Firma. Nüchtern stellte die Jungunternehmerin fest: "Welche Bank gibt schon Kredit, wenn man mit Präservativen handelt?" Nur wenn etwas Geld in der Kasse war, konnte sie neues Werbematerial drucken lassen, die Adressen schrieb sie sich nachts aus Telefonbüchern ab.