Miss Bildung war nur einer ihrer Volksmund-Titel. Ein anderer: Hexe. Immer wieder stieß der in der DDR geborene Autor dieses Buches auf Befremden, wenn er sich als Biograf von Margot Honecker vorstellte: Diese Person habe doch gar keine Biografie verdient! Sie besitzt aber eine sehr markante. Ihr Bildungssystem hat die Lebensläufe von Millionen Ostdeutschen geprägt, in vielen Fällen deformiert. Nicht Ulbricht, nicht ihr Gatte – Margot Honecker residiert, nebst Mielke und Mittag, im Dreigestirn der bestgehassten SED-Figuren.

Gern hätte Ed Stuhler die Verruchte selbst befragt. Jedoch beschied sie ihn aus Chile, sie sehe keinen Sinn darin, mit Schreibern zu reden, "deren Absicht letztlich nur darin besteht, den Feldzug gegen den Sozialismus fortzusetzen". Stuhler, trocken: "Was nicht meine Absicht war." In der Tat: Manchen Leser mag dieses Buch als Enthexung der M.H. befremden, gipfelnd in der herzhaften These, Finnland sei Sieger von Pisa geworden, weil es die polytechnische Schulform der DDR übernommen habe. Frau Honecker selbst widerlegte verblüffend die Anklage wegen Rückgratverkrümmung: In der Wende habe das DDR-Volk doch Selbstbewusstsein bewiesen.

Selbstbewusstsein und Intelligenz musste Stuhler seiner Protagonistin zugestehen. Und mannigfach lesen wir von Frau Margots Schönheit, womit sie als blutjunge FDJ-Funktionärin das Herz des aufstrebsamen Genossen Erich H. entzündete. Das Verhältnis entspann sich im Dezember 1949, in Moskau, während der Feierlichkeiten zu Stalins 70. Geburtstag. Eben hatte Honecker Edith Baumann geheiratet – seine zweite Ehe. Die erste Gattin – hier präsentiert Stuhler der DDR-Archäologie eine kleine Sensation – sei nicht die Zuchthaus-Aufseherin Lotte Grund gewesen, sondern deren Kollegin Charlotte Schanuel. Nun also Margot, geborene Feist, ein hallesches Kind von rein proletarischem Geblüt. Ihr Vater hatte im KZ Buchenwald gesessen, die Mutter war 1940 an einer Abtreibung gestorben. Margot wusste, was Nationalsozialismus, was Klassenkampf bedeutet – und wenig mehr. Zeitlebens wird sie Geisteswissenschaften und akademische Milieus als bürgerlich verdächtigen, also der Untreue zum Moskowiter Sozialismus,.

Im November 1963 wurde Margot Honecker zur Ministerin für Volksbildung ernannt. Sie besetzte dieses Amt bis zur Wende und führte es mit DDR-untypischer Vollmacht. Ansonsten waren Minister gesichtslose Vollzugsbeamte des Politbüros. Aber Margot Honecker saß, zumal als Frau des SED-Chefs, auf einer Schlüsselposition. Ihre Volksbildung implantierte der Jugend die reine Lehre, wobei DDR-Schule nicht in eins zu setzen ist mit ideologischem Drill. Das Bild war bunt, der Rahmen rot. Schon auf der ersten Seite reklamiert Stuhler für seine DDR-Vita "eine Schulzeit wie anderswo auch". Erfreulicherweise mündet dieser Befund nirgends in eine Apologie des Dogmatismus, an dem der SED-Staat moralisch zugrunde ging.

Als First Lady war Margot Honecker äußerst emanzipiert. Sie vermied die Reduktion zum Weibchen des Ersten Manns; fast nie repräsentierte sie an ihres Gatten Seite. Das mag auch an der Abkühlung der Ehe gelegen haben. In der Republik kursierte das Gerücht, Honeckers seien geschieden. Politisch blieben sie Seit’ an Seite. Besonders interessant ist Stuhlers Beschreibung der Dekade zwischen Mauerbau und Honeckers Machtantritt 1971. Ulbrichts Sturz gingen viele Niederlagen des SED-Reformflügels voraus. Ulbricht versus Honecker(s) & Breschnew, so stand die Front, obwohl der Führungswechsel kulturpolitisch zunächst Tauwetter brachte. Spätestens Wolf Biermanns Ausbürgerung 1976 beendete diese Periode. Über Biermanns spezielles Verhältnis zu Margot Honecker liest man im Kapitel Wölfchen. Selten sang der Wolf so zart.

Von nun an ging’s bergab. Es begann die lange Agonie der DDR. Noch im Juni 1989 referierte die Volksbildungsministerin auf dem IX. Pädagogischen Kongress vierstündig über den unwiderruflichen Sieg des Sozialismus. Margot Honecker, das zeigt Stuhlers Buch, war doktrinär verbohrt, privat durchaus patent, eitel ohne Protz, empfänglich für byzantinische Schmeichelei, aber eher Gläubige denn Zynikerin der Macht.

Eines enttäuscht den DDR-kundigen Leser: Die Ostvolkssage weiß von einem Verhältnis Margot Honeckers zu Otto Mellies, dem sonoren Beau des Deutschen Theaters. Sogar ein Kind soll es geben. Stuhler recherchierte und verkündet herzlos: Da war nichts.