Die Autolobby ist in Aufruhr. „Als Konsequenz des Irak-Krieges müssen Autofahrer auch in Europa mit Irrfahrten rechnen“, warnt der ADAC, und die Konkurrenten vom AvD sehen schon „Hunderttausende von Autofahrern“ orientierungslos an Straßenkreuzungen verzweifeln. Der Grund für die Aufregung: Rund 2,5 Millionen Autos in Deutschland und 4 Millionen in Europa sind mit Navigationssystemen ausgestattet, die Daten des Global Positioning System (GPS) nutzen. Die 30 GPS-Satelliten, die in einer Höhe von 23000 Kilometern im 12-Stunden-Takt die Erde umkreisen, gehören dem amerikanischen Militär. Während des Krieges, so die Befürchtung, könnte die zivile Nutzung des Systems abgeschaltet oder zumindest stark eingeschränkt werden, um zu verhindern, dass sich irakische Truppen damit orientieren. Technisch wäre das durchaus möglich, passiert ist es aber bisher nicht.

Und das hat auch einen politischen Grund. An diesem Donnerstag wollen die Verkehrsminister der EU nämlich endgültig über den Aufbau von Galileo, einem eigenen europäischen Satellitennavigations-System, entscheiden. Grundsätzlich wurde Galileo zwar schon vor einem Jahr beschlossen, ein Streit zwischen Italien und Deutschland um die Frage, wer die industrielle Führung bei der Entwicklung übernimmt, hat den Beginn der Arbeiten jedoch bis jetzt verzögert. Franco Bonacina, Sprecher der Europäischen Raumfahrtagentur, Esa, versichert zwar, der Einfluss des Irak-Krieges auf die europäische Entscheidung sei „sehr, sehr gering“. Und doch könnte eine Verschlechterung des amerikanischen GPS-Systems aus militärischen Gründen genau das Argument sein, das für die Überwindung des deutsch-italienischen Konflikts noch nötig ist. Damit könnte das Ende des amerikanischen Monopols auf die Technik hinter dem Milliardenmarkt der Satellitennavigation eingeläutet werden.

GPS wird nicht nur von Autofahrern geschätzt. Vor allem im Vermessungswesen und in der Logistikbranche ist die Himmelsnavigation weltweit unverzichtbar geworden. Große Speditionen steuern ihre Fahrzeugflotten mit GPS, in Häfen werden Container damit geortet. Fahnder spüren gestohlene Autos mit GPS auf, Blinde können sich in fremder Umgebung damit orientieren. Besonders weit verbreitet ist die Satellitennavigation in der Schifffahrt – kaum noch ein Schiff ist auf den Weltmeeren ohne GPS-Empfänger unterwegs. „GPS spielt rund um die Welt eine Schlüsselrolle als Teil der globalen Informations-Infrastruktur“, heißt es denn auch in der offiziellen Erklärung zur Verfügbarkeit von GPS während des Irak-Krieges, „die US-Regierung nimmt ihre Verantwortung ernst, allen zivilen und kommerziellen Nutzern den bestmöglichen Service anzubieten – sowohl in Konflikt- als auch in Friedenszeiten.“

Allerdings fehlt in der Erklärung auch nicht der Hinweis darauf, dass GPS seit den siebziger Jahren als „Dual-use-System“ mit dem Hauptziel aufgebaut wurde, „die Effektivität der Militärstreitkräfte der USA und ihrer Alliierten zu erhöhen“. Deshalb werde man die Nutzung durch den Feind verhindern und sich so einen militärischen Vorteil am Kriegsschauplatz sichern. Technisch geschieht dies durch Störsender in Flugzeugen, die den Empfang der zivilen GPS-Signale in einer eng umgrenzten Region verhindern können (jamming), oder indem die Satelliten-Signale beim Überflug der Kriegsregion absichtlich verfälscht werden (spoofing). Beides würden wir in Europa nicht bemerken.

Auch die Bauern brauchen GPS

Die USA könnten aber auch zur Erhöhung der Ortungsgenauigkeit möglichst viele GPS-Satelliten über dem Irak konzentrieren – was für den Rest der Welt eine sinkende Verfügbarkeit und Genauigkeit der Ortung bedeuten würde. Und schließlich könnte selective availability wieder genutzt werden. Diese künstliche Verschlechterung der zivilen GPS-Signale sorgte bis zu ihrer Abschaltung durch Präsident Clinton im Mai 2000 dafür, dass eine Ortung nur mit 200 Meter Genauigkeit möglich war – und nicht wie beim Militär mit 20 Metern. Doch dies wird bisher von offizieller Seite ausgeschlossen: „Selective availability wurde seit Mai 2000 nicht mehr genutzt, und die US-Regierung hat auch keine Absicht, es jemals wieder zu tun.“

Aber schon längst verlassen sich nur noch die billigsten Navigationsgeräte ausschließlich auf die Satelliten. Die besseren Systeme für Autos zum Beispiel kombinieren die GPS-Angaben mit den Daten des Kilometerzählers. GPS wird dann tatsächlich nur noch von Zeit zu Zeit benötigt, etwa um den Aufenthaltsort des Autos nach einer Fahrt mit der Fähre oder dem Zug festzustellen.

Auch die moderne Landwirtschaft ist ohne Satellitennavigation kaum noch denkbar. Von 2005 an müssen alle Bauern in der EU ihre Nachweise über genutzte und brachliegende Flächen in Form elektronischer Geodaten abliefern. „Im letzten Golfkrieg haben wir sehr deutlich eine Verschlechterung der GPS-Signale beobachtet“, sagt Florian Kloepfer vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft, das im Auftrag der Bundesregierung den Einsatz der Geoinformationstechnik in der Landwirtschaft erforscht. Schon im Kosovo-Krieg seien die Auswirkungen jedoch geringer gewesen. Der Grund dafür liegt vor allem im Einsatz so genannter Referenzsignale. Zahlreiche europäische Funkstationen senden Signale aus, mit denen die GPS-Satellitendaten abgeglichen werden können. Die Europäer betreiben sogar einen eigenen Satelliten namens Egnos, mit dessen Hilfe sich unscharfe GPS-Daten korrigieren lassen. „Mit Referenzsignalen kommen wir in Deutschland inzwischen auf 60 bis 70 Zentimeter Genauigkeit“, sagt Patrick Noack von der Firma geo-konzept, einem bayerischen Hersteller von Navigationssystemen. Selbst bei einer Konzentration der GPS-Satelliten über dem Irak bleibe die Kapazität des Systems hierzulande völlig ausreichend.