Hinter dem "Nebel des Krieges", wie das ausgiebig zitierte Clausewitz-Wort lautet, verbergen sich im Irak zwei weitere Konflikte. In dem einen geht es um die Verteilung der Macht in der Welt, in dem anderen um ihre Ordnung im 21. Jahrhundert. Beide sind lange vor dem 20. März ausgebrochen.

Der erste war im Kollaps der Sowjetunion 1991 angelegt. Das war das Ende des Kräftegleichgewichtes, in dem die beiden Supermächte sich sozusagen gegenseitig aufhoben – durch Druck und Gegendruck. Übrig blieb ein Amerika, in dem sich das Gefühl unbegrenzter Freiheit mit der Versuchung grenzenloser Möglichkeiten paarte. Deshalb der Irak-Krieg à deux, deshalb der diplomatische Gegenfeldzug unter französisch-deutscher Flagge. Jacques Chirac formuliert seine Gleichgewichtsstrategie ganz offen, wenn er von einer "multipolaren Welt" spricht; der Kanzler tut’s etwas zahmer, indem er nach "mehr Europa" ruft. Das Ziel ist die Auflösung des amerikanischen Machtmonopols.

Im zweiten Duell geht es nicht um Macht, sondern um Ordnung. Wie soll diese überhaupt nicht "schöne neue Welt" organisiert werden? In der Gewaltherrscher, die nicht unbedingt den Gesetzen der balance of terror gehorchen, nach Massenvernichtungswaffen streben. Eine Welt, in der Terroristen einen Staat wie Afghanistan kapern, um den Rest dann mit Massenmord zu überziehen.

In Paris und Berlin quält man sich mit diesen existenziellen Fragen genauso wie in Washington. Nur offerieren beide Seiten andere Antworten. Verkürzt lauten sie "Völkerrecht" hier, "Koalition der Willigen" dort. Diesseits wie jenseits des Atlantiks sind die Akteure aber zu kurz gesprungen.

Die USA lernen in diesen Tagen, dass "Netzkrieg" und Präzisionswaffen nicht Legitimität ersetzen. Dieses Manko erklärt die stille Schadenfreude, die sich in Europa breit macht, und den unterschätzten Widerstand, der den Amerikanern im Irak entgegenschlägt. Saddam ist zwar eine der übelsten Ausgeburten des 20. Jahrhunderts, aber es fehlte der klare, drängende Kriegsgrund, den vor zwölf Jahren der kuwaitische Staatenraub geliefert hatte.

Auch die Europäer entdecken den Preis der Selbstüberschätzung. Die Kontinental-Achse konnte den Krieg nicht stoppen; sie hat weder Bush ernüchtert noch Saddam eingeschüchtert. "Europa muss endlich mit einer Stimme sprechen", lautet das probate Lamento. Doch wird damit das Problem als Lösung angeboten. Europa spricht nicht unisono, weil viele den Führungsanspruch von Paris/Berlin so fürchten, wie diese den Hegemonismus der USA. Außerdem summieren sich Europas Minus nicht zum Plus. Jenseits von England und Frankreich mit ihren Resten an Kriegerkultur sitzt die Aversion gegen das Militärische zu tief, um diesen gebeutelten Kontinent zu einem strategischen Gewicht zu verdichten. Ein "Kerneuropa", wie abermals gefordert? Vielleicht, aber nur um den Preis einer formalisierten Spaltung.

Gibt es bessere Nachrichten? In diesen Tagen, da Amerikanern wie Europäern bewusst wird, wie lange dieser Krieg noch dauern könnte, beginnt sich zumindest der Nebel in den Köpfen zu lichten. Donald Rumsfeld redet nicht mehr ganz so schneidig daher; auch in den EU-Hauptstädten zeigt sich Ernüchterung. Just hat der französische Außenminister Villepin eine Rede in London gehalten, die sich streckenweise wie eine Liebeserklärung an Amerika liest. Er sprach von "gemeinsamen Werten" und "vollständiger Solidarität"; jetzt müsse ein "enges und vertrauensvolles Verhältnis wiederhergestellt" werden.

Auch in Berlin sind mildere Töne zu hören. SPD-Generalsekretär Olaf Scholz wünscht "unseren Verbündeten Erfolg"; die Partei verurteile "plumpe und dumme antiamerikanische Hetze". Mag sein, dass sein fein kalibrierender Kanzler morgen wieder andere Signale setzt; mag sein, dass Rumsfeld nach ein paar gloriosen Siegen wieder Hochmut zelebriert. Dennoch kriecht eine neue Nachdenklichkeit nach vorn, die im fintenreichen Spiel der UN-Diplomatie und im Lärm der Demonstrationen verdrängt worden war.