Ein Virus geht um die Welt. Und verursacht ein filmreifes Medizindrama mit vielen Toten und Schäden bis hin zum drohenden Börsencrash.

Der Ursprung des Erregers bleibt unbekannt. Aber das Umfeld, dem er vermutlich entsprang, ist verrucht: Südchina, eine klassische Brutstätte tödlicher Seuchen. Dort leben Mensch und Tier extrem dicht beieinander. Hier wird alles verspeist, was Muskeln und Schleimhäute hat. Leicht wechseln Mikroben von einer Art zur anderen. Das erfordert Anpassung an neue Wirte. So entstehen mutierte Viren – und neue Seuchen.

Drehbuchhaft zeigt sich nun, wie rasch Mikroben den Erdball erobern. Denn ihr Wirt, der Mensch, ist hoch mobil. Ein Geschäftsmann schleppt den Keim zunächst nach Hanoi. Sein Leiden verläuft seltsam, der italienische Arzt Carlo Urbani wird stutzig. Er arbeitet in Hanoi und warnt als Erster vor der neuen Gefahr, der Lungenkrankheit SARS (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom).

Urbani bezahlte seine Entdeckung mit dem Leben, er starb Ende März an SARS. Der jüngste Held der Medizingeschichte hatte bereits den höchsten Ruhm gestreift. Er war 1999 in Oslo, als der Friedensnobelpreis an Ärzte ohne Grenzen ging. Damals vertrat Urbani deren italienische Sektion.

Seine hellsichtige Warnung schockt nun die ganze Welt, es grassiert die Angst vor SARS. Täglich steigt die Zahl der Infizierten, Tausende stehen unter Quarantäne. Krankenhäuser und Schulen bleiben geschlossen, in Hongkong und Singapur gehören Atemmasken zum Straßenbild. Das Fernsehen zeigt ganze Wohnblöcke, die unter Quaratäne stehen – und Asien-Touristen, die auf Isolierstationen von vermummten Gestalten versorgt werden. Das sind Szenen, wie man sie nach einer Attacke mit Biowaffen erwartet, bei einer Pocken- oder Ebolaepidemie. Wie in Outbreak.

Solch kollektiver Alarm ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sorgt er zu Recht dafür, dass Ahnungslose kaum mehr ihre Angehörigen anstecken. Wer mit Fieber und Husten aus einem SARS-Gebiet einreist, wird gleich zum Arzt gehen. Oder er riskiert die Zwangseinweisung in die Isolierstation. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Kein Europäer oder Amerikaner muss sich derzeit zu Hause Sorgen machen. Überdies verläuft SARS selten tödlich: in etwa fünf Prozent der Fälle.

Andererseits droht bereits eine andere Gefahr – eine neue Wirtschaftskrise in Südostasien. Wenn schon die Rolling Stones und die Stoibers Hongkong und Singapur meiden, werden Touristen nicht mutiger sein. So sind die Börsenkurse der Airlines und Hotelketten unter mörderischen Druck geraten. Und schon prophezeien manche Analysten der ohnehin labilen Region eine tiefe Rezession. Das könnte die weltweite Abwärtsspirale noch beschleunigen.

Bei nüchterner Betrachtung aber erweist sich die Gefahr einer SARS-Infektion als gering. Ansteckend ist vor allem die Angst vor unbekannten Keimen; diese macht den Experten auch mit Blick auf allfällige Biowaffen-Szenarien zu schaffen. Wer nicht nach Südchina reist oder Krankenhäuser in Toronto, Hongkong und Singapur besucht, riskiert kaum eine Ansteckung. Infiziert haben sich bisher vorwiegend medizinisches Personal in Krankenhäusern und Angehörige von akut Erkrankten. Ein Virus, das nach einigen Monaten 60 Todesopfer gefordert hat, ist zwar ernsthaft zu bekämpfen, aber weder besonders ansteckend noch brandgefährlich. Deshalb gilt es, die Relationen im Auge zu behalten: Jede Grippewelle fordert viel schneller wesentlich mehr Opfer, verunsichert aber nicht so viele Menschen wie die Lungenseuche SARS, die zurzeit hauptsächlich medial verbreitet wird.