Kurz vor Mitternacht schrecken Schüsse die Gäste des noblen Marriott-Hotels auf. US-Marineinfanteristen stürmen den kleinen Flughafen Paitilla am Rand der Innenstadt und zerstören ein Flugzeug: den Privatjet des Generals Manuel Antonio Noriega – Panamas Armeechef, der eigentliche starke Mann im Land, darf auf keinen Fall entwischen. Es kommt zu einem Scharmützel. Vier US-Soldaten werden von der Flughafenwache erschossen. Es sind die ersten Toten dieses seltsamen Krieges.

Die eigentliche Invasion beginnt eine Stunde später. Am 20. Dezember 1989, 0.46 Uhr, schlägt in Panama-Stadt eine Rakete ein und trifft das Hauptquartier Noriegas. Kurz danach fordert ein US-Offizier die Soldaten der Machos del Monte, einer Elitetruppe, die der Diktator vor seinem verbarrikadierten Gebäude postiert hat, übers Megafon auf, sich zu ergeben und ihren Chef auszuliefern. Als sie sich weigern, lässt die Antwort der Amerikaner nicht auf sich warten. Die Kaserne wird mit schwerer Artillerie beschossen und aus der Luft bombardiert. Bald stehen in Chorrillo ganze Straßenzüge in Flammen. Das Armenviertel, in dessen Zentrum sich das Hauptquartier befindet, besteht vorwiegend aus einfachen Holzhäusern; sie sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Arbeiter errichtet worden, die den Panamakanal bauten. Hier haben die "Bataillone der Würde", paramilitärische Verbände Noriegas, viele Anhänger. Es kommt zu Straßenkämpfen. Inwieweit Noriegas Leute selbst Häuser angezündet haben, ist noch heute umstritten – genauso wie die Zahl der Toten in Chorrillo; gewiss sind es einige hundert.

24000 US-Soldaten marschieren in den nächsten Stunden in ganz Panama ein. Die Hälfte von ihnen ist erst am Vortag aus Kalifornien und North Carolina zu den US-Stützpunkten in der Kanalzone eingeflogen worden, wo schon regulär 13000 GIs stationiert sind. Die Invasoren haben das Land innerhalb von wenigen Tagen unter Kontrolle. Doch von Noriega fehlt jede Spur.

Colin Powell entwirft den Operationsplan

US-Präsident George Bush hat die Operation Just Cause (Gerechte Sache) aus vier Gründen befohlen: "um das Leben von US-Bürgern zu schützen, den demokratischen Prozess wiederherzustellen, die Unversehrtheit der Panamakanalverträge zu wahren und Manuel Noriega zu ergreifen". Die ersten drei Gründe konnten schon damals nicht so recht überzeugen. Zwar ist es richtig, dass – Grund Nummer eins – vier Tage vor der Invasion panamaische Soldaten einen US-Leutnant erschossen hatten. Aber zu solch blutigen Provokationen, übrigens auf beiden Seiten, war es in den vergangenen Jahren schon mehrmals gekommen, ohne martialische Konsequenzen. Was den von Bush beschworenen "demokratischen Prozess" anbetraf (Grund Nummer zwei), so lehrt die historische Erfahrung, dass die USA sich nie sonderlich um die Menschen- und Bürgerrechte auf ihrem lateinamerikanischen "Hinterhof" gekümmert hatten. Insofern erschien Bushs plötzliches Engagement etwas überraschend. Und – Grund Nummer drei – die Verträge über den Panamakanal (bis zum 1.Januar 2000 sollte die Kanalzone, 1903 an Washington abgetreten, von den USA zurückgegeben werden) hatte Noriega nie infrage gestellt. Bleibt Grund Numero vier: "Manuel Noriega zu ergreifen". Daran allerdings zeigte Bush ein eminentes Interesse, und dieses Ziel war denn auch wohl der entscheidende Grund für die Intervention.

Tatsächlich hatten die USA Noriega zum Lieblingsfeind erklärt, im Schurken-Ranking gleichauf mit Ghaddafi und noch vor Saddam Hussein oder Kim Il Sung. Für manchen US-Journalisten hieß er nur "Schlange" oder "Sumpfratte". Dabei war das bilaterale Verhältnis viele Jahre lang durchaus prächtig gewesen. George Bush und Manuel Noriega hatten sich 1976 in Washington bei einem Arbeitsessen kennen gelernt: Beide waren sie die Geheimdienst-Chefs ihrer Länder. Und der CIA-Boss Bush beschloss in jenem Jahr, seinem Amtskollegen aus Panama weiterhin jährlich 110000 Dollar zu überweisen. 16 Jahre lang, von 1971 bis 1987, stand Noriega mit nur kurzen Unterbrechungen auf der Gehaltsliste des amerikanischen Geheimdienstes.

Dass er in Rauschgiftgeschäfte verwickelt war, wussten US-Behörden seit 1985.William Casey, von 1981 an CIA-Chef, teilte später mit, man habe von Noriegas Beziehungen zu Drogenhändlern sehr wohl Kenntnis gehabt, doch habe der Mann den USA "in Mittelamerika, vor allem in Nicaragua, wertvolle Hilfe geleistet". In Nicaragua hatten 1979 die linksgerichteten Sandinisten das 1936/37 mit US-Hilfe installierte Terrorregime des Somoza-Clans gestürzt und die Macht übernommen; Noriega war ihnen zu Hilfe gekommen und hatte Waffen aus Kuba besorgt. Nun aber ließ er, während er nach außen hin weiter die Sandinisten unterstützte, in seinem Land ihre Gegner ausbilden, die von Washington bezahlten so genannten Contras.