Eins ist sicher: Die machen das extra. Notorische Zuspätkommer haben nichts gemein mit jenen liebenswerten Chaoten, die zu Verabredungen mal abgehetzt mit dem Pulli auf links und mal überhaupt nicht erscheinen. Zuspätkommer kennen ihre Termine. Sie verschieben sie bloß mit konstanter Bosheit um eine Spanne, die sie für das Maß ihrer persönlichen Freiheit ansehen. Dafür suchen sie sich Menschen, die garantiert pünktlich kommen. Untereinander macht es ihnen keinen Spaß. Haben sie ein Opfer gefunden, locken sie es an einen Treffpunkt, an dem das Warten zur Qual wird, gern Autobahnauffahrten, Bahnhofsvorplätze oder schlecht besuchte Restaurants.

Da sitzt dann der Pünktlichkommer und wartet. Die ersten fünf Minuten verstreichen. Vielleicht sind es auch nur vier oder drei. Pünktlichkommer stellen gern ihre Uhr ein wenig vor. Zehn Minuten. Na ja, es ist schwer genug, hier einen Parkplatz zu finden. War schlau von mir, mit der Bahn zu kommen. Ich hätte gern schon einmal die Karte und ein Wasser. Nein, eine große Flasche.

Nach einer Viertelstunde beschließt der Pünktlichkommer, dass er das Recht hat, ein bisschen verärgert zu sein. Er kommt aber nicht dazu, weil Zweifel ihn plagen. War es wirklich dieser Termin, wirklich dieses Lokal? Starrt auch der andere gerade irgendwo Löcher in die Luft und verdächtigt ihn, den Pünktlichkommer, unpünktlich zu sein? Oder schlimmer noch: Ist ihm etwas passiert? Ach, Unsinn! Nun ärgert der Pünktlichkommer sich doch, aber mehr über den eigenen Kleinmut. Er hat die Höflichkeit der Könige geübt und fühlt sich dabei wie ein Spießer. Der kommt noch. Lassen Sie es bitte hier.

Eine halbe Stunde. Mittlerweile kennt der Pünktlichkommer die Karte besser als der Kellner. In seinem Brotkorb liegt nur noch ein Anstandsrest. Jetzt reicht’s mir. Jetzt rufe ich an. Nur der Anrufbeantworter. Bei Zuspätkommern läuft immer der Anrufbeantworter. Die werden schon wissen, warum. Einen Prosecco? Warum nicht gleich zwei, dann kann ich mit mir anstoßen. Nein, nicht Ihr Fehler, tut mir leid.

Eine Dreiviertelstunde: Mittlerweile hat sich der Pünktlichkommer seine Rachefantasie in allen Details ausgemalt. Sie handelt davon, wie er nach einem üppigen Mahl dem Entschuldigungen stammelnden Zuspätkommer kalt lächelnd mitteilt, das Lamm sei sehr gut, aber er, der Pünktlichkommer, müsse nun leider gehen – eine Verabredung, du verstehst. In Wirklichkeit ist er noch immer beim Wasser. Wer könnte essen in einem solchen Moment? Gekränkter Stolz schnürt dem Pünktlichkommer die Kehle zu. Das muss er sich nicht bieten lassen. Aber jetzt gehen? Dann war das ganze Warten umsonst. Eine Viertelstunde gebe ich ihm noch.

Was mag nur im Kopf eines Menschen vorgehen, während er sich mit voller Absicht verspätet? Kommt er nicht vom Spiegel los? Ist das Buch gerade so spannend? Glaubt er in seiner Verblendung, dem anderen einen Gefallen zu tun, indem er die Vorfreude auf seine Person ins Unerträgliche steigert? Die Erklärung ist wohl viel einfacher: Auch der Zuspätkommer verabscheut das Warten. Darum stellt er sicher, dass es ihm nie widerfährt. Seine Zeit bedeutet ihm alles, die des anderen hingegen ein Dreck.

Vielleicht hat er damit ja sogar Recht. Was sieht man denn schon in der Spiegelwand des Restaurants? Ein Häuflein Elend beim Mineralwasser, allein an einem Tisch für zwei. Eine Sklavennatur, unfähig, den Blick von der Uhr zu nehmen, unfähig, wütend zu werden und zu gehen. Einen Langweiler, der immerzu darauf wartet, dass irgendetwas in seinem traurigen kleinen Leben geschieht. Aber niemanden, der es wert wäre, dass man sich um seinetwillen beeilt.

Kein Mensch ist so einsam wie ein Wartender. Er ringt mit Dämonen, die niemand außer ihm sieht, und geht schließlich gedemütigt in die Knie, bereit, jeden zu lieben, der ihn aus seinem Elend erlöst. Eine Stunde. Wie schön, dass du da bist. Nein, nein, ich bin auch erst gerade gekommen.