Zu den großen Irrtümern der Menschheitsgeschichte gehört neben dem ptolemäischen Weltbild und der Digitaluhrenmode auch die lange unwidersprochen gebliebene These führender Präzisionsmesstechnikkonzerne, dass Unpünktlichkeit eine Plage sei. Diese Lehrmeinung wurde direkt aus einem anderen fatalen Aberglauben abgeleitet: Pünktlichkeit sei erstens höflich und zweitens, als Garant von Ruhe und Ordnung, gut fürs seelische Gleichgewicht. Es gibt aber eine Gesundheit, die man nur durch Krankheit erwirbt. Erst wenn die innere Uhr wie ein Wecker tickt, erst wenn man die eigene Determiniertheit als Freiheit empfindet, kann man in aller Gelassenheit pünktlich sein. Ansonsten macht Pünktlichsein krank.

Wäre je ein Arzt auf die Idee gekommen, ein EKG von uns Zuspätkommern zu machen, während wir versuchen, wenigstens vor Ablauf des akademischen Viertels die verabredete Parkbank zu erreichen, hätte er schleunigst den Rettungswagen rufen müssen. Mit klopfendem Herzen stürzen wir ins Ziel, wo seit Schlag zwölf der Pünktliche wartet – obwohl er ganz genau weiß, dass wir saumselig sind. Warum ist der Igel immer schon da, wenn der Hase mit hängender Zunge heranrast? Weil der Igel ein durch und durch perfides Tier ist? So einfach kann die Lösung nicht sein, sonst wären wir Hasen mit dem Igel kaum befreundet. Vulgärpsychologen würden vielleicht von einer klassisch sadomasochistischen Konstellation sprechen, aber wir halten dagegen, dass sich unsere Lust am Leiden sehr in Grenzen hält.

Es muss eine tiefgreifende Übereinstimmung mit den Mechanismen der technisierten Welt sein, die den Pünktlichen dazu treibt, pünktlich zu sein, selbst wenn dies vollkommen sinnlos ist. Wir Unpünktlichen hingegen haben eine natürliche Abneigung gegen den gleichförmigen Rhythmus, gegen die Wohltemperiertheit eines von Stoppuhren, Tachometern und festen Konferenzterminen bestimmten Lebens. Zwar sind wir weder besonders langsam noch besonders chaotisch: Viele von uns waren Klassenprimus im Hundertmeterlauf, viele residieren in penibel aufgeräumten Büros. Aber unser Zeitsinn passt sich dem 60-Sekunden-Takt der Moderne einfach nicht an.

Gesetzt den Fall, wir wollten abends um acht zum Rendezvous aufbrechen: Da hätten wir um sieben noch alle Zeit der Welt zum Lesen, Träumen, Müllruntertragen, und anschließend blieben geschlagene zwanzig Minuten fürs Haaretoupieren. Justament dann bekommen wir jedoch Durst und müssen Tee kochen, oder es fällt uns ein, weshalb Zenons Behauptung, der schnelle Achill könne die langsame Schildkröte niemals einholen, ein Trugschluss ist, und das wollen wir natürlich notieren. Wenn man aber den Anfechtungen des Körpers oder des Geistes nachgibt, dann ist der Teufel der Verspätung bereits in der Kirche, und wenn der Teufel in der Kirche ist, dann will er auch die Messe lesen. So gerät die Zeit aus den Fugen: Auf der Uhr ist es noch früh genug, aber für uns ist schon alles zu spät.

Damals im Paradies, als man seinem Gefühl für den richtigen Moment folgen durfte, waren wir wir selbst. Seit aber der Mensch zum verwalteten Menschen wurde, befinden wir uns ständig auf der Flucht, ohne Chance, den Pünktlichen zu entrinnen. Sobald sie die Parkbank erreichen, sind wir im Unrecht. Dann bleibt uns nur Selbstgeißelung, und wer die klösterliche Strenge unserer vermeintlich emanzipierten Gegenwart noch nie empfunden hat, der muss mit Inbrunst Mönch sein. Wir halten uns lieber an den Teufel und rufen: Wenn Ordnung die Leidenschaft des Vernünftigen ist, so ist Unordnung die Wonne der Fantasie.

Wir wollen ja gar nicht leugnen, dass Pünktlichkeit etwas Bestechendes hat. Für pünktliche Leute ist das Dasein eine direkte Verbindung zwischen zwei Terminen. Sie zögern nicht, zweifeln nicht, lassen sich nicht in Hinterhalte locken. Entspannt sitzen sie auf der Parkbank und hadern höchstens mit uns, nie mit sich selbst. Für die Pünktlichen dreht sich der Tag um die Uhr, ist die Welt überschaubar wie eine Scheibe, doch vielleicht, irgendwann, findet auch in ihrem Universum eine kopernikanische Wende statt. Wir können warten.