Ein Mietshaus im Berliner Stadtteil Neukölln. Zwei ganz normale Menschen hatten wir gesucht, möglichst alt, möglichst lange verheiratet. In einer Altenbegegnungsstätte fanden wir schließlich diese beiden: Edith und Rudolph Hoppe, 80 und 82 Jahre alt. Sie unterhielt sich dort mit ihren Freundinnen, er spielte Schach.

Das Paar wohnt ganz in der Nähe, im zweiten Stock. Sie sucht jetzt eine passende Vase für die Blumen, die natürlich "nicht nötig gewesen" wären. Er zieht das rechte Bein nach, als er ins Wohnzimmer geht. Wenig später sitzt er im Sessel am Fenster, sie auf dem Sofa.

Frau Hoppe, Herr Hoppe, Sie tragen ja gar keine Armbanduhren.

Er: Die Zeit ist für uns nicht mehr wichtig. Ich trage nur noch eine Uhr, wenn ich sie brauche. Also wenn ich weggehe. Ich muss ja darauf achten, dass wir pünktlich zum Arzt kommen.

Daheim ist die Zeit unwichtig geworden?

Sie: Ja. Und ich muss ja auch abwaschen, viel mit Wasser, da stört mich eine Uhr doch nur.

Er: Außerdem haben wir eine Uhr an der Wand, die schlägt alle Viertelstunde.

Sie: Nur nicht zwischen dreiviertel elf am Abend und sechs am Morgen.

Dann schlafen Sie?

Er: Na ja, meistens wachen wir um halb acht auf.

Ohne Wecker?

Sie: Ohne Wecker, ganz automatisch. Wir halten unsere Zeiten auch ohne Uhren ein.

Er: Und meine Frau ist immer als Erste auf. Wenn sie sich im Bad erfrischt hat, geht sie in die Küche und macht das Frühstück, und dann gehe ich ins Bad, und wenn ich mich frisch gemacht habe, ist das Frühstück fertig. Das ist unser morgendlicher Anfang.

Seit Sie verheiratet sind?

Er: Als ich noch nicht Rentner war, ich war ja Elektromechaniker, da musste ich jeden Morgen um kurz nach sechs los. Da musste ich so früh aufstehen, dass sie noch länger liegen bleiben konnte.

Sie: Bin ich aber nicht, hast du das vergessen? Wir haben doch immer zusammen gefrühstückt.

Er: Ja, stimmt. Ja. Das hatte ich vergessen. Na, jetzt jedenfalls, mittags um zwölfe…

Sie: …manchmal auch um halb zwölf schon…

Er: …da gibt es Essen.

Und wann gehen Sie ins Bett?

Er: Kann ich genau sagen: um zehn. Wir gucken den Anfang vom heute-journal, dann gehen wir ins Bett. Meine Frau ist ja mit den Augen nicht mehr so gut dran…

Sie: …zweimal haben sie mich operiert, am Star…

Er: …und kurzsichtig warst du Edith, 7,7, und Lesen geht nicht mehr so gut.

Sie: Ja, und wenn wir dann ins Bett gehen, liest mir mein Mann die Bücher vor, die ich nicht mehr lesen kann.

Er: Das mache ich bis um elf. Dann haben wir an unserem Bett ein Radio stehen, da hören wir noch einmal Nachrichten über den Krieg, die Welt ist ja wieder ganz durcheinander jetzt. Und dann schlafen wir ein.

Sie: Ein Ritual haben wir noch. Als ich ihn gerade kennen gelernt hatte und er in der Untermieterbude wohnte, da hatte er so ein altes Sofa stehen, und ich saß da so, wie hier jetzt, und dann haben wir uns unterhalten, und auf einmal, um die Mittagszeit, da legt er sich lang, mit dem Kopf auf meinen Schoß – und schläft ein. Seit ich nicht mehr Sekretärin und mittags zu Hause bin, nehme ich mir ein Kissen auf den Schoß, und er legt sich wieder so lang, und dann lässt er sich streicheln und schläft ein. Das machen wir heute wieder so wie vor 55 Jahren. So ist es bald jeden Tag bei uns.

Die Wanduhr schlägt zur Viertelstunde. "Ding-dang-ding-dong, dong-dang-ding-dong." Big Ben!

Welches Jahr ist eigentlich das verflixteste der verflixten Jahre? Ist es wirklich das siebte? Oder eher das dreiundvierzigste – nur so als Beispiel…

Er: Wir sind alle Jahre gut miteinander umgegangen, nicht, Edith?

Sie: Ja, das sind wir.

Sie werden sich doch an irgendeinen Streit erinnern.

Er: Es kommt in jeder Familie vor, dass einem mal der Kragen platzt. Einmal hast du mit einem Teller Essen nach mir geschmissen, Edith. Da tat mir der Teller mehr leid als die ganze Sache.

Was war da los?

Sie: Das war noch in der ersten Wohnung. Ich hatte gearbeitet, er kam von der Arbeit und hatte was am Essen zu mäkeln. Bis ich diesen Teller warf.

Wann war das?

Sie: Das war… das war…

Er: 1952 war das.

Und das kriegt Ihre Frau bis heute zu hören? "Hör du bloß auf, du hast doch 1952…!"

Er: Nein.

Keine alten Vorwürfe?

Er: Da könnte man sich ja viel vorhalten, und eine Ehe würde immer schwieriger. Das gehört sich nicht.

Aber Alltagsgenerve, das gibt es noch? Schnarchen? In die Mitte der Zahnpastatube drücken? So was?

Sie: Dein Schnarchen hat mich manchmal gestört, Rudolph. Aber das kriege ich ja weg, ich pfeife dann. Jetzt mit dem Alter ist es ja auch besser geworden.

Er: Meine Frau ärgert sich manchmal, weil ich ein bisschen liederlich bin.

Sie: Er lässt seine Zeitung auf den Schränken liegen.

Und darüber ärgern Sie sich heute wie vor 50 Jahren?

Sie: Ja.

Er: Aber dein Ärger ist erträglich, Edith.

Wie sieht der Ärger denn aus?

Sie: Ich räum’s weg.

Und was ärgert Sie an Ihrer Frau, Herr Hoppe?

Er: Na, dass sie’s wegräumt.

Jetzt ein paar Fragen zu ganz früher?

Er: Ja.

Der erste Kuss?

Sie: Gleich am ersten Tag.

Nein!

Er: Doch.

Wilde Zeiten damals? Erzählen Sie mal.

Sie: Kurz nach dem Krieg war das, ich hab in Potsdam gewohnt, mit meiner Mutter, da bin ich jeden Sonnabend im Karstadt-Warenhaus im ersten Geschoss tanzen gegangen. Axel te Holte war der Musiker.

Er: Oh, ja, Axel te Holte!

Sie: Das war wunderbar, das Tanzen! Aber der eine Sonnabend, das war der…

Er: …das war der 29. Februar 1948, ein Schaltjahr.

Sie: Da hatte ich das Tanzen mal satt. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: "Mama, ich habe heute keine Lust, mit den Tangobubis rumzuhopsen, alles Soldaten, heute hier, morgen da. Ich muss mal raus – und wenn ich ’ne alte Tante besuche." Na, und es gab tatsächlich ’ne alte Tante, eine Großtante in Lichtenberg, da bin ich an dem Tag hingefahren. Da hab ich geklingelt, und die machte ganz schnell auf. In Mantel und Hut. Hat sie gesagt: "Ich wollt grad weg. Wärste fünf Minuten später gekommen, wär die Tür zu geblieben. Aber jetzt kannste mit, ich gehe zu einer alten Freundin von mir, die besuche ich zu Hause." Da bin ich mitgegangen.

Er: Und das war meine Mutter. Und ich kam an dem Abend zu Besuch nach Hause, und dann saß dieses kleine Mädchen da.

Sie: Dieses kleine Mädchen?

Er: Na, warst du doch damals. Und da haben sich die beiden alten Damen unterhalten, und wir haben zusammen gequatscht. Und das Ergebnis war: Sie musste ja wieder bis nach Potsdam. Ich konnte sie ja nicht alleine gehen lassen, also habe ich sie noch bis Bahnhof Friedrichstraße gebracht. Und dann gab ich ihr beim Auf-Wiedersehen-Sagen einen Kuss.

Haben Sie sich erschrocken?

Sie: Och, nein.

Er: Du warst ja nicht so unerfahren mit dem Küssen. Wenn man hier und da mal küsst, weiß man erst, wie schön das ist!

Und wenn Sie damals auf Ihrer Fahrt durch das zerstörte Berlin nur fünf Minuten aufgehalten worden wären…

Er: …dann würden wir uns nicht kennen. Bis heute nicht.

Ist das ein schönes Gefühl, oder macht das Angst?

Er: Das sind die Wege des Schicksals.

Küssen Sie sich heute noch?

Er: Manchmal küssen wir uns sogar mitten auf der Straße, wenn wir zu Kaiser’s gehen. Wie junge Leute.

Und machen Sie Ihrer Frau Komplimente?

Er: Heute morgen habe ich ihr gesagt: "Och, die weiße Bluse und die blaue Strickweste, das steht dir aber gut."

Sie: Wobei ich jetzt immer so viele Taschen für Taschentücher brauche. Davon beulen sich die Taschen ja auch. Da kann man nicht so schick sein.

Solange Ihr Mann Ihnen Komplimente macht…

Sie: Nach dem Mittagessen kriege ich ’ne Belohnung.

Er: Wenn es gut schmeckt.

Sie: Dann kriege ich ein paar Küsse mehr.

Er: Ich bedanke mich schon bei meiner Frau, wenn sie etwas gut macht.

Und welche Komplimente machen Sie Ihrem Mann?

Er: "Wenn was kaputtgeht, macht er’s ganz."

Sie: Alles, was so Technik ist, das kann er gut.

Er: Sie sagt immer: "Ich bin so froh, dass ich dich habe."

Sie: Obwohl ich ja früher so gerne zum Tanzen gegangen bin, das habe ich ja schon erzählt. Aber als ich ihn kennen lernte, war’s aus mit dem Tanzen.

Und Sie haben seitdem darauf verzichtet?

Sie: Ja, im Großen und Ganzen.

Er: Aber angenommen, wir waren zur Kur und es war ein vergnügter Abend, da wurde meine Frau gern mal aufgefordert von einem netten Herrn aus der Kurgesellschaft. Ich habe dann zugeschaut.

Er erzählt jetzt vom Krieg. Von Leningrad, vom Winter vor Moskau und von Stalingrad, wo ihm Granatsplitter das Knie zerfetzten. In den Fünfzigern dann wohnten die beiden in einer Wohnung in Berlin mit winziger Außentoilette auf halber Treppe – da musste er immer die Tür offen lassen, weil sein steifes Bein aus der Kabine ragte. Er lacht, als er davon erzählt. Sie auch. Sie kennt ihn nur versehrt.

Was hat sich in all den Jahren mehr verändert? Ihr Körper oder Ihr Geist?

Sie: Manchmal gucke ich an mir herunter, und mein Kopf denkt, wie alt mein Körper doch geworden ist.

Wie viel Früher erkennen Sie dann noch an sich? Und vor allem: an Ihrem Mann?

Sie: Seine Frisur.

Er: Grau bin ich ja schon seit Stalingrad.

Sie: Na, Rudolph, gräulich. Jetzt bist du ja mein Silberfuchs. Aber die Frisur ist so wie früher.

Er: Linksscheitel.

Sie: Unsere Falten sind natürlich mehr. Meine Falten, die stören mich wirklich.

Er: Du fährst auch immer mit deinen Fingern drüber.

Sie: Ich massiere.

Was ist an Ihrer Frau wie früher, Herr Hoppe? Ein Muttermal vielleicht? Oder ihre Augen?

Er: Sie ist so, wie sie früher war, bloß ein bisschen älter.

Sie: Bisschen ist gut.

Haben Sie oft über Ihr Altern geredet?

Sie: Wissen Sie, als ich im Klinikum an den Augen operiert worden war und entlassen wurde, da habe ich mich so gefreut, als ich morgens wach geworden bin. Ich lag im Bett und habe aus dem Fenster geguckt: Die Bäume hatten wieder Äste. Jedes kleine Blättchen habe ich gesehen! Aber dann bin ich ins Bad gegangen und habe beim Frischmachen in den Spiegel geschaut. Bin raus zu meinem Mann und habe gesagt: "Sag mal, kann das sein, dass man in vier Tagen im Krankenhaus so leiden muss, dass man so viele Falten kriegt?" Da sagt er: "Die haste doch schon immer gehabt, die konntest du bloß nicht sehen."

Sie hatten es immer für sich behalten, Herr Hoppe?

Er: Das gehört sich ja wohl so. Ich glaub außerdem, man muss doch wohl mal feststellen, dass meine Frau nicht wie eine Achtzigjährige aussieht.

Sie: Viele Achtzigjährige haben ganz kleine Falten, so ganz durch. Und was mir noch auffällt: Die alten Leute, die gucken oft so gnatzig, die Mundwinkel werden so runtergezogen. Das fällt mir bei alten Leuten auf.

Stimmt es eigentlich, dass die Zeit immer schneller vergeht, je älter man wird?

Er: Ja.

Wann begann bei Ihnen die Zeit zu rasen?

Sie: Ich meine, als wir ins Rentenalter kamen. Als wir noch gearbeitet haben, wenn man aufs Wochenende oder auf den Urlaub wartete, dauerte es länger.

Er: Ich denke dauernd: Jetzt wird’s schon wieder Weihnachten, dabei war doch erst Weihnachten. Ich kaufe dauernd Weihnachtsbäume. Wie habe ich als Kind auf Weihnachten gewartet!

Aber ein Tag dauert heute länger als früher?

Sie: Ach, was. Auch schnell weg.

Er: Tage, Wochen, Jahre. Alles schnell vorbei.

Wir hatten erwartet, Sie würden sich langweilen.

Er: Wir sitzen hier zu Hause ja nicht bloß rum. Wir reden. Oder jetzt, da kam bei uns im Haus das digitale Fernsehen, dann musste ich mich damit erst mal beschäftigen. Und dann ist schon wieder ein Tag rum.

Jetzt sind Sie länger als fünf Jahrzehnte zusammen. Welches gemeinsame Alter ist das schönste?

Er: Je jünger man ist. Wenn man sich so kennen lernt, und man ist noch blutjung, und alles ist neu.

Heißt das, dass es mit den Jahren immer weniger schön wurde?

Sie: Nein, ich freue mich über jeden Tag, an dem wir noch zusammen sein können.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten ein Zeitkonto: Welche Jahre von früher hätten Sie sich gerne gespart, damit Sie sie nun noch einmal leben könnten?

Er: Die, die wir ganz am Anfang in meiner Untermietstube wohnten, die hätte ich gern noch mal neu.

Sie: Und als wir beide arbeiten gingen, hatten wir auch nicht so viel Zeit füreinander.

Aber das ist doch tröstlich. Das heißt doch, dass es jetzt am schönsten ist.

Er: Aber früher waren wir mehr im Bette zusammen als heute.

Sie: Aber Liebe hängt nicht nur davon ab, Rudolph.

Trauern Sie dem nach, Herr Hoppe?

Er: Ach, wo. Wir haben uns ja lieb. Wir vermissen uns ja nicht.

Was vermissen Sie dann?

Er: Mit dem Alter vermisst man die Jugend.

Hat man im Alter mehr oder weniger Sorgen?

Er: Wir haben keine Sorgen mehr.

Sie: Wir fragen uns nur: Wie viele Tage werden wir noch miteinander zubringen?

Haben Sie noch etwas Großes, Gemeinsames vor?

Er: Nein.

Sie: Doch. Weitermachen.

Wofür hätten Sie gerne noch Zeit?

Er: Wir gehen gern in Konzerte. Wir machen gern einen Dampferausflug. Oder zu unserem Sohn in den Garten, da ist immer was los.

Wenn Sie morgens um halb acht aufstehen und einer dieser ganz normalen Tage beginnt – worauf freuen Sie sich?

Er: Dass wir uns wieder sehen. Unser Guten-Morgen-Küsschen ist das Erste. Das fing bei uns ja alles schon mit einem Kuss an.

Sie: Das hattest du aber schon erzählt, Rudolph.

Er: Ach, ja.