Leiden an der Heimatfront

Seit Krieg herrscht, hält es der Nachbar für angemessen, an seinem Flaggenhalter ein Sternenbanner zu hissen. Ein paar Vorgärten weiter steht ein Transparent mit einer Friedenstaube. Darauf der Slogan: "Krieg ist keine Antwort". So geht das den ganzen kurzen Weg bis zum Kindergarten, nur ein paar Häuserblocks weit: Flagge, Taube, Flagge, Taube. Krieg ist offenbar eine Zeit demonstrativer Bekenntnisse.

Im Foyer des Kindergartens läuft morgens manchmal wieder das Nachrichten-Radio. Wie zuletzt, als der Heckenschütze von Washington umging und man damit rechnen musste, dass sich der Weg vom Auto bis zum Eingang in ein Schussfeld verwandelte. Jetzt gilt " Code Orange" , die zweithöchste Warnstufe für Terrorgefahr. Die Behörden sagen, ein Anschlag während des Krieges sei nicht "wahrscheinlich", sondern "gewiss". Deshalb sind einige Eltern dem Ratschlag gefolgt und haben Wasservorräte angelegt. Über dem Viertel war nach Kriegsausbruch dauernd das scheppernde Geräusch von Rotoren zu hören. Sonst kreisen die Hubschrauber nur am Wochenende, wenn der Präsident vom Weißen Haus nach Camp David fliegt. Jetzt ist der Luftraum über der Hauptstadt an allen Tagen eine Hochsicherheitszone.

Vergangene Woche ist der Krieg hier angekommen, ein paar Häuserblocks die Albemarle Street hoch, wo sich der mächtige Rotklinkerpalast der Woodrow Wilson High School erhebt. Die Luftwaffe hatte gerade Saddam Husseins Bunker angegriffen, als Ana Quint sich plötzlich in der Sporthalle zur Schulversammlung wiederfand. Die Schulleitung meinte, sie müsse jetzt 1600 Schülern ihre Verteidigungsstrategie gegen "asymmetrische Kriegführung" bekannt geben. "Vorbereitung finde ich ja richtig", sagt Ana, eine Achtzehnjährige aus der Abschlussklasse. "Aber das?" Ana hörte, was zu tun sei, wenn ein Terrorist die Röntgenkontrolle im Eingangstor überwindet und eine Bombe legt: Ruhig rausgehen und sich am Flaggenmast versammeln. Wenn draußen eine Bombe hochgeht und ein Verletzter vor der Schule liegt: Nichts tun und die Schule keinesfalls verlassen. Wenn das Viertel mit Chemiewaffen angegriffen wird: Fenster mit Klebeband abdichten. "Wollen die uns Angst machen oder was?", fragt Ana.

Jessica wurde nach Kuwait versetzt, jetzt gilt sie als vermisst

Die Schüler, meint sie, interessierten sich nicht für spekulative Terror-Szenarien, sondern für den realen Krieg. "Die Bewegung" heißt die Schülergruppe, die seit Wochen die ganze Schule mit Demos und Sit-ins politisiert. Vergangene Woche sind sie in Anas Philosophie-Unterricht gekommen und haben eine Stunde lang über Pazifismus geredet. Die Lehrerin ließ es geschehen. Wie von selbst ist der Krieg auf den Lehrplan geraten. Nicht nur in Politik und Geschichte, wo es in diesen Tagen um die Genfer Konventionen geht, sondern immer und überall. "Du kannst im Englischunterricht Romeo und Julia durchnehmen, und die Schüler führen dich trotzdem in den Irak", sagt Helena Nobles-Jones, die im Vorort Springdale eine High School leitet. Niemals zuvor hat sich ein Krieg derart aufdringlich in den Wohnzimmern von Familien ausgebreitet, 24 Stunden am Tag, auf allen TV-Kanälen. Es ist fast unmöglich in dieser rundum vernetzten und verkabelten Gesellschaft, Kinder von den Bildern des Krieges fern zu halten. 500 von 600 Front-Journalisten arbeiten für amerikanische Medien. Und sie berichten von der "eigenen" Seite der Front. Jeder Soldat, den sie zeigen, könnte ein Vater, ein Freund, ein Nachbar sein. Deshalb sind die Lehrer angewiesen, einfühlsam zu reagieren. Auf der Website des Außenministeriums können sie sich psychologische Tipps herunterladen.

Manchmal ist einer auch beides – Lehrer und Soldat. Als kürzlich der Grundschullehrer Sam Pelham als Reservist zur Marineinfanterie eingezogen wurde, weinten seine Schüler. Pelham ist der einzige Lehrer unter lauter Lehrerinnen an seiner Grundschule in Marylands ländlicher Anne-Arundel-County. Er spielte mit den Schülern Fußball und schaufelte im Winter Schnee. Jetzt fordert er als Air Controller Luftschläge an und schreibt seinen Schülern kleine Briefe von der Front. Und die Viertklässler schreiben zurück: "Wir vermissen Sie furchtbar und hoffen, dass Sie Saddam Hussein fangen."

Seit dem Tag, an dem Truppen die irakische Grenze überquerten, schauen Deadre und Gregory Lynch ununterbrochen fern, alle Kanäle, ständig zappen sie hin und her. Sie haben sich dafür extra eine Satelliten-Schüssel aufs Dach montiert, denn Kabel-TV gibt es nicht in den grünen Hügeln von West Virginia. Das Dörfchen Palestine, in dem sie wohnen, ist so klein, dass es in der jüngsten Volkszählung nicht mal erwähnt wurde.

Leiden an der Heimatfront

Die Eheleute Lynch hoffen verzweifelt, das Gesicht ihrer Tochter auf dem Bildschirm zu entdecken, und sei es nur eine Sekunde lang. Jedem Besucher, der auf dem ewig langen Schotterweg durch die Tabakfelder zu ihnen gefunden hat, halten sie das High-School-Foto von Jessica vom September 2000 hin. Es zeigt einen blonden Teenager, unter einem Baum sitzend, ein offenes Gesicht, ein gewinnendes Lächeln, genau so, wie man sich ein braves Mädchen vom Lande vorstellt. Eines Tages, so berichten die Eltern, seien zwei Uniformierte vorbeigekommen. Sie setzten sich auf die Veranda und schwärmten von der Armee, der Karriere, der kostenlosen Hochschulausbildung, den Reisen. Die üblichen Versprechen von den vielen Chancen. In der rauen Wirklichkeit von West Virginia, wo nichts so rar ist wie Jobs, klingen sie wie Verheißungen. So lässt sich Jessica überreden. Als sie, 19-jährig, nach Kuwait versetzt wird, sagt sie: "Ich gehe gerne, wirklich. Manche Leute verlassen nicht mal unseren Landkreis. Ich sehe sogar ein anderes Land."

Es ist später Nachmittag in Palestine, der Krieg ist keine Woche alt, als die Eltern der Gefreiten Lynch im Fernsehen hören, die 507. Instandhaltungskompanie sei unter Feuer genommen worden – die Einheit ihrer Tochter. Das Leben steht plötzlich still. Als Nächstes hören sie, im arabischen Fernsehen seien die Gesichter von gefangenen Soldaten gezeigt worden. Es heißt, eine Frau sei unter den Gefangenen. Offenbar nicht Jessica. Denn die Frau sei schwarz. Dann keine Nachrichten mehr. Um zehn Uhr abends versucht Gregory Lynch seine Frau zu beruhigen: "Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Lass uns zu Bett gehen."

Eine Stunde später klopft es. Wieder stehen zwei Uniformierte vor der Tür. Sie teilen den Lynchs mit, ihre Tochter gelte als vermisst.

Die Live-Berichterstattung der "embedded", der "eingebetteten" Reporter verändert das Leben von Hunderttausenden in Amerika. Früher konnten Verwandte nur durch Briefe und Telefonate Kontakt halten zu ihren Liebsten im Felde. Vom Krieg selbst erfuhren sie lange nichts. Heute weiß die Verwandtschaft, welcher Sender einen Reporter bei der Einheit ihres Soldaten hat. Alle erleben sein Schicksal live mit – die bisher brutalste Reality-Show. Der Journalist wird zum Protokollanten des Lebens eines Geliebten. Oder zum Überbringer einer grausamen Nachricht.

Inzwischen hat das Pentagon die Sender gebeten, Namen und Gesichter von Toten und Vermissten zurückzuhalten, bis das Militär in seinem ehernen Ritual die Verwandten benachrichtigt hat. Es ist der hoffnungslose Versuch, die Zeit zurückzudrehen.

Die Kriegsberichterstattung in Echtzeit ermöglicht herzzerreißende Rührstücke und die Geburt von Heldenmythen. MSNBC-Reporter David Bloom, im Schutz der 3. Infanterie-Division im Irak unterwegs, stellt einfach sein Videotelefon neben die Trage eines verwundeten Soldaten, sodass der – von Millionen Menschen im Fernsehsessel mitfühlend beobachtet – seiner Mutter Schlachtverlauf und Verletzung erklären kann. Der Reporter, dein Freund und Helfer. Die Sender müssen inzwischen ihre Feldberichterstatter gegen den Ansturm der Angehörigen abschirmen.

Leiden an der Heimatfront

Wieder haben sie Orangen, Getränke und Gebäck mitgebracht. Wieder sind sie in den Warriors Pavilion, eine Sporthalle, in Tuba City, Arizona, gekommen. 500 Menschen, die für Lori Piestewa beten wollen. Seit die Gefreite im Irak verschwand, haben sich die Nachbarn fast jeden Tag getroffen, um Familie Piestewa Mut zuzusprechen. Drei Stunden dauert die Veranstaltung. Am Podium lehnt ein großes Bild von Lori. Hunderte solcher Mahnwachen, Gebete und Kerzenumzüge gibt es jetzt im ganzen Land. In den kleineren Orten hängen gelbe Schleifen als Flore der Hoffnung an Bäumen und Straßenlaternen. Die Nähe zum Schlachtfeld via TV hat jedes einzelne amerikanische Soldatenschicksal unendlich vervielfältigt und so eine Welle der Anteilnahme ausgelöst, die sogar in den Vereinigten Staaten neu ist.

Vermutlich ist keine Gemeinde so eng zusammengerückt wie Tuba City. Das Städtchen liegt mitten im Reservat der Hopi- und Navajo-Indianer. Beide Stämme gelten als amerikanische Superpatrioten, seit sie einst im Namen der amerikanischen Nation spanische Eindringlinge abwehrten. 50 Hopis dienen heute in den Streitkräften, und Lori Piestewa ist eine davon. Ihr Vater kämpfte im Vietnamkrieg, der Großvater im Weltkrieg. Genau dieses "Kriegerblut" trage Lori Piestewa in sich, sagte Pastor Godden Menard, der sie konfirmierte, der Zeitung The Arizona Republic. Vielleicht gibt es auch eine einfachere Erklärung: Das Reservat ist völlig verarmt, die Arbeitslosenquote beträgt 50 Prozent. Krieger zu werden ist immerhin ein Job.

Wie viele gefallene Soldaten ist Saddam Husseins Sturz wert?

An diesem Abend tritt Loris Bruder Wayland ans Rednerpult und bittet alle 500 native Americans: "Betet für die, die in Uniform sind. Betet für die, die gegen sie kämpfen. Denn deren Familien leiden nicht weniger als wir. Betet, dass sie andere behandeln, wie sie selbst behandelt werden möchten." Über die Rede schreibt zunächst die lokale Zeitung The Gallup Independent, dann die New York Times und schließlich berichten die nationalen Fernsehsender. Die Geschichte fügt sich ein in jene Debatte, die in den vergangenen Tagen begonnen hat: Wie viele Gefallene, wie viele Vermisste ist Saddams Sturz wert? Schon kursieren Vergleiche: Waren die Tagesverluste in den schlimmsten Zeiten in Vietnam höher als jene im Irak? Dabei wird bereits klar: Weil die moderne Informationstechnologie die Kriegstoten, die Gefangenen, die Vermissten aus der Anonymität reißt und ihre Geschichten multipliziert, wird ein langer Krieg schwerer führbar. Es wächst der Zwang zum Blitzkrieg.

Am längsten würden ihn womöglich die Krieger der Hopis und der Navajos führen. Am Tag nach den Gebeten für Lori Piestewa, berichtet die Stammeszeitung Navajo Times, sind wieder 150 Indianer auf der Straße – um gegen die Friedensbewegung zu demonstrieren.

Leiden an der Heimatfront

Lori Piestewa: verschwunden. Jessica Lynch: verschwunden. Shoshana Johnson: vom irakischen Fernsehen als Gefangene vorgeführt. All diese Geschichten erinnern Amerika plötzlich daran, dass die Streitkräfte sich dramatisch verändert haben: Diesmal stehen auch Frauen an der Front. Bis vor wenigen Jahren durften Frauen nur hinter der Front helfen, etwa als Krankenschwestern oder Logistikerinnen. Erst Präsident Bill Clinton hat 1994 die "Risiko-Regel" abgeschafft. Seither sind gut 90 Prozent aller Militär-Jobs für Frauen offen. Nur zu den Spezialkräften dürfen sie nicht, zur Infanterie, zur Artillerie und auf U-Boote. Doch sie fliegen Bomber über dem Irak und feuern Lenkwaffen von Kampfschiffen ab. 200000 Frauen dienen heute, 15 Prozent der kämpfenden Truppe.

Schon wenige Tage nach Kriegsbeginn sind mehr Frauen verschwunden oder in Gefangenschaft geraten als im letzten Golfkrieg, darunter alleinerziehende Mütter wie Piestewa und Johnson. Kämen sie nicht zurück, wären drei Kleinkinder Waisen. Sofort ist die nächste Diskussion entbrannt: Ist die Armee herzlos? In der Washington Post beschreibt ein Beamter aus dem Pentagon, vorsorglich anonym, wie sehr ihn jene Bilder von der Einschiffung nach Kuwait beunruhigen, die Soldatinnen beim Abschied von ihren Babys zeigen: "Wir sind doch die Vereinigten Staaten. Wie können wir so etwas von unseren jungen Frauen verlangen?" Die Antwort gibt Carolyn Becraft, die unter Präsident Clinton im Verteidigungsministerium arbeitete: "Dies ist eine Freiwilligenarmee. Es bleibt, wer will. Wer Kinder hat, muss trotzdem weltweit stationierbar sein."

Volle Gleichstellung werde in Wahrheit erst erreicht sein, argumentiert dagegen die Kolumnistin Anne Applebaum, wenn Unterschiedliches auch unterschiedlich behandelt werde. "Warum", fragt sie, "sollten alleinerziehende Mütter nicht aus dem Schussfeld genommen werden?"

Amerikas Friedensbewegung hat einen neuen Slogan: "Stop the lying, show the crying". Gemeint ist das Fernsehen. Es soll "aufhören zu lügen" und stattdessen "das Weinen zeigen". Vergangene Woche ist der Protest am Hauptstadtbüro von CNN angekommen. 20 Demonstranten stehen vor der Tür und verlangen, die Verantwortlichen zu sprechen. Doch die stellen sich taub. Nur aus der Kantine im Erdgeschoss schauen ein paar Journalisten gelangweilt zu, wie draußen Demonstranten Plakate schwenken. In der Hochhausschlucht verhallen die Proteste.

Vor der Tür wartet Yu-Lan Tu, eine 23-Jährige, die sich mit einem Konzeptpapier für das Gespräch mit dem Funkhauschef gewappnet hat. Nun steht sie da in ihrem rosa Strickpullover – rosa, weil ihre Gruppe Code Pink heißt. Sie probiert das erwünschte Streitgespräch mit dem CNN-Gewaltigen an dem Reporter aus Deutschland aus. "CNN soll aufhören, Propaganda zu senden", sagt sie.

Wieso Propaganda? Haben Sie den Eindruck, CNN sei für den Krieg?

Leiden an der Heimatfront

"Klar. Obwohl die Friedensbewegung so groß ist wie seit dem Vietnamkrieg nicht mehr, berichten die fünf Sekunden am Tag darüber, den Rest über den Krieg."

Also kritisieren Sie nicht die Kriegsberichterstattung, sondern dass Sie selbst nicht genug Gehör finden?

"Nein. Die sollen aufhören, nur Generäle einzuladen, und stattdessen mal Experten der Friedensbewegung hören."

Womöglich sind die Demonstranten selber Opfer des Krieges und einfach ein bisschen zu spät dran. Der Krieg ist schneller, und mit ihm das Fernsehen. Während am Gebäude die Slogans der Friedensbewegten widerhallen, läuft in der Kantine auf zwei Bildschirmen das CNN-Programm. Zu sehen sind nicht mehr die Staubfahnen von Panzern bei ihrer Wettfahrt auf Bagdad, sondern ein Gefecht mit Saddam Husseins Guerillas. Vom Häuserkampf berichtet der Reporter und davon, dass den Truppen der Sprit, das Wasser und das Essen ausgehe.

Zu betrachten ist das Resultat des Versuchs, "die Medien zur Kriegswaffe zu machen". So nennt das Lucian Truscott, er ist Drehbuchautor und Absolvent der Militärakademie West Point. Nicht als Großzügigkeit oder Respekt vor der Pressefreiheit interpretiert er die Bereitschaft des Pentagon, 600 Reporter bei den Truppen aufzunehmen. Es sei vielmehr Teil der Kriegsstrategie gewesen, "die irakische Militärführung zu verunsichern und zu erschrecken". Die Botschaft sollte lauten: "Gebt auf! Opposition zwecklos! Wenn ihr uns nicht glaubt, schaltet einfach das Fernsehen an." Diese Strategie funktionierte nur 48 Stunden lang, so lange, wie es aus amerikanischer Sicht ein Krieg im Vorbeifahren war, ein drive by war.

Inzwischen kann die irakische Führung ihre Erfolge mit Genugtuung auf CNN betrachten. Beide Male wirkt das Fernsehen als Vergrößerungsglas: Ein Vormarsch wird schnell zum Durchmarsch, ein Rückschlag zur Niederlage.

Die Demonstranten verlassen den Vorplatz des CNN-Gebäudes am Ende nicht ohne Erfolg. Über die Monitore in der Kantine flimmert nach den Bildern vom Schlachtengetümmel eine Übertragung aus dem Verteidigungsministerium. Minutenlang steht der CNN-Korrespondent vor dem bekanntesten Dekorationsstück des Pentagon, dem marineblauen Vorhang im Pressesaal. Brav liest er vor, was ihm mundgerecht gereicht wurde, und liefert den Demonstranten so eine willkommene Vorlage. Im Schüttelreim rufen sie, CNN sei "im Bett mit dem Pentagon": "Objective news are dead and gone, you’re in bed with the Pentagon!"

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Ein Geruch von Marihuana umweht das Weiße Haus

Links steht das Wasserglas, rechts hängt das Sternenbanner, dazwischen nimmt Kenneth Pollack Platz. Es ist früh am Morgen, trotzdem ist kein Platz mehr zu finden im großen Saal der Brookings Institution. Denn hier hebt einer an, den wohl dramatischsten Stimmungsumschwung der jüngeren amerikanischen Geschichte zu erklären: Wie konnte es kommen, dass nach Kriegsbeginn in wenigen Tagen aus Euphorie Katzenjammer wurde?

Was Kenneth Pollack auszeichnet, ist seine Kenntnis des Iraks. Er hat ein Buch über irakische Militärgeschichte geschrieben, war sieben Jahre lang beim CIA Irak-Analytiker und danach vier Jahre lang im Nationalen Sicherheitsrat unter Bill Clinton. "Der ganze Angriff", sagt er, "fußte auf ein paar fehlerhaften Annahmen." Seit Monaten hätten "einige in der Regierung" behauptet, Saddam Husseins Regime sei "brüchig", die Soldaten würden dafür nicht kämpfen. Man müsse aber nicht viel von irakischer Geschichte kennen, um zu wissen, welch "grimmige Kämpfer" die Iraker immer gewesen seien. Sogar die Amerikaner hätten es wissen können – aus dem Golfkrieg 1991, als sich zwar die reguläre Armee ergab, die Republikanischen Garden aber "wie die Tiger gegen unser 7. Korps kämpften".

Das alles hat Kenneth Pollack aufgeschrieben, in einem weiteren Buch. Es heißt The Threatening Storm: The Case for Invading Iraq und liest sich, vor ein paar Monaten erschienen, heute wie Prophetie. Darin argumentiert Pollack auf 40 Seiten, warum Saddam nicht aufgeben werde und die Idee einer "leichten" Intervention mit Luftangriffen und wenigen Bodentruppen ein Hirngespinst sei. Es bleibe nur "die Invasion mit ganzer Macht". Warum nur hat niemand auf diesen Kenner gehört? So sitzt er nun da und muss eine Strategie erklären, die er immer für "kühn" und "verwegen" hielt, "um nicht zu sagen: risikoreich".

Binnen weniger Tage ist der Versuch gescheitert, die Logik des Krieges umzudrehen. Er sollte nicht mehr, wie einst in Hitlers Berlin, mit dem Sturm auf den Bunker des Diktators enden. Der Krieg würde diesmal mit dem Angriff auf den Bunker des Diktators beginnen. Nicht nur die eigenen Soldaten galt es zu schützen, auch die Zivilisten und sogar die feindlichen Soldaten. Die Bombardements sollten die Wohngebiete nicht treffen, die Strom- und die Wasserversorgung und auch das Fernsehen nicht. Gefangene würden nicht gemacht, sondern nach Hause geschickt. Die humanitäre Hilfe sollte schon mitten im Kampf fließen. Ebendas war der Plan eines Enthauptungsschlages, eines chirurgischen Angriffs fast ohne Opfer. Es sollte den Krieg "humanisieren" und damit wieder führbar machen – jedenfalls für Amerika.

Doch zum Kriegführen gehören zwei, und Saddam Hussein hat die Pläne der Amerikaner durchkreuzt. Jetzt sind in den Zeitungen Rezepte zu lesen wie jene des Militäranalytikers Ralph Peters: "Manche Dinge verändern sich eben nicht. Die beste Art, dem Feind Angst und Schrecken einzujagen, ist, ihn zu töten. Die, die aus politischen Gründen aseptische Kriege führen wollen, sollten lieber gar nicht erst anfangen."

Leiden an der Heimatfront

Kenneth Pollack warnt am Ende seines Vortrages davor zu übertreiben. "Im Moment" habe Amerika verloren, aber nicht den Krieg. Der werde jetzt eben "schmutziger". Und dürfte damit so werden wie alle Kriege bisher.

Ein leichter Geruch von Marihuana umweht das Weiße Haus, als die Menge vorbeizieht. Es ist eine bunte Gesellschaft, die kommt, um George Bush seinen Krieg auszureden; so bunt wie Amerika, jedenfalls viel bunter als die Staatsbürokraten, die sonst zwischen den Behörden hin- und herlaufen. Jetzt sind hier fast täglich Friedensdemonstrationen, und die haben in Amerika immer einen Hauch von Woodstock. Es sind Generationen übergreifende Feste: Vietnamgegner, die sich nie völlig angepasst haben, vereinigen sich mit ihren Kindern, die noch keine Zeit hatten, sich anzupassen. Einträchtig demonstrieren Milchbärte und Graubärte.

Mag ansonsten die Glatze der Basketballer hip sein, hier wehen lange Haare im Frühjahrswind, schlabbern Holzfällerhemden um Hüften. Die 71 Jahre alte Marlene Bertke aus Erie in Pennsylvania ist hier, weil sie der Welt zeigen will, dass "Deutschland und Frankreich nicht allein stehen und George Bush die Welt nicht wie ein Bulldozer überfahren kann". In der Hand hält sie ein Plakat, auf dem steht: "Benediktinerinnen für den Frieden". Alle 91 Nonnen in ihrem Kloster seien "derselben Ansicht". Benediktiner seien "seit 1400 Jahren für den Frieden".

Seit einer Hüftoperation ist Schwester Marlene nicht mehr gut auf den Beinen, und so ziehen die Demonstranten an ihr vorüber, der junge Mann zum Beispiel, der als Zeichen seiner Sympathie für Deutschland eine riesige Brezel hochhält. Daneben läuft jemand mit einem "Vive la France"- Plakat. Auf einem anderen Transparent ist zu lesen: "Man kann das internationale Recht nicht durchsetzen, indem man es bricht". Eigentlich hat Schwester Marlene an ihrem Land nicht viel auszusetzen. Sie sei "froh, Amerikanerin zu sein" – wenn nur "diese Außenpolitik nicht wäre". Hat sie etwas dagegen, dass ihr Land gegen einen Tyrannen zu Felde zieht? "Ach wissen Sie, bisher haben wir Diktatoren doch immer gestützt, nicht gestürzt. Wie soll ich da der neuen Politik glauben?"

Der Zug erreicht den Lafayette Square, eine Parkanlage mit Blick auf die Nordfassade des Weißen Hauses. Die Parkpolizei hat hier kürzlich die Bannmeile erweitert und den Platz mit Plastikzäunen abgesperrt. Friedlich ziehen Tausende vorbei. Doch an derselben Stelle werden beim nächsten Protestmarsch 68 Demonstranten verhaftet werden, darunter zwei Bischöfe, ein Rabbi und zwei Nobelpreisträger. Und Daniel Ellsberg ist dabei, eine Ikone der Friedensbewegung, seit er vor gut 30 Jahren die geheimen Pentagon-Papiere über die blutige Vietnampolitik an die New York Times weitergab. Die Massenverhaftung schafft es bis in die Nachrichten, sogar bis nach Europa, wo die Bilder der Prominenten in Plastikhandschellen als Dokument der Härte gegen die Opposition gewertet werden. In Washington steht am nächsten Tag in der Zeitung: "Friedlicher Protest endet in friedlichem Arrest".

Die Festnahme war erklärtes Ziel der Demonstration. Sie ist Teil einer Eskalation des Protests. Denn die Kriegsgegner drohen den Wettkampf um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu verlieren. Zwar steigt die Zahl der Aktivisten, aber nicht der Anteil der Kriegsgegner in der Bevölkerung. Rund 70 Prozent der Amerikaner stützen gegenwärtig Bushs Politik. Wer das ändern will, muss das Fernsehen erobern, jenes Massenmedium, das Stimmungen beeinflusst. Diesmal geht die Rechnung auf. Nach der Freilassung wird Daniel Ellsberg prompt zum CNN-Interview geladen.

Leiden an der Heimatfront

Der Protestzug hat das Weiße Haus beinahe umrundet, als am Gartenzaun des Regierungssitzes zwei Gegendemonstrantinnen auftauchen. Es sind Donna und Cathrin Boyle, Mutter und Tochter, Letztere eine blonde natürliche Schönheit, Erstere eine blonde Schönheitschirurgenschönheit. Sie sind aus Florida angereist, um "der schweigenden Mehrheit Stimme zu geben". Beide halten Plakate hoch. Eins sagt schlicht: "U.S.A.", das andere: "We support our troops" (Wir unterstützen unsere Truppen). Die Mutter eröffnet das Gespräch: "Wenn Sie aus Deutschland sind, haben Sie da nicht jemanden in Ihrer Familie, der von einem Diktator befreit wurde?" Im Herbst, erzählt sie, habe sie ihren BMW verkauft, "als jemand in der deutschen Regierung unseren Präsidenten mit Adolf Hitler verglich". "Ein verdammt schönes Auto war das", sagt die Tochter. "Aber jetzt haben wir einen schönen Cadillac", erwidert die Mutter.

Ständig sprechen Friedensdemonstranten Mutter und Tochter an. "Auch wir unterstützen unsere Truppen!", ruft einer. "Deshalb wollen wir, dass sie heimkommen." – "Und wir sind auch für den Frieden", gibt die Tochter zurück, "für dauerhaften Frieden in Freiheit."

Die Familie kann zwischen Holz- und Metallsarg wählen

Washingtons Hauptmoschee sieht aus wie aus dem Orient verpflanzt. Ein arabischer Palast, reich mit Ornamenten verziert, mitten im Botschaftsviertel. In die Wandmosaike sind Koranverse eingebrannt, und über dem Gebetsraum erhebt sich, gut 50 Meter hoch, ein Minarett, von dem der Muezzin über die Diplomatenpaläste hinweg zum Gebet ruft. Es ist das zweite Freitagsgebet nach dem Angriff auf den Irak. In der Vorwoche tat der Imam, ob aus Schock oder aus Angst, als ob nichts geschehen sei. Der Krieg war kein Thema, nur gebetet wurde in der Moschee.

Hunderte Männer und ein paar Frauen strömen durch die Wandelhallen in den Gebetsraum. Misstrauisch mustern sie den Reporter, der vor der Moschee am Lautsprecher sitzt, um aufzuschreiben, was der Imam sagt. War nicht das FBI da, um die Gläubigen zu mahnen, keinesfalls vom Heiligen Krieg zu politisieren? Haben nicht Mitglieder der Gemeinde Befragungen ertragen müssen? Am Schwarzen Brett hängen Tipps, wie man sich gegen Übergriffe und Rechtsbrüche von Beamten wehren kann. Daneben ein Ausriss aus der Washington Times. Überschrift: Bush lobt den Islam wegen seiner Moralität. Es ist erst ein paar Monate her, da besuchte der Präsident die Moschee, zog sich die Schuhe aus und sprach von einer "Religion der Gnade und der Toleranz".

Der Imam hebt an und spricht von der Pflicht zur Gotteshuldigung und der Größe Allahs, minutenlang. Dann, ohne Übergang und Einleitung, ohne Kontext und Begründung, beginnt eine Verteidigungsrede: "Viele klagen den Islam heute an, er gehe grausam mit Kriegsgefangenen um. Aber das reden die Leute nur so daher. In Wahrheit verlangt der Koran, Gefangene um Allahs willen zuvorkommend zu behandeln." Damit ist der Exkurs schon wieder vorbei. Nur nicht anecken. Eine Gemeinde in der Defensive.

Wer nach dem Gebet in den Wandelhallen nachfragt, hört immerhin private Ansichten. Es sind Varianten einer einzigen Meinung: "unnötig", "ungerecht", "verbrecherisch", "überflüssig", "dumm" sei dieser Krieg. Aber bloß nicht zitieren! Nicht mit Namen! Verschwörungsfantasien sprießen: Der muslimische Soldat, der in Kuwait eine Handgranate in das Zelt seiner amerikanischen Kameraden warf? Eine Erfindung der Medien! Bush? Eine Marionette Israels! Der Grund für den Krieg? Weltbeherrschung!

Leiden an der Heimatfront

Am Ausgang der Moschee, schon auf dem öffentlichen Bürgersteig, fällt der Blick der Gläubigen auf ein Plakat an einem Mülleimer, das ihnen Zuversicht gibt: "Rettet unsere Truppen! Raus aus dem Irak! Baut Amerika wieder auf!"

Die Soldaten aus dem Irak werden auf dem Rollfeld der Dover Air Force Base von keiner Militärkapelle willkommen geheißen. Und wie die Zeitungen berichten, warten auch keine Verwandten auf ihre Liebsten. Stattdessen ist Halbmast geflaggt. Als sich die Ladeklappe des C-17-Transportflugzeugs öffnet, gleiten 16 Metallsärge heraus, in Sternenbanner gehüllt. Ehrenwachen geleiten jeden dieser bei den ersten Feuergefechten in Nasirija Gefallenen hinüber ins Beerdigungszentrum der Streitkräfte. "Die Eltern dieser Soldaten sind zu Recht furchtbar stolz auf ihre Kinder", sagt Direktor William Zwicharowski dem Reporter des örtlichen Wilmington News Journal, der den letzten Amtshandlungen an den Soldaten beiwohnen darf.

Erst kommt jeder Leichnam unter den Scanner. Vielleicht ist noch unentdeckter Sprengstoff am Körper. Jeder Tote erhält eine Nummer, auch die Uhr, die Briefmappe oder das Fotoalbum. Dann werden die Überreste gewogen, fotografiert und geröntgt. DNA-Analyse und Fingerabdruck dienen der Identifizierung. Ungenauigkeiten darf es nicht geben. Jeder Gefallene werde nach dem Motto der Einrichtung behandelt, sagt der Direktor: "Immer mit Ehre".

Nach der Autopsie werden die Leichen einbalsamiert, um Bakterien abzutöten, dann kosmetisch behandelt und angekleidet. Jedem Soldaten wird die Ausgehuniform seiner Waffengattung angezogen, dazu werden alle Orden und Auszeichnungen angesteckt, die er erworben hat. Die Familie darf zwischen Holz- und Metallsarg wählen. Schließlich tritt der Soldat die letzte Reise an – die Reise nach Hause.

Während des Vietnamkriegs haben 21000 Soldaten Zwischenstation auf der Dover Air Force Base in Delaware gemacht. Während des ersten Golfkrieges waren es 310. Wie viele werden es diesmal sein? Wie viele nimmt die Gesellschaft hin? Wie erträgt sie, was ein Kongressabgeordneter einst "den Dover-Test" nannte?

Sieben Mitarbeiter hat das Beerdigungszentrum normalerweise. Jüngst sind 100 Freiwillige dazugekommen.