Die Eheleute Lynch hoffen verzweifelt, das Gesicht ihrer Tochter auf dem Bildschirm zu entdecken, und sei es nur eine Sekunde lang. Jedem Besucher, der auf dem ewig langen Schotterweg durch die Tabakfelder zu ihnen gefunden hat, halten sie das High-School-Foto von Jessica vom September 2000 hin. Es zeigt einen blonden Teenager, unter einem Baum sitzend, ein offenes Gesicht, ein gewinnendes Lächeln, genau so, wie man sich ein braves Mädchen vom Lande vorstellt. Eines Tages, so berichten die Eltern, seien zwei Uniformierte vorbeigekommen. Sie setzten sich auf die Veranda und schwärmten von der Armee, der Karriere, der kostenlosen Hochschulausbildung, den Reisen. Die üblichen Versprechen von den vielen Chancen. In der rauen Wirklichkeit von West Virginia, wo nichts so rar ist wie Jobs, klingen sie wie Verheißungen. So lässt sich Jessica überreden. Als sie, 19-jährig, nach Kuwait versetzt wird, sagt sie: "Ich gehe gerne, wirklich. Manche Leute verlassen nicht mal unseren Landkreis. Ich sehe sogar ein anderes Land."

Es ist später Nachmittag in Palestine, der Krieg ist keine Woche alt, als die Eltern der Gefreiten Lynch im Fernsehen hören, die 507. Instandhaltungskompanie sei unter Feuer genommen worden – die Einheit ihrer Tochter. Das Leben steht plötzlich still. Als Nächstes hören sie, im arabischen Fernsehen seien die Gesichter von gefangenen Soldaten gezeigt worden. Es heißt, eine Frau sei unter den Gefangenen. Offenbar nicht Jessica. Denn die Frau sei schwarz. Dann keine Nachrichten mehr. Um zehn Uhr abends versucht Gregory Lynch seine Frau zu beruhigen: "Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Lass uns zu Bett gehen."

Eine Stunde später klopft es. Wieder stehen zwei Uniformierte vor der Tür. Sie teilen den Lynchs mit, ihre Tochter gelte als vermisst.

Die Live-Berichterstattung der "embedded", der "eingebetteten" Reporter verändert das Leben von Hunderttausenden in Amerika. Früher konnten Verwandte nur durch Briefe und Telefonate Kontakt halten zu ihren Liebsten im Felde. Vom Krieg selbst erfuhren sie lange nichts. Heute weiß die Verwandtschaft, welcher Sender einen Reporter bei der Einheit ihres Soldaten hat. Alle erleben sein Schicksal live mit – die bisher brutalste Reality-Show. Der Journalist wird zum Protokollanten des Lebens eines Geliebten. Oder zum Überbringer einer grausamen Nachricht.

Inzwischen hat das Pentagon die Sender gebeten, Namen und Gesichter von Toten und Vermissten zurückzuhalten, bis das Militär in seinem ehernen Ritual die Verwandten benachrichtigt hat. Es ist der hoffnungslose Versuch, die Zeit zurückzudrehen.

Die Kriegsberichterstattung in Echtzeit ermöglicht herzzerreißende Rührstücke und die Geburt von Heldenmythen. MSNBC-Reporter David Bloom, im Schutz der 3. Infanterie-Division im Irak unterwegs, stellt einfach sein Videotelefon neben die Trage eines verwundeten Soldaten, sodass der – von Millionen Menschen im Fernsehsessel mitfühlend beobachtet – seiner Mutter Schlachtverlauf und Verletzung erklären kann. Der Reporter, dein Freund und Helfer. Die Sender müssen inzwischen ihre Feldberichterstatter gegen den Ansturm der Angehörigen abschirmen.