Wieder haben sie Orangen, Getränke und Gebäck mitgebracht. Wieder sind sie in den Warriors Pavilion, eine Sporthalle, in Tuba City, Arizona, gekommen. 500 Menschen, die für Lori Piestewa beten wollen. Seit die Gefreite im Irak verschwand, haben sich die Nachbarn fast jeden Tag getroffen, um Familie Piestewa Mut zuzusprechen. Drei Stunden dauert die Veranstaltung. Am Podium lehnt ein großes Bild von Lori. Hunderte solcher Mahnwachen, Gebete und Kerzenumzüge gibt es jetzt im ganzen Land. In den kleineren Orten hängen gelbe Schleifen als Flore der Hoffnung an Bäumen und Straßenlaternen. Die Nähe zum Schlachtfeld via TV hat jedes einzelne amerikanische Soldatenschicksal unendlich vervielfältigt und so eine Welle der Anteilnahme ausgelöst, die sogar in den Vereinigten Staaten neu ist.

Vermutlich ist keine Gemeinde so eng zusammengerückt wie Tuba City. Das Städtchen liegt mitten im Reservat der Hopi- und Navajo-Indianer. Beide Stämme gelten als amerikanische Superpatrioten, seit sie einst im Namen der amerikanischen Nation spanische Eindringlinge abwehrten. 50 Hopis dienen heute in den Streitkräften, und Lori Piestewa ist eine davon. Ihr Vater kämpfte im Vietnamkrieg, der Großvater im Weltkrieg. Genau dieses "Kriegerblut" trage Lori Piestewa in sich, sagte Pastor Godden Menard, der sie konfirmierte, der Zeitung The Arizona Republic. Vielleicht gibt es auch eine einfachere Erklärung: Das Reservat ist völlig verarmt, die Arbeitslosenquote beträgt 50 Prozent. Krieger zu werden ist immerhin ein Job.

Wie viele gefallene Soldaten ist Saddam Husseins Sturz wert?

An diesem Abend tritt Loris Bruder Wayland ans Rednerpult und bittet alle 500 native Americans: "Betet für die, die in Uniform sind. Betet für die, die gegen sie kämpfen. Denn deren Familien leiden nicht weniger als wir. Betet, dass sie andere behandeln, wie sie selbst behandelt werden möchten." Über die Rede schreibt zunächst die lokale Zeitung The Gallup Independent, dann die New York Times und schließlich berichten die nationalen Fernsehsender. Die Geschichte fügt sich ein in jene Debatte, die in den vergangenen Tagen begonnen hat: Wie viele Gefallene, wie viele Vermisste ist Saddams Sturz wert? Schon kursieren Vergleiche: Waren die Tagesverluste in den schlimmsten Zeiten in Vietnam höher als jene im Irak? Dabei wird bereits klar: Weil die moderne Informationstechnologie die Kriegstoten, die Gefangenen, die Vermissten aus der Anonymität reißt und ihre Geschichten multipliziert, wird ein langer Krieg schwerer führbar. Es wächst der Zwang zum Blitzkrieg.

Am längsten würden ihn womöglich die Krieger der Hopis und der Navajos führen. Am Tag nach den Gebeten für Lori Piestewa, berichtet die Stammeszeitung Navajo Times, sind wieder 150 Indianer auf der Straße – um gegen die Friedensbewegung zu demonstrieren.