Darf Frank Bsirske - im Nebenjob Aufsichtsrat bei der Lufthansa, im Hauptberuf Chef der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di - einen Streik organisieren, der die Lufthansa Millionen kostet? Wohlgemerkt einen Streik, bei dem es gar nicht um die Luftlinie geht? Aktionärsschützer sagen: Nein!

Aufsichtsräte seien dem Unternehmenswohl verpflichtet, meinen sie und kündigen an, die Rolle von Gewerkschaftern in Aufsichtsräten zum Thema der beginnenden Saison der Hauptversammlungen zu machen. Allein in den 30 Unternehmen des Aktienindex Dax halten Funktionäre der IG Metall, der IG Bergbau, Chemie, Energie und anderer Gewerkschaften 57 Kontrolleursposten, wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) vorrechnet.

Diese Gewerkschaftslobbyisten sollen, so fordern die Aktienlobbyisten der DSW, ihre Plätze räumen.

Der äußere Anlass für die Forderungen ist der Fall Bsirske: Am 17. Dezember vergangenen Jahres legte ver.di die Flughäfen Frankfurt und München lahm, um Lohnforderungen für den öffentlichen Dienst Nachdruck zu verleihen. Die Lufthansa, deren Vorstand zuvor in einem offenen Brief an Bsirske und seine Verantwortung gegenüber dem Unternehmen appelliert hatte, wurde als Nichtbeteiligte zur Hauptgeschädigten der Warnstreiks - 360 Flüge mit 25 000 Passagieren mussten gestrichen werden.

Zusätzlich entfacht ein anderer Umstand den Streit um die Gewerkschaftsaufsichtsräte: Seit dem 1. Januar gelten neue Spielregeln für die Führung börsennotierter Unternehmen. Zum Jahreswechsel trat nämlich der Deutsche Corporate Governance Kodex in Kraft, ein halbstaatliches Regelwerk, dessen Empfehlungen die Konzerne entweder folgen oder Abweichungen davon öffentlich erklären müssen. Unter Punkt 5.5.3 dieses Kodex heißt es, dass "wesentliche" und "nicht nur vorübergehende Interessenkonflikte" bei einem Aufsichtsrat zur Beendigung des Mandats führen sollen. Für die Aktionärsschützer ist damit klar: Gewerkschaftsbosse haben in den Aufsichtsräten nichts zu suchen. Jetzt sind in ihren Augen Rücktritte fällig, und zwar reihenweise.

Doch so einfach ist es nicht. Zwar liegen die Interessenkonflikte auf der Hand, auch wenn Gewerkschafter das gerne beiseite wischen und behaupten, es sei ja nur im besten Sinne des Unternehmens, wenn sie angemessene Lohnabschlüsse erkämpften und so die Motivation der Mitarbeiter stärkten.

Wäre das so klar, dann dürften Streiks gar nicht nötig sein, um die Chefs von höheren Löhnen zu überzeugen. In Wahrheit steckt dahinter der grundlegende Konflikt zwischen Arbeit und Kapital, die beide ein möglichst großes Stück von dem Kuchen haben wollen, den das Unternehmen erwirtschaftet - und die beide nicht immer große Rücksicht auf "das Unternehmenswohl" nehmen. Als solches gilt nach herrschender Meinung der Juristen die langfristige Wertsteigerung eines Unternehmens und der Erhalt seiner Wettbewerbsfähigkeit.