Es soll ja Menschen geben, die mit einem Auto nur von A nach B kommen wollen. Und zwar möglichst schnell. Oder möglichst bequem. Die Frage ist, warum diese Leute nicht die Bahn nehmen. Die ist zumindest in der 1. Klasse viel bequemer und auf den meisten ICE-Strecken deutlich schneller als jedes Auto. Doch zu erleben, wie flüchtig die Zeit ist und wie relativ, das geht nur im Auto, am besten im Cabrio.

Beginnen wir mit dem Naheliegendsten: dem automatischen Öffnen des Verdecks. Halten wir uns nicht mit der Frage auf, wie lange es dauert, im Auto die Bedienungsanleitung zu finden, in der Bedienungsanleitung das Kapitel Öffnen des Verdecks und dann, wieder am und im Auto, die verschiedenen Türschlösser, Gepäckabdeckungen, Sicherungshebel und Druckschalter, mit denen man hantieren muss, um aus einem Coupé ein Cabrio zu machen. Nehmen wir an, der Fahrer lebe in Hamburg und habe das schon oft geübt. (In einer Stadt, in der an einem normalen Tag alle vier Jahreszeiten auftreten, hat er genug Gelegenheit dazu.)

Dann dauert der Umbau des Peugeot 206 CC einschließlich aller vorbereitenden Handgriffe exakt 1 Minute, 5 Sekunden und 2 Hundertstelsekunden. Das aber ist nur der unbedeutendere Teil der Wahrheit, der objektiv messbare. 1.05.02 Minuten können lächerlich wenig sein, wenn man seinen Kindern den Mechanismus in all seiner Eleganz vorführt. 28 Sekunden und 75 Hundertstel dagegen können sich zur Ewigkeit dehnen, wenn man sich, überrascht durch einen plötzlichen Regenschauer, beim Ampelstopp zum Schließen des Verdecks entschließt und hinter einem ein cholerischer BMW-Fahrer hupt.

Hätte Albert Einstein solche Cabrio-Dächer gekannt – und solche Mehrtonhupen –, er hätte uns die Relativitätstheorie ganz anders erklären können. Und jedes Kind würde sie verstehen. Einstein hätte, da bin ich mir sicher, auch noch eine Formel für die Korrelation zwischen Fingerspitzenkraft und Zeitempfinden entwickelt: Für jemanden, dessen rechter Zeigefinger sonst höchstens mal auf eine Computertastatur tippt, können die 30,18 Sekunden, die dieser Zeigefinger den Druckschalter in der Mittelkonsole niederpressen muss, unerträglich lang werden. Für einen Bodybuilder dagegen …

Weil der Elektromotor, der Dach und Heckscheibe hebt und sie, ordentlich gefaltet, unter der Klappe verschwinden lässt, ein Geräusch entwickelt wie eine überlastete Küchenmaschine, dauert das frühmorgendliche Öffnen des Verdecks in einer stillen Wohngegend ungleich länger als der gleiche Vorgang an einer sechsspurigen Ausfallstraße.

Ein nicht unwichtiges Zeitmaß bei einem Roadster wie dem 206 CC scheint das "verkehrssichere Verteilen und Verstauen von vier erwachsenen Personen normaler Körpergröße auf Vorder- und Notsitzen" zu sein. Hier allerdings ist eine objektive Zeitangabe nicht möglich, zu sehr hängt alles davon ab, ob die Frage, wer wo sitzen soll, schon vor Beginn des Manövers geklärt ist. Interessant auch, wie lange eine Fahrt im subjektiven Empfinden der Fond-Insassen dauert und wie trotzdem die Zeit, die sie benötigen, um nach Ankunft aus dem Auto zu klettern, mit der objektiven Dauer der absolvierten Fahrt zunimmt. Hier möchten wir von einem "Roadster-Fond-Paradoxon" sprechen und es künfigten Generationen von Wissenschaftlern als unerschöpfliches Feld für Dissertationen ans Herz legen: Man würde annehmen, die Leute auf den billigen Plätzen hätten nichts Eiligeres zu tun, als aus ihrer beengten Lage zu kommen. Trotzdem dauert es, je weiter die Fahrt geht, desto länger, bis sie ihre Gliedmaßen aus dem Wagen winden und wieder zu aufrechtem Gang entfalten können.

Hoch spannend außerdem die Beziehung zwischen Körpertemperatur, Design-Empfinden und Zeit: Wie lange dauert es, bis sich die Begeisterung über den extravaganten Schaltknauf aus matt poliertem Aluminium gelegt hat? Und nach wie vielen Schaltvorgängen pro Zeiteinheit fühlt er sich nicht mehr eiskalt an? Hier wirkt sich die Tatsache, dass die Gangschaltung für ein Fahrzeug dieser Preisklasse außergewöhnlich leichtgängig ist, positiv und negativ zugleich aus: Wer den Schaltknauf nur mit zwei Fingerspitzen anzutippen braucht, um ihm den Weg zu weisen, gibt ihm nie die menschliche Wärme, die er einem störrischen Rührgerät geben würde. Andererseits erspart sich der Fahrer (in Hamburg! Jeden Tag einmal Herbst und einmal Winter!) durch den extrem kurzen Knüppelkontakt – gemessen wurden Werte von unter einer Sekunde – manch rheumatische Irritation.

Wie sehr sich momentan erlebte von erinnerter Zeit unterscheidet, wird nie so deutlich wie bei einer Autobahnfahrt von Hamburg nach, sagen wir: Köln. Die zwei Stunden, die man hilflos im Stau vor dem Buchholzer Dreieck verbringt, dehnen sich zur Ewigkeit, strukturiert nur durch die wiederkehrenden Vorhaltungen der Beifahrerin ("Mit der Bahn wären wir schon in Osnabrück!"). Kaum aber hat der Wagenmeister des Excelsior-Hotels das Auto in die Garage gebracht, kaum strömt das Wasser in die Sprudelbadewanne, und der Page fragt, wo, bitte, er die Koffer abstellen dürfe, schon schrumpft die Sieben-Stunden-Stau-Fahrt zur Bedeutungslosigkeit ("Hauptsache, wir sind da!"). Und die Windgeräusche, die ab 130 Stundenkilometern auch bei geschlossenem Verdeck das Telefonieren unmöglich, das Musikhören schwer und jede Konversation anstrengend machen? Hat es wirklich so lange gedauert, bis wir uns an sie gewöhnt haben? Spätestens am staufreien Kamener Kreuz waren sie uns ein liebes Indiz dafür, dass wir vorankamen.