So geht das aber nicht. Da nimmt sich Imet einfach die größte Puppe! Dabei ist er doch der Kleinste in der Runde. Imets Klassenkameraden protestieren: "Zum kleinsten Kind gehört die kleinste Puppe!", formuliert Habiba die Regel des Tages. Lektion verstanden. Messen und Vergleichen stehen auf dem Stundenplan, und die Lehrerin Lia Janssen hat die passenden Instrumente mitgebracht. Zollstock, Maßband und ein meterlanges Lineal holt sie aus ihrer Tasche und benennt jedes Werkzeug mehrmals langsam und deutlich. Und was bedeutet das M auf dem Lineal? Die Älteren in der Klasse kennen den Buchstaben bereits. Imet dagegen schaut fragend. Macht nichts, er ist ja vor einigen Monaten erst vier geworden.

Der Schulstart mit vier Jahren und das ausgeklügelte frühkindliche Bildungsprogramm sind zwei Gründe für das hervorragende Abschneiden Hollands bei der internationalen Vergleichsstudie für die Primarstufe. Wie die 15-Jährigen, deren Fähigkeiten im Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften in der Pisa-Studie ermittelt wurden, nehmen auch die niederländischen Grundschüler eine Spitzenstellung ein. Fragt man nach dem Erfolgsgeheimnis, lauten die Antworten: Wir testen unsere Schüler regelmäßig! Unsere Schulen haben viele Freiheiten, müssen aber Rechenschaft ablegen! Wir privilegieren die schwachen Schüler durch zusätzliche Förderung!

An der Groot Nijeveld Basisschool in Nijmegen kann man vieles von dem beobachten, was in Deutschland nun aufgeregt diskutiert, vehement geplant oder streng verordnet wird. Wer dort einen Vormittag verbringt, begreift, warum Hollands Schüler ihren deutschen Alterskollegen in allen Altersstufen voraus sind – und er ahnt, wie lange es dauern wird, bis Deutschland diesen Rückstand aufgeholt hat.

Vom Sitzenbleiben redet hier niemand mehr

Dabei ist die Groot Nijeveld Basisschool keine begünstigte Schule. Mehr als die Hälfte der Schüler stammt aus Einwandererfamilien. Da sitzt das bosnische Flüchtlingskind neben dem marokkanischen Gastarbeiterjungen, die türkische Muslimin neben dem Hindumädchen aus Surinam. Und auch die holländischen Mütter, die an diesem Morgen ihre Kinder in die Schule bringen, sehen nicht aus, als würden sie danach gleich als Ärztin oder Architektin arbeiten gehen.

Die erste halbe Stunde jedes Schultages verbringen die Vier- und Fünfjährigen gemeinsam mit ihren Müttern. "Für die Jüngsten soll der Übergang in die Schule möglichst sanft verlaufen", erklärt Schulleiterin Lia Janssen. Auch der Unterricht passt sich dem Alter der Schüler an. Einmal dreißig Minuten am Morgen sitzen die Kinder in der ersten Klasse im Kreis, üben Stillsitzen, Zuhören und Aufzeigen, wenn sie etwas zu sagen haben. In der zweiten Klasse kommt eine halbe Stunde nachmittags dazu.

Wie in vielen anderen Grundschulen unterrichten die Lehrer der Groot Nijeveld Basisschool die erste und zweite Gruppe meist gemeinsam. Die Vierjährigen haben in den Älteren ein Vorbild. Erfahrene Fünfjährige zeigen den Frischlingen, wie Schnürsenkel gebunden werden oder der Computer funktioniert. Weiterer Vorteil der flexiblen Eingangsphase, die langsam auch in deutschen Primarklassen populär wird: Vom beschämenden Sitzenbleiben redet niemand mehr. Lernschwache Kinder bleiben einfach ein Jahr länger in ihrer Gruppe und müssen nicht in eine völlig neue Umgebung wechseln.

Nach der ersten Unterrichtsstunde wählen Imet, Habiba und ihre Klassenkollegen selbst, was sie als Nächstes tun möchten. Halila lässt sich für den Computer eintragen. Sie setzt die Kopfhörer auf, legt eine CD ein und lernt mit bunten Bildern Buchstaben. Lesen und Schreiben steht für die Vier- bis Sechsjährigen noch nicht auf dem Lehrplan. "Wenn ein Kind es jedoch lernen möchte, geben wir ihm die Gelegenheit", sagt Lia Janssen. Und wie viele wollen es? "Fast alle."