Der Markt wird ins Bodenlose fallen." Nur dieser eine Gedanke schießt Nick Leeson durch den Kopf, als er von dem schweren Erdbeben in der westjapanischen Industriestadt Kobe erfährt. Es ist Dienstag, der 17. Januar 1995. "Der Markt", das ist der japanische Aktienmarkt. Auf diesen hat der 28-jährige Händler der britischen Merchantbank Barings hohe Wetten laufen. Sie gehen nur auf, wenn sich der japanische Aktienindex Nikkei in den nächsten Monaten nicht groß bewegt, nicht unter 19000 Punkte fällt und nicht über 20000 steigt. Nur dann besteht für den "Top-Händler des Jahres 1994 am Singapurer Terminmarkt" überhaupt eine Chance, seine horrenden, aber gut kaschierten Verluste – mehr als 200 Millionen Dollar – auszugleichen. Ein einstürzender Nikkei würde die Verluste dramatisch ausweiten. Alles würde auffliegen. Der Bluff, sein Geheimkonto, verbotene Transaktionen. Sein Leben wäre ruiniert.

Leesons Ahnung war richtig. Gleich nach der Eröffnung des Marktes bricht der Nikkei regelrecht zusammen, kommt 19000 Punkten bedrohlich nahe. Allein an diesem Dienstag addieren sich weitere 80 Millionen Dollar zu seinen Verlusten. Leeson muss zwischen zwei Extremen wählen: Entweder er kapituliert, oder er setzt alles auf eine Karte. Er entscheidet sich, aufs Ganze zu gehen, will den Markt in seine Richtung lenken – nach oben. Getreu dem alten Händler-Motto "if in trouble, double" (Verdopple, wenn du schief liegst) beginnt Leeson zu kaufen, was das Zeug hält: 10000 Future-Kontrakte auf den Nikkei am 20. Januar, so viel hatte er noch nie an einem Tag gekauft. Am Folgetag sackt der Index auf 18000 Punkte ab. 30000 Kontrakte am 27. Januar – 19000 Indexpunkte sind noch immer in weiter Ferne. Leeson gelingt es, die rasante Talfahrt zu verlangsamen, stoppen kann er sie nicht.

In den nächsten Tagen verliert Leeson völlig die Kontrolle, handelt wie ein Besessener, addiert nicht einmal mehr die Verluste und wird immer häufiger auf der Toilette gesichtet. Die Schlinge zieht sich zu. Leesons Bosse in London befehlen ihm, Positionen zu verringern, und die Wirtschaftsprüfer verlangen Erklärungen, die der Händler nicht liefern kann, ohne aufzufliegen. In immer kürzeren Abständen fälscht er Urkunden, manipuliert Abwicklungssysteme, vollführt Buchungstricks, um den Anschein zu wahren, alles gehe mit rechten Dingen zu.

Doch das Rad, das Leeson dreht, ist längst zu groß. Am Donnerstag, dem 23. Februar, betritt er ein letztes Mal in dem blau-gelb gestreiften Händlerjackett der Barings Bank die Terminbörse. Wieder sackt der japanische Index ab – deutlich unter 18000 Zähler. Allein dieser Tag bringt Verluste von mehr als 220 Millionen Dollar – Weltrekord für einen einzelnen Händler. Leeson hält fast 50 Prozent aller Risikopositionen in Singapur. Er ist der einzige Käufer weit und breit. Nichts geht mehr. Nach Börsenschluss fliehen er und seine Frau Lisa nach Malaysia.

1,4 Milliarden Dollar Verlust

Erst am nächsten Morgen dämmert es Barings’ Managern in London: Ihr "Wunderhändler" Leeson, der "Turbo-Arbitrageur" aus Singapur ist tatsächlich ein Zocker und Betrüger. Entsetzt stellen sie fest, dass Leeson seine Positionen nie abgesichert hat, dass sich seine Wetten auf die Kursbewegungen eines Nominalvolumens von rund 60 Milliarden Dollar beziehen. Sie müssen einräumen, dass die Bank nicht genug Geld hat, um den verlangten Sicherheiten der Terminbörse Simex nachkommen zu können. Die Bank ist zahlungsunfähig. Zerknirscht sehen sie zu, wie die Bank of England, der Regulierer, ihr Institut schließt. Als alle Terminkontrakte Leesons verkauft sind, steht ein Verlust in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar zu Buche. Barings’ Eigenkapital liegt bei 615 Millionen Dollar.

London hat seinen Skandal: Der Sohn eines Handwerkers aus Watford ruiniert eine der feinsten Londoner Bankadressen. Barings ist die Bank der britischen Könige. 1762 wird sie von Francis Baring, dem Sohn eines Bremer Tuchhändlers, als erste reine Merchantbank gegründet: Sie handelt selbst mit Rohstoffen, gleichzeitig finanziert sie den Handel, berät und fädelt Geschäfte ein. Innerhalb weniger Jahrzehnte erlangt sie enormen Einfluss. Im späten 18. Jahrhundert finanziert Barings Britanniens Kriege: den Kampf gegen die abtrünnigen USA, den Feldzug gegen Napoleon. Als die Vereinigten Staaten 1802 den Franzosen den Staat Louisiana abkaufen wollen, gibt es für sie nur eine Geldquelle: Francis Baring. Im frühen 19. Jahrhundert gilt die Bank als Europas "sechste Großmacht". 180 Jahre später hat sie jene Bedeutung zwar verloren, Ruhm und Arroganz aber sind geblieben – auch weil mit Peter Baring als Chairman die siebte Generation der Familie an den Schalthebeln sitzt.

Genau das schafft die Voraussetzungen für den Skandal: Barings tickt noch immer so wie in der guten alten Zeit vor dem Big Bang von 1985, jenem radikalen Deregulierungsprojekt, das den Londoner Finanzplatz revolutioniert und zum internationalen Zentrum in Europa werden lässt. Mit dem Einzug ausländischer, vor allem amerikanischer, Banken verändert sich das Geschäftsgebaren nachhaltig. Es wird schneller, flexibler und aggressiver. Der Big Bang bedeutet das Ende des Old-Boys-Network und der Bowler-Hüte. Die ehedem einträglichen Nischen der alten Merchantbanks werden immer kleiner. Kaum eine bewahrt ihre Unabhängigkeit: Morgan Grenfell, Kleinwort Benson, Warburg, Schroders, Flemings, sie alle werden von ausländischen Häusern übernommen. Wer in der neuen Bankenwelt etwas werden will, muss nicht mehr in Oxford studiert haben, sondern Geld verdienen für sein Haus. Es ist der Beginn der Yuppie-Ära.