Als Sohn eines deutschen Vaters und einer italienischen Mutter kenne ich die Kulturen beider Länder gut. Meine Kindheit und Jugend habe ich in Mailand verbracht. Nach dem Abitur wollte ich ein technisches Fach studieren, wusste aber, dass die italienischen Studiengänge wenig Praxisbezug haben. Bis heute ist es in Italien durchaus normal, dass frisch diplomierte Ingenieure noch nie eine Werkbank aus der Nähe gesehen haben.

Als praktisch veranlagter Mensch entschied ich mich für ein Maschinenbaustudium in München. Dort blieb ich sieben Jahre, machte mein Diplom und heiratete. Danach gab es interessante Angebote von deutschen Unternehmen – doch es gab auch den Familienbetrieb in Mailand. Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Italien stationiert, hatte dort meine Mutter kennen gelernt und in den Fünfzigern eine Firma für den Vertrieb von technischen Geräten gegründet. Als ich in München mit dem Studium fertig wurde, spielte er mit dem Gedanken, die Firma zu verkaufen, weil ich in meiner Entscheidung frei sein sollte. Meine Frau und ich entschieden uns schließlich, nach Mailand umzuziehen.

Als Generalvertreter verschiedener europäischer Firmen vertreiben wir technische Produkte für die Gas- und Wasserversorgung, zum Beispiel Kameras, die Rohre untersuchen, und Suchgeräte, die unterirdische Leitungen orten oder undichte Stellen aufspüren. Unsere Spezialität sind Rohrnetze, unsere Kunden in erster Linie die italienischen Stadtwerke zwischen Bozen und Palermo. Im Wettbewerb mit Konkurrenten profitiert unser Unternehmen von seinem deutschen Image. "Made in Germany" gilt hier in Italien als Gütesiegel, daran hat sich nichts geändert. Auch die deutschen Ingenieure genießen hier ein hohes Ansehen. In den großen Tageszeitungen liest man sogar immer wieder Stellenanzeigen in deutscher Sprache. Die spannendsten Tätigkeiten bieten in Italien nicht die großen Konzerne, sondern eher die kleinen Betriebe, die sich oft sehr erfolgreich in Marktnischen einrichten. In technischer Hinsicht sind manche von ihnen weltweit führend – beispielsweise bei der Produktion von Greifarmen für Roboter oder bei Gussformen für Plastikteile. Was diese Firmen auszeichnet, ist eine besondere Mischung von Tüftlergeist, Kreativität und technischem Know-how. Italienische Ingenieure haben eine große Begabung, wenn es sein muss, auch mal um die Ecke zu denken und unkonventionelle Methoden anzuwenden. Dieses Talent bezeichnet man hier als l’arte di arrangiarsi – die Kunst, sich zu helfen zu wissen. Darauf sind die Italiener sehr stolz, und der Erfolg gibt ihnen Recht.