Für mich hat der Sommer diesmal schon im Januar angefangen. Seit Anfang des Jahres arbeite ich in Miami für die Turner Construction Company, eine Tochtergesellschaft meines deutschen Arbeitgebers Hochtief. 1999 hat der Hochtief-Konzern die amerikanische Firma gekauft und etwas später dann ein Austauschprogramm gestartet. Deutsche Mitarbeiter, derzeit sind es fünf, werden für ein Jahr an die US-Tochter ausgeliehen, und im Gegenzug kommen amerikanische Kollegen nach Deutschland.

Als mein Kölner Vorgesetzter mich als Kandidaten für das Programm ins Gespräch brachte, habe ich nicht lange überlegt und sofort zugegriffen. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie die amerikanische Baubranche funktioniert. Bei der Turner Construction Company werde ich in vielen unterschiedlichen Abteilungen eingesetzt: Angebotsbearbeitung und Projektplanung, aber auch Bauleitung, Kundenakquisition und Controlling – das alles gehört zum Job. Im Moment verbringe ich ziemlich viel Zeit in Miami Beach, wo unsere Firma ein 48-geschossiges Hochhaus errichtet. Wenn das Gebäude im nächsten Jahr fertig ist, wird es das höchste in Miami Beach sein.

In englischer Sprache zu arbeiten fällt mir nicht besonders schwer, weil ich während meines Studiums – ich habe Bauingenieurwesen an der RWTH Aachen studiert – acht Monate als Erasmus-Stipendiat in London verbrachte. Die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Arbeitswelt sind in unserer Branche ohnehin nicht so groß. Ein paar Dinge fallen mir allerdings schon auf. Zum Beispiel, dass sich die Amerikaner viel stärker mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, als wir das in Deutschland tun. Hier in den USA ist es beispielsweise völlig normal, dass man beim Feierabenddrink oder auch beim Barbecue am Wochenende ein T-Shirt mit dem Firmenlogo trägt.

Die Mentalitätsunterschiede zeigen sich auch in der Zusammenarbeit von Bauherren und Generalunternehmern. Die Generalunternehmer werden schon in einem sehr frühen Planungsstadium in die Kostenkalkulation einbezogen, wovon beide Seiten profitieren. Außerdem ist der Angebotspreis in den Vereinigten Staaten nur ein Kriterium unter vielen bei der Auftragsvergabe. Wenn ein Generalunternehmer sich kompetent präsentiert und dann auch noch einen guten Ruf bezüglich Termintreue und Qualität besitzt, ist ein Bauherr eher als in Deutschland bereit, dies bei der Budgetplanung zu berücksichtigen. Den Zuschlag bekommt nicht der billigste Anbieter, sondern der beste. Davon können wir Deutschen eine Menge lernen, gerade in der Baubranche.