Der zweite Platz im bedeutendsten und schlagzeilenträchtigsten Architekturwettbewerb der Gegenwart – darauf könnte man sich etwas einbilden. Der Bauingenieur Jörg Schlaich hatte es mit der Gruppe Think um den US-amerikanischen Architekten Rafael Vinoly ins Finale des Ground-Zero-Wettstreits geschafft. Deren Vision für die Lücke, die das zerstörte World Trade Center hinterlassen hatte: zwei Türme, in deren skelettartiger Stahlrohrkonstruktion Raumkugeln wie Vogelnester schweben.

Schlaich hatte für das anmutige Turmgerüst Stahlrohre mit zwei Meter Durchmesser vorgesehen und für die Montage eine raffinierte Lösung ausgetüftelt. Durch vorgefertigte Stahlgussteile wären schwierige Schweißarbeiten in mehreren hundert Meter Höhe nötig gewesen. Gebaut werden sollten die Türme deshalb, entgegen allen Regeln der Kunst, nicht von unten nach oben, sondern umgekehrt: "Wir hätten mit dem obersten Teil des Turms am Boden, unter Werkstattbedingungen, angefangen und ihn von unten nach oben, mithilfe hydraulischer Pressen, geliftet."

Doch die Ingenieurträume bleiben Papier – die Jury entschied sich für den Entwurf des einzigen Finalgegners Daniel Libeskind, der nun seine "Gärten der Welt" auf dem Ground Zero inszenieren darf. Natürlich sei er ein bisschen enttäuscht, sagt Schlaich mit belegter Stimme, dennoch überwiege die Freude über die gute Platzierung. "Wir hätten nie gedacht, dass wir so weit kommen würden!" Sich auf den Erfolg etwas einzubilden, das fiele dem ruhigen, weißhaarigen Mann im Sweatshirt im Traum nicht ein. Diese Bescheidenheit ist typisch für den gebürtigen Schwaben – und für seine Zunft.

Jörg Schlaich zählt zu den bedeutendsten Bauingenieuren der Gegenwart. Er hat das Dach des Münchner Olympiastadions mitgeplant und konstruiert, hat Fernseh- und Kühltürme wie Landmarken errichtet und beschwingte Arenadächer und elegante Glasgewölbe entworfen, so zum Beispiel jenes, das die Reisenden im neuen Lehrter Bahnhof in Berlin (gmp Architekten, Hamburg) vor Wind und Wetter schützt. Seine sensibel in die Umgebung eingefügten Brücken überspannen Flüsse und Täler, in Kalkutta genauso wie in Stuttgart. Architektur- und Bauingenieurstudenten pilgern regelmäßig in die baden-württembergische Landeshauptstadt, um an zahlreichen "Schlaich-Brücken" zu studieren, wie sich Natur und Technik in Einklang bringen lassen.

Trotz seines Erfolges steht der 68-Jährige meistens im Hintergrund – im Schatten prominenter Baumeister wie etwa Frank O. Gehry, Günter Behnisch oder Meinhard von Gerkan, die ihn und seine rund 50 Mitarbeiter immer wieder für schwierigste Konstruktionsaufgaben zu Rate ziehen. Während es die Stararchitekten immer besser verstehen, nicht nur ihre Bauten, sondern auch sich selbst ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, sind die Namen großer Bauingenieure oft nur den Experten geläufig. Auch im Medienspektakel um den New Yorker Wettbewerb ist der Name des Stuttgarter Ingenieurbüros Schlaich Bergermann und Partner meist unter den Tisch gefallen.

Jörg Schlaich mag das gerade recht gewesen sein – er kann es nicht leiden, wenn viel Aufheben um seine Person gemacht wird. "Das Interessanteste an mir ist, dass ich nicht interessant bin", sagt er in seinem Büro im Stuttgarter Westen. Von seinem Schreibtisch aus blickt er direkt auf den Fernsehturm, mit dem sein früherer Lehrer und Büropartner Ingenieurgeschichte geschrieben hatte; 16 Jahre hatte Schlaich mit dem großen Fritz Leonhardt zusammengearbeitet, bevor er 1980 mit Rudolf Bergermann sein eigenes Büro gründete. Gut, schiebt er nach, vielleicht sei er ein bisschen hartnäckiger und fleißiger als andere, "aber im Grunde bin ich ein ganz normaler Typ". Dass er es dennoch an die Spitze geschafft habe, belege doch nur, welch "grenzenlose Möglichkeiten" sein Beruf biete. Damit ist er schnurstracks bei seinem Paradethema angekommen: dem schlechten Ansehen seines Berufsstandes, gegen das er unermüdlich kämpft.

Doch das Imageproblem der Bauingenieure ist hausgemacht. Denn viele von Schlaichs Kollegen haben sich nicht unbegründet den Ruf von sturen Technokraten zugezogen, die mit immergleichen Konstruktionen die Gegend verschandeln, "anstatt ihren Brücken, Straßen und Kraftwerken eine angemessene Gestalt zu geben und damit zur Baukultur beizutragen", so seine Kritik. Ein fatales Versäumnis, werde doch "erst durch Kultur die gebaute Infrastruktur zur Zivilisation". Als Negativbeispiel führt der High-Tech-Experte immer wieder die plumpen Eisenbahnbrücken im Einheitslook ins Feld. Dabei macht er in letzter Instanz nicht die Bahn selbst, sondern uns alle, die Gesellschaft, für diese "Kulturlosigkeit" verantwortlich – sie sei nicht bereit, für Qualität Opfer zu bringen, wolle immer nur das Billigste. So bekomme sie eben, was sie verdiene.

Den Imageschaden bekommen jedoch zuallererst die Hochschulen zu spüren, die in den vergangenen Jahren einen drastischen Rückgang der Anfängerzahlen im Bauingenieurwesen verzeichnen. Die Industrie fürchtet infolgedessen, bald ihren Bedarf an qualifizierten Planern nicht mehr decken zu können. "Und bei den Flugzeugbauern stehen sie Schlange!" Dabei gebe es doch wirklich reizvollere Aufgaben, als ein Leben lang an einem Flugzeugflügel herumzubasteln, ereifert sich Schlaich.