Seit acht Monaten lebe und arbeite ich im chinesischen Nanjing, einer Fünfmillionenstadt am Ufer des Jangtsekiang, 300 Kilometer westlich von Shanghai. Mein Arbeitgeber ist ein deutsch-chinesisches Joint Venture: Es ist ein noch kleiner Betrieb mit etwa zwanzig Mitarbeitern, der Waschmaschinenteile für den chinesischen Markt herstellt. Der deutsche Partner des Joint Venture ist ein mittelständisches Unternehmen in Franken, die Firma Suspa in Altdorf bei Nürnberg. Ähnlich wie in China produziert auch die Altdorfer Firmenzentrale technische Komponenten für die Industrie.

Bevor ich 1997 bei Suspa anfing, habe ich Verfahrenstechnik an der Fachhochschule Furtwangen studiert. Die Arbeit in Nanjing ähnelt meinen früheren Aufgaben in Altdorf. Dort habe ich im Rahmen unseres Qualitäts- und Umweltmanagementsystems Produktionsprozesse analysiert. Denn der Umgang mit Werkstoffen – ihre Verarbeitung und Entsorgung – muss den gesetzlichen Bestimmungen, aber auch den Kundenforderungen entsprechen. In Nanjing besteht meine Aufgabe darin, ein Qualitätsmanagement im Sinne der ISO 9001:2000 aufzubauen. Hinter dem Kürzel verbirgt sich ein international verbindlicher Standard, der für eine einheitliche Qualität von Produkten und Arbeitsprozessen sorgt. Um ihn zu erreichen, müssen die Geschäfts- und Produktionsprozesse analysiert und dokumentiert werden. Jeden Monat wird ein Qualitätsbericht verfasst, aus dem unter anderem hervorgeht, wie viel Rohmaterial verarbeitet wurde, wie viele Kundenbeschwerden eingegangen sind, welche Menge an Schrott angefallen ist und welche Kosten entstanden sind.

Die Recherchen für die Berichte sind manchmal ein wenig schwierig, denn meine Chinesischkenntnisse beschränken sich auf ein paar Floskeln. Zum Glück sprechen viele Kollegen gut Englisch. Und ein wenig Improvisationstalent gehört eben auch dazu, wenn man sich auf die Herausforderung einlässt, in einem fremden Kulturkreis zu arbeiten. Die chinesische Arbeitswelt hat ihre eigenen, oft verblüffenden Gesetze. Das zeigt sich nicht zuletzt im Umgang mit Kunden. Die Kundenkontakte werden viel intensiver gepflegt als in Deutschland. Man telefoniert jede Woche und trifft sich häufig zu Besprechungen, auch ohne wichtigen Anlass. Alles andere würden die Geschäftspartner als äußerst unhöflich empfinden.

Für mich ist die Arbeit in China eine riesengroße persönliche Bereicherung. Seit ich hier bin, habe ich jeden Tag etwas Neues dazugelernt. Ursprünglich war geplant, dass ich ein Jahr hier verbringe. Aber inzwischen gefällt es mir so gut, dass ich versuchen werde, meinen Aufenthalt zu verlängern.