So geht es bei Wiedersehen nach langer Zeit: Man ist gerührt, bewegt und spürt klammheimlich doch einen kühlen Schauer von Staunen und Enttäuschung. Wie - das soll das Kultbuch der amerikanischen fünfziger Jahre, der frühen Sechziger in Deutschland gewesen sein, das Denkmal einer ganzen empfindsam wütenden Generation? Denn Salingers einziger Roman war damals unendlich mehr als nur ein Leseabenteuer, war ein Bekenntnisbuch und Identifikationsobjekt wie die Bücher von Hemingway oder Fitzgerald nach dem Ersten Weltkrieg. 1954 erschien die erste, eine damenhaft gedämpfte deutsche Übersetzung, aber erst 1962, in der von Heinrich Böll besorgten revidierten Fassung, hat das Buch dann auch hier ins Breite gewirkt.

Der Guru, ein Bauchredner

Nun also lesen wir es wieder und verstörend neu in der Façon von Eike Schönfeld, zum ersten Mal frisch und forsch und ungebremst ordinär, mit "Arsch" und "Na, Wahnsinn" und "Du gehst mir auf den Sack", also authentisch nah an das Original gerückt, an den siebzehnjährigen O-Ton von Holden Caulfield, der hier das Wort hat, vom ersten bis zum letzten Satz. In ihm, in seiner spätpubertären Klage- und Empörungssuada scheint der Autor J. D. Salinger fast vollkommen aufgegangen, verschwunden, so unsichtbar wie unhörbar. Wie also konnte er zum literarischen Guru einer Millionengemeinde werden, verehrt noch nach seinem frühen Verschwinden ins nun wirklich fast Unsichtbare, in eine von keinem Medienzudrang je geknackte Einsiedlerexistenz im legendären roten Farmhaus in Cornish, New Hampshire? Noch ein spätes Staunen, noch ein Wunder.

Salingers Romantext bot schon damals und inszeniert nun wieder das Schauspiel der fast vollkommenen Verwandlung eines Autors in seinen Ich-Erzähler: Bauchrednerkunst, Rollenprosa in einer waghalsigen, selten erlebten Dichte.

Dicht auch, weil Holden Caulfield in seinem schriftlichen Redetext, durchsetzt mit unendlichem "und so", "ungefähr", "irgendwie", nur ein einziges Wochenende nacherzählt, kurz vor Weihnachten, erst einen Nachmittag und Abend in seinem Internat draußen in Pennsylvania, dann einsame zwei Nächte und anderthalb Tage in Manhattan. Kaum 48 Stunden, zwei Schauplätze, durchwandert in einer fast Minute um Minute registrierenden Erzählung, ein Fest der Authentizität - scheinbar. Näher kann man keinem Menschen kommen als diesem siebzehnjährig taumelnden Ich. Aber zwischen Holden und uns schiebt sich eben seine Erzählung, und die stellt wieder Abstand her, zwischen ihm und allem Erlebten, zwischen ihm und uns Lesern.

Denn kaum was Holden Caulfield passiert, sondern wie er es fasst und bewertet, wie es ihm entgleitet und wieder gefasst wird, das macht den alten und den neuen Zauber des Romans aus. Alles läuft hier durch einen Code von stereotypen Reaktionen: Es "haut um", "macht fertig" oder es "deprimiert", weil es "piefig" ist oder, die schlimmste dieser emphatischen Leerformeln, total "verlogen". Kaum ein Anblick, eine Geste, eine Figur passiert die Erzählsprache, ohne dass ihr sofort eines dieser Wertetiketts aufgeklatscht wird. Doch merkwürdig: aus dieser Monotonie der immergleichen Wort- und Moralsignale entsteht nicht nur eine unverwechselbare Sprachmusik, sondern eine ganze Welt, das siebzehnjährige Universum des Holden Caulfield, so abgedichtet gegen alle übrige Welt wie Werthers Wetzlar oder das Paris des Malte Laurids Brigge.