Politisch korrekt zelebrierten die Mitarbeiter der Graphischen Sammlung Stuttgart den Auftakt ihres Ausstellungsbetriebs im Neubau hinter der Alten Staatsgalerie mit einer Resolution gegen den Krieg im Irak. Auch der kostbarste Teil des ersten, aus zwei Teilen bestehenden Programmpakets mag als kritischer Kommentar zur Lage angesehen werden: Präsentiert wird der vollständige Zyklus von Alfred Dürers Apokalypse (bis 4. Mai), motivisch eine eindrucksvolle Kombination aus luftgestützten Attacken englischer (!)

Heerscharen und teils gefiederter, teils flügelloser Bodentruppen. Exquisiten Flankenschutz bekommt die Serie, die den jungen Künstler bekannt machte, von Dürers Holzschnittfolge Marienleben und der kleinen Kupferstichpassion. Die Dürer-Schau ist der erste Teil einer siebenteiligen Ausstellung, deren Folgen in sechswöchigem Rhythmus vorgestellt werden. Stuttgarts Graphische Sammlung, seit 1810 institutionalisiert, ist mit rund 400 000 Blättern eine der Großen in Deutschland - und die Erste, die über einen eigenen Neubau verfügt. Das von Wilfrid und Katharina Steib entworfene Haus - ein schmaler, hoher Riegel, im Rücken der Alten Staatsgalerie in den Hang gestellt - bietet schöne Räume.

Die Architektur der Steibs stößt jedoch nicht auf ungeteilte Zustimmung: Die enge Nachbarschaft von Neoklassizismus (Altbau), ironischer Postmoderne (James Stirlings Erweiterung) und Schweizer Minimalismus (Neubau) will keinem der Gebäude recht bekommen. Die Grafische Sammlung will ihre Altmeister-Bestände immer auch mit moderner Kunst auf Papier konfrontieren.

Seit 1989 gibt es die Abteilung Photo-Kunst - durch den Erwerb der Sammlungen Mayer und Krauss verfügt sie über enzyklopädische Qualitäten. Die derzeitige Sonderschau Licht und Schatten. Photo-Kunst 1852-2002 (bis 15. Juni) demonstriert einerseits, über welche Inkunabeln aus der Pionierzeit der Fotografie das Haus verfügt, andererseits ist sie Beleg für kluge, vorausschauende Sammlungsstrategien, denn etliche Stars der aktuellen Fotokunst sind mit interessanten frühen Arbeiten vertreten. Es erübrigt sich allerdings, die Dürer-Schau in ein krampfiges Verhältnis zu dieser Fotoausstellung zu bringen - die beiden geben sich nichts und nehmen sich nichts.