"Wir sind nicht die fünfte Kolonne"

Genf

Im Genfer Hauptquartier der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, UNHCR, ist die Krise ausgebrochen. Keine humanitäre Krise, wie ein Sprecher sagt, sondern "eine Medienkrise". Seit Tagen rufen pausenlos Redakteure von Fernsehsendern, Radiostationen, Zeitungen an und fragen: "Wo bleiben die irakischen Flüchtlinge?" Die immer gleiche Antwort: "Noch gibt es kaum welche." In Syrien zählten UNHCR-Mitarbeiter 14 gestrandete Iraker, die bald darauf bei Verwandten unterkamen. Die Grenze nach Jordanien überquerten ein paar hundert Menschen – allerdings keine Iraker, sondern Sudanesen und andere Gastarbeiter, die zurück in ihre Heimat wollen.

Keine Flüchtlingsströme, keine Massenpanik, also keine große Not? Sind die Raketentreffer der Amerikaner, wie versprochen, doch so präzise, dass die Iraker das Ende der Bombardements getrost zu Hause abwarten können? Für 600000 Menschen hat das Flüchtlingshilfswerk im Iran, in der Türkei, in Syrien und in Jordanien Zeltstädte aufgebaut. Humanitäre Organisationen von Cap Anamur, über Oxfam bis zum Malteser Hilfsdienst haben tonnenweise Medikamente, Wasser, Decken und Lebensmittel herangeschafft. Schon in den ersten Tagen rechnete man mit Tausenden von Toten und Zehntausenden von Verletzten. Nach zwei Wochen Krieg, nach über 6000 Bomben und 700 Marschflugkörpern auf irakische Städte scheint es nach vorsichtigen Schätzungen vieler Organisationen und nach allem, was man überhaupt aus dem Irak erfahren kann, bislang zum Glück weniger zivile Opfer zu geben als befürchtet: rund 600 Tote und täglich etwa 400 Verwundete.

Ein zweites Leningrad?

Dennoch, die kriegserfahrenen Helfer der Vereinten Nationen und privater Hilfsorganisationen halten es nach wie vor für möglich, dass die düsteren Voraussagen wahr werden. Mit guten Gründen. Solange Bomben auf das Land niederprasseln und solange der Vorrat an Lebensmitteln noch reicht, sagt das UNHCR, wagen sich die Menschen nicht auf die lebensbedrohliche Flucht. Sie verkriechen sich in Bunkern und Kellern. Aber wenn das Brot knapp wird und die Wasserkanister leer sind, dann werden die Iraker aus den Städten weglaufen, wie es in Basra schon geschieht. Zuerst werden jene fliehen, die es sich leisten können. Der Preis für die 600 Kilometer lange Fahrt von Bagdad zur jordanischen Grenze ist von 150 Dollar vor dem Krieg auf mittlerweile 2000 Dollar gestiegen. Der Exodus droht erst recht, wenn Häuserkämpfe und ethnische oder religiöse Konflikte zwischen den Kurden, Sunniten und Schiiten toben oder wenn sich Seuchen ausbreiten werden. In Basra, der hart umkämpften Millionenstadt im Südirak, meldet die Weltgesundheitsorganisation bereits den Ausbruch von Durchfallerkrankungen.

Eine humanitäre Katastrophe könnte vor allem bevorstehen, wenn die alliierten Truppen nach Bagdad vorstoßen, wenn sie die "wohl am besten befestigte Stadt dieser Welt", wie ein UN-Mitarbeiter sagt, einkesseln und beschießen werden. Sollten Saddam Hussein und seine Schergen nicht von der Macht weichen und die Fünf-Millionen-Metropole bis zum Letzten verteidigen – dann, fürchtet ein erfahrener Krisenhelfer, der seinen Namen nicht nennen möchte, stehe ein "zweites Leningrad" bevor. Die russische Stadt an der Newa war im Zweiten Weltkrieg 872 Tage lang von deutschen Truppen eingeschlossen. Über eine Million Einwohner kamen damals ums Leben. Was dräut erst, wenn der Despot von Bagdad am Ende doch noch chemische oder biologische Waffen einsetzt?

"Darauf sind wir ebenso wenig vorbereitet wie die irakische Zivilbevölkerung", sagt der Sprecher der Caritas, Hanno Schäfer, in der jordanischen Hauptstadt Amman. Und auch bei den Vereinten Nationen gibt man zu, dafür nicht gerüstet zu sein. Zwar haben Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen Vorräte an Brandsalben, Verbandszeug und chirurgischem Werkzeug angelegt – Gasmasken oder Schutzanzüge besitzen aber nicht einmal die ausländischen Helfer.

Doch kann man sich auf eine solche Apokalypse überhaupt vorbereiten: eine zermürbte Millionenstadt im Belagerungszustand, in der dann auch noch Gasgranaten niedergehen? Die humanitären Organisationen haben erst einmal viel näher liegende Sorgen. Vor allem: Wie lässt sich unabhängige Hilfe in einer Schlacht organisieren, in der die alliierten Truppen alles und jeden bestimmen wollen – auch die Hilfsorganisationen?

"Wir sind nicht die fünfte Kolonne"

Ein sechsköpfiges Team von Ärzte ohne Grenzen harrt noch im Al-Kindi-Krankenhaus im Nordosten von Bagdad aus – mitten im Krieg. Die meisten Organisationen haben ihr ausländisches Personal längst abgezogen. Die sechs Mediziner – sie stammen aus Italien, Frankreich, Österreich, Norwegen, Sudan und Algerien – behandeln rund um die Uhr Patienten, die bei Bombenangriffen Quetschungen und Schnittwunden durch umherfliegende Glasscherben und Gebäudeteile davongetragen haben. Vor allem aber, sagen sie, litten immer mehr Leute an den psychischen Folgen des tage- und nächtelangen Beschusses. Mehrfach schon seien Menschen mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen zusammengebrochen. Schuld daran, diagnostizieren die Notfallärzte, sei der Stress infolge dauernder Todesangst.

Irakische Mitarbeiter der Caritas berichten, dass immer wieder Bomben und Raketen in Wohngebieten einschlügen. Es gebe Alte, Kranke und Schwangere, die seit Tagen nicht geschlafen hätten und sich in Kirchen am Rande von Bagdad flüchteten.

Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat noch ausländische Helfer im Irak. Sechs in Bagdad, vier in Erbil und seit dieser Woche vier weitere in Basra. Sie werden von etwa hundert irakischen Kollegen unterstützt. Vor wenigen Tagen gelang es ihnen, die Wasserpumpen nördlich von Basra wieder in Gang zu setzen, seitdem verfügt zumindest die Hälfte der Einwohner über Trinkwasser. Das war eine heikle, aber lebensnotwendige Aktion. Fachleute aus Kuwait mussten herbeigeschafft werden, ebenso irakische Ingenieure aus der von britischen Truppen belagerten Stadt Basra. Das Rote Kreuz verhandelte mit allen Kriegsparteien, erst dann konnten die Helfer die feindlichen Linien überqueren – die erste so genannte cross-line-operation dieses Krieges. Ebenfalls zum ersten Mal seit Beginn der Kämpfe besuchten am Montag 15 Rot-Kreuzler ein Kriegsgefangenen-Lager der Amerikaner im Süden des Iraks.

Sie inspizierten die Unterkünfte, sprachen mit den Kommandeuren und befragten einzelne Insassen über die Haftbedingungen. Über das Ergebnis der Visite herrscht Schweigen. Nach amerikanischen Angaben haben die alliierten Truppen inzwischen 4000 irakische Kämpfer festgesetzt, die Iraker sprechen von neun US-Kriegsgefangenen. Die humanitären Organisationen hoffen, dass die Gefangenen auf beiden Seiten so behandelt werden, wie es die Genfer Konvention vorschreibt. Mit Genugtuung registrierten sie, dass US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld unverzüglich auf die Einhaltung der internationalen Regeln pochte, als die Iraker im Fernsehen US-Soldaten vorführten. Nicht immer erweist das demokratische Amerika dem Völkerrecht so viel Respekt. Auf das Bagdader Regime ist in dieser Hinsicht sowieso kein Verlass.

Alle Helfer, ob von den Vereinten Nationen oder den vielen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), eint in diesem Krieg eine große Sorge: "Wir wollen nicht die fünfte Kolonne der Koalitionsarmee sein", sagt ein UN-Mitarbeiter.

"Kooperation, ja. Lenkung, nein"

Die humanitäre Hilfe, das hatte Washington von Anfang an klar gemacht, sollte bei diesem Feldzug vor allem die Angelegenheit der Amerikaner sein. Unterstützung vom Roten Kreuz, von der UN und den vielen NGOs sei zwar herzlich willkommen, aber bitte nur nach Weisung des Militärs. Die amerikanische Regierung hat die humanitären Einsatzpläne bis ins Detail ausgearbeitet. Von der Hafenstadt Umm Kasr aus verteilen Soldaten Hilfsgüter im Süden des Landes. Vor dem Krieg war Umm Kasr bereits Umschlagplatz der Lebensmittelhilfe des Oil-for-Food-Programms, von der seit vielen Jahren fast zwei Drittel der Iraker abhängen. Nach Schätzungen des Kin-derhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef, bekam schon vor dem Krieg jedes vierte Kind nicht genug zu essen, um sich körperlich und geistig normal zu entwickeln. In der vergangenen Woche hat der UN-Sicherheitsrat beschlossen, das Programm für anderthalb Monate wieder aufzunehmen. Bagdad protestiert, weil die Güter, anders als in der Vergangenheit, an der Regierung vorbei verteilt werden sollen.

"Wir sind nicht die fünfte Kolonne"

Längst wacht die staatliche amerikanische Entwicklungshilfe-Agentur USAID über die Lebensadern in den Irak. Das von ihr gesteuerte Disaster Assistance Response Team, kurz DART genannt, erkundet von Kuwait aus, an welchen Orten im Irak ihrer Einschätzung nach Hilfe gebraucht wird, und versucht die NGOs zu instruieren. Die "Einsatzbefehle" soll das Humanitarian Operation Center (HOC) erteilen, eine Kommandozentrale, die ebenfalls in Kuwait eingerichtet wurde, besetzt mit 50 Regierungsbeamten und Militärs. In einer Ansprache von George W. Bush an das irakische Volk schmilzt das ganze Unternehmen auf die einfache Formel zusammen: "Während unsere Koalition das Regime beseitigt, liefern wir euch die Lebensmittel und die Medizin, die ihr braucht."

Die Verheißung des amerikanischen Präsidenten – für die internationalen Helfer ein Albtraum. Wer sich einmal mit den Militärs verheirate, sagt Poul Nielson, verliere seine Glaubwürdigkeit als neutrale Institution. Den einsilbigen und recht medienscheuen dänischen EU-Kommissar für Entwicklung und humanitäre Hilfe hat der Irak-Krieg ins Rampenlicht gezwungen. Die EU leistet über ihre Unterbehörde ECHO seit dem ersten Golfkrieg Hilfe im Irak und verkündet mit hörbarem Stolz, dass ECHO damit der dienstälteste und größte Spender vor Ort sei. Dieser Tage beschwerte sich Nielson lauthals in Washington und London, wo ihn bislang kaum jemand kannte oder wahrnahm. Schon in Afghanistan, mahnte der Kommissar, hätten britische und amerikanische Soldaten, getarnt als zivile Helfer, Essen, Getränke und Kleidung verteilt und dabei die Menschen ausgefragt. "Die Leute werden misstrauisch", sagt Nielson, "das weckt Ängste bei den Hilfsorganisationen." Und die Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen, Ulrike von Pilar, ergänzt: "Wie sollen sich humanitäre Helfer dagegen schützen, mit Soldaten verwechselt zu werden? Wir fürchten um den Geist der Genfer Konventionen und fordern, dass die Helfer ausschließlich im Interesse der Opfer handeln – nicht im Interesse irgendeiner Regierung."

Aus diesem Grund wehren sich die NGOs auch gegen eine von der alliierten Koordinierungsstelle HOC abgestempelte Ausweiskarte. Auf ihr sollte der Name der Hilfsorganisation und der Einsatzort eingetragen werden. Für die NGOs gleichsam eine Visitenkarte der Streitkräfte. "Koordination durch die HOC, ja", sagt Ed Schenkenberg vom Internationalen Rat freiwilliger Hilfsagenturen (ICVA) in Genf, "Lenkung, nein." Wir dürfen niemals den Eindruck erwecken, sagt ein UN-Mitarbeiter, als marschierten wir mit den Armeen.

Ganz ohne Militär geht es aber auch nicht – das ist den Helfern klar. Eine Planerin der UN gibt hinter vorgehaltener Hand zu: Weder die Vereinten Nationen noch die privaten Agenturen haben bisher ausreichend Informationen darüber, wo im Irak am dringendsten geholfen werden müsste. Und manche Helfer haben in der Vergangenheit mit den Uniformierten gute Erfahrungen gemacht, zum Beispiel im Kosovo und in Mazedonien. Noch aus dem letzten Golfkrieg wissen sie, dass sich NGOs mitunter selbst im Wege stehen können. Hunderttausende von kurdischen Flüchtlingen harrten 1991 wochenlang in Schnee und Regen im bergigen Nordirak aus. In einem Zelt stritten derweil mehrere Organisationen, wer wann wo wem beistehen durfte. Es ging dabei auch um Macht und Geld. Das Hauen und Stechen stand in seltsamem Kontrast zu den Nöten der Menschen.

Mitarbeit: Gisela Dachs (Tel Aviv), Thomas Fischermann (New York), Joachim Fritz-Vannahme (Brüssel), Reiner Luyken (Larnaka)